Internet 14.01.2000, 17:24 Uhr

„Wie beim Liebemachen“

Der geplante Zusammenschluss des Online-Riesen AOL mit dem Multimedia-Giganten Time Warner in den USA schockt die etablierte Medienindustrie. Wird die Fusion genehmigt, entsteht der mit Abstand größte globale Medien- und Unterhaltungskonzern.

CNN-Gründer und Multimilliardär Ted Turner, 61, präsentierte sich in New York so frisch, als sei er soeben dem Jungbrunnen entstiegen. Bei der Unterschrift unter die Fusionsvereinbarung, schwelgte der silberhaarige Großaktionär des weltgrößten Medienkonzerns Time Warner, habe er „ebensolche Erregung und denselben Enthusiasmus“ empfunden „wie beim ersten Mal, als ich Liebe gemacht habe, vor 42 Jahren“.
Für das späte Hochgefühl (plus ein Aktienpaket im Wert von rund 5 Mrd. Dollar) kann sich Turner bei Steve Case, 41, bedanken. Der Chef des weltgrößten Online-Dienstes AOL, gegründet 1985, hat den Anstoß zur Fusion mit der Time-Warner-Gruppe gegeben, die aus dem 1923 gegründeten US-Nachrichtenmagazin Time hervorgegangen ist. Name der geplanten Multimediagruppe: AOL Time Warner.
Das mächtige Konglomerat, so plant Case, soll der erste vollintegrierte Internet-, Verlags- und Unterhaltungskonzern der Welt werden. Um dieses Ziel, die bisher größte Firmenfusion der Geschichte, nicht zu gefährden, offerierte Case sogar Time-Warner-Boss Gerald Levin, 60, den Vorstandsposten des geplanten Megakonzerns. Der AOL-Chef selbst begnügt sich mit dem Verwaltungsratsvorsitz. „Dies ist das erste Mal“, schwärmte Case in New York, „dass sich ein großes Internet-Unternehmen mit einem führenden Medien-Unternehmen zusammenschließt. Und die Möglichkeiten sind endlos.“
Höflichkeitshalber spricht man in der AOL-Zentrale in Dulles, Virginia, USA, zwar von „Zusammenschluss“. Doch in Wirklichkeit wird Time Warner (Firmensitz: New York City) von AOL gekauft. Preis: rund 163 Mrd. Dollar in Aktien. Branchenbeobachter wie Steven Frenkel von der New Yorker Investmentbank Ladenberg Thalmann sehen „die Kapitulation der klassischen Wirtschaft“ – im Finanzjargon auch bekannt unter Ziegel-und-Mörtel-Industrie – „vor der Internet-Ökonomie“ als besiegelt.
Ironie der Fusionsgeschichte: Als größter Verlierer könnte am Ende die deutsche Bertelsmann AG dastehen – ausgerechnet der Medienkonzern also, der als erstes in AOL investiert hatte und der 50 % an AOL Europe hält.
Zwar versuchte Vorstandschef Thomas Middelhoff den Milliarden-Deal zunächst tapfer als Bestätigung der Bertelsmann-Linie umzudeuten.
Der Schritt von AOL und Time Warner zeige, sagt Middelhoff, „dass wir seit Jahren das richtige Ziel verfolgen, nämlich die Möglichkeiten des Internet in alle Mediengattungen und -geschäfte zu integrieren“. Aber da ließen „Eingeweihte“ in den USA schon gegenüber dem Wall Street Journal durchsickern, dass nunmehr Middelhoffs Rücktritt aus dem AOL-Verwaltungsrat erwartet werde.
Das Handicap des Deutschen: Bertelsmann-Aktien werden nicht an der Börse gehandelt. Weil es deshalb nicht für einen Aktientausch infrage kommt, muss das Unternehmen nun beim Medien-Monopoly eine Runde aussetzen. Denn ermöglicht wurde das Geschäft durch den Internet-Boom, der AOL auf einen Börsenwert von 165 Mrd. Dollar katapultiert hatte – beinahe doppelt soviel wie Time Warner (83 Mrd. Dollar). 55 % des neuen Unternehmens übernehmen somit die AOL-Anteilseigner. Ihre Wertpapiere sollen 1:1 durch die neuen Aktien von AOL Time Warner abgelöst werden.
Ist das die Rache der Computerfreaks an einer müden Medienwirtschaft, die das Internet-Zeitalter verschlafen hat? So unkte nicht nur der US-Marktbeobachter Tim Bajarin von Creative Strategies in Campbell (Silicon Valley). AOLs Jahrhundert-Coup hat Schockwellen durch die Industrie geschickt. Unvermittelt sehen sich traditionelle Verlags- und Unterhaltungskonzerne als Fusions- und Übernahmekandidaten für Turnschuh-Milliardäre.

Die letzte Bastion des freien Medienwettbewerbs ist gefallen

Die bange Frage der Medienkapitäne: Wer steht als nächstes auf der Einkaufsliste der Internet-Zocker? Ab sofort, so das Wall Street Journal, sei nur noch soviel gewiss: „Anything goes – Alles ist möglich.“ Wie der AOL-Griff nach der Medienmacht belegt: Denn verglichen mit dem weltweiten Imperium von Time Warner, verfügt AOL bislang über eine eher schmale Basis zahlender Kunden (Firmenjargon: „Mitglieder“), nur etwa 20 Mio.
Die Gruppe selbst (rund 12 000 Mitarbeiter) besteht aus den Online-Diensten AOL und Compuserve, dem Internet-Pionier Netscape sowie einer Reihe neuer Multimedia-Unternehmen wie Digital City oder Winamp. Demgegenüber erreicht Time Warner (70 000 Beschäftigte) allein mit CNN rund 1 Mrd. Zuschauer weltweit. 35 Mio. Abonnenten hat die Gruppe auf ihren Kabelfernseh-Service Home Box Office (HBO) verpflichtet. Der Konzern betreibt das Filmstudio Warner Bros. sowie die Warner Music Group und erreicht mehr als 120 Mio. Leser mit Zeitschriften wie Time, Sports Illustrated, Fortune oder People.
Die AOL-Manager machen jedoch kaum einen Hehl daraus, dass sie zur Übernahme des Medienriesen weniger der Zugewinn an journalistischer Kompetenz verlockt hat. Vielmehr reizte die Aussicht, ihren Internet-Apparat mit der Anzeigen- und Marketing-Maschinerie von Time Warner zu verschmelzen. So könnten zukünftig Zuschauer direkt zum Online-Shopping bei AOL durchgeschaltet werden. Die Fusion, begeisterte sich AOL-Topmanager Bob Pittman, „lässt unser Werbe- und E-Commerce-Potential buchstäblich durch die Decke fliegen“. Für zukünftige Fusionäre hingegen, erklärt Branchenbeobachter Jim Preissler vom Investmentunternehmen Paine Webber in New York, dürfte es „sehr schwer werden, eine vergleichbare Kombination wie die von AOL und Time Warner je hinzubekommen“.
Dabei hat der Online-Riese vor allem den logisch nächsten Schritt im Sinn. Time Warner hat dafür den Boden bereitet: Breitbandige AOL-Angebote per Time-Warner-Kabelnetz, dem zweitgrößten der USA. Auf diese Weise ließen sich dann auch Videos oder Musikkonserven per Internet abrufen. Die Fusion, ist sich Steve Case mit den Branchenbeobachtern einig, „wird die Einführung eines reichhaltigen Breitband-Angebots für den Massenmarkt beschleunigen“.
Durch übermächtige Medienkonzerne wie AOL Time Warner, warnen hingegen Kritiker wie Robert McChesney von der University of Illinois, werde die Medienfreiheit weiter eingeschränkt. Die Fusion, sagt der Autor des Buches „Rich Media, Poor Democracy“, sei „der letzte Sargnagel“ für das Internet „als letzte Bastion des freien Medienwettbewerbs“.
Gemischte Gefühle angesichts der Fusion gibt es auch bei der „San Jose Mercury News“, der „Hauszeitung“ des Silicon Valley, deren Verlag Knight-Ridder bei AOL investiert hat. Die kombinierten Ressourcen der fusionierten Firmen, kommentierte das Blatt, würden zur „Goldgrube“ für aggressives Marketing. Denn AOL sei „berüchtigt für die absolute Geringschätzung der Datenschutzbedürfnisse seiner Kunden“. RSV
Bereits ohne den Online-Dienst AOL stand Time Warner weltweit unangefochten an der Spitze der Medien- und Unterhaltungsunternehmen.
Applaus nach dem gelungenen Coup: AOL-Chef Steve Case, Time-Warner-Chef Gerald Levin und sein Vize Ted Turner wollen der Medienwelt ein Schnippchen schlagen.

Von Rsv
Von Rsv

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