Handhabung 04.06.1999, 17:21 Uhr

Was nützen multifunktionale Geräte, wenn sie unbedienbar sind?

Bei multifunktionalen Geräten werden wir den technischen Fortschritt erst richtig nutzen können, wenn Hersteller wie Kunden begriffen haben, daß wir eine menschengerechte Technik brauchen. So lautet das Credo von Professor Zühlke in seinem nachfolgenden Beitrag.

Betrachtet man momentan die Entwicklung technischer Geräte, so wird der Trend zur Multifunktionalität überdeutlich. Angefangen von Mikrowellenherden mit Touchscreen-Bedienung und Internet-Anschluß, Terminplanern mit Internetzugang über Handy-Infrarotport bis hin zu Autoradios, die mehr und mehr kleinen Bordcomputern ähneln und Navigation, Klimasteuerung, Telefonieren etc. in sich integrieren.
Kein Zweifel, wir bewegen uns mit unglaublicher Geschwindigkeit in eine Welt der totalen informationstechnischen Vernetzung. Mittlerweile besitzt jedes Mittelklasseauto mehr Rechenleistung, als die Mondlandefähre 1968 an Bord hatte. Und jedes halbwegs auf dem Stand der Technik befindliche Gerät wird mit integrierten Uhren, Weckern, Timern sowie futuristischen Displays ausgestattet. Jeder Netzstecker wird uns zukünftig den Weg in ein Hausnetz öffnen, so daß es technisch möglich sein wird, alle Hausgeräte miteinander kommunizieren zu lassen und über ein Gateway den Weg in die globale Welt des Internet zu öffnen.
Demgegenüber steht der Mensch, der gerade mit der Menge, der Vernetzung und der Intransparenz von Informationen große Probleme hat. Wenn Telefone, Wecker, Heizungssteuerungen etc. mit leistungsfähigen Steuerrechnern ausgestattet werden, die wiederum über netzwerkfähige Kleinstbetriebssysteme wie Windows CE oder Epoc verfügen, so wird der Mensch vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Hersteller werden erkennen müssen, daß nicht die technischen Möglichkeiten die Grenzen definieren, sondern der Mensch mit seinen begrenzten Fähigkeiten zur Informationsaufnahme und -verarbeitung.
Damit sich der Mensch in seiner Umwelt zurechtfindet, bildet er in seinem Gehirn von klein auf mentale Modelle und Handlungsmuster, die ihm helfen, alltägliche und immer wiederkehrende Vorgänge intuitiv quasi kochbuchartig zu erledigen. So ist es für den Menschen ganz normal, zuerst den Telefonhörer abzuheben, dann die Telefonkarte einzuführen und dann zu wählen und nicht etwa umgekehrt.
War es häufig noch einfach, solche mentalen Modelle durch Ausprobieren und Merken zu bilden, so wird dies immer schwieriger. Alleine für eine vergleichsweise einfache Handlung wie das Einstellen einer Uhrzeit in einem elektronischen Gerät gibt es auf dem Markt mindestens 30 unterschiedliche Varianten. Tests mit Versuchspersonen haben belegt, daß das Programmieren einer Zeitschaltuhr, wie sie heute in nahezu jedem Herd, jeder Rolladensteuerung oder Heizung zu finden ist, von 80 % der Probanden nur mit Problemen richtig gelöst wird. Selbst solch einfachen Geräten mangelt es an der notwendigen Offensichtlichkeit ihrer technischen Funktionen.
Dieser Problematik rückt man dann gerne mit Bedienungsanleitungen zu Leibe. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn vom Kunden vor der Nutzung eines eher alltäglichen Gerätes, wie z. B. eines Camcorders, das intensive Studium eines 100seitigen Buches verlangt wird.
Zunächst gilt es, Entwickler wie Kunden über die nutzergerechte Gestaltung technischer Geräte aufzuklären. Ausbildung bzw. berufsbegleitende Fortbildung für die Entwicklung menschengerechter Technik auf der Basis arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse sind absolut notwendig. Und die Kunden werden lernen müssen, daß eine intuitive Bedienbarkeit mindestens den gleichen Stellenwert bei ihrer Kaufentscheidung haben sollte wie die Funktionsvielfalt.
Weiterhin werden wir neue Standards oder Richtlinien benötigen, die z. B. vorgeben, wie allgemeine Grundfunktionen technischer Geräte gestaltet werden sollten. Hierzu zählen das Einstellen von Uhrzeiten ebenso wie die Auswahl von Menüelementen, der Abbruch von fehlerhaften Eingaben oder die jederzeit mögliche Rückkehr zu einem Startpunkt. Die Standardisierung sollte dabei nicht als Verhinderung der Produktunterscheidung gesehen werden, sondern als Hilfe für den Menschen, mentale Modelle für immer wiederkehrende Bedienhandlungen bilden zu können. Auch die Automobilbedienung lebt in ihren Grundfunktionalitäten von internationalen Standards, ohne daß dadurch ein Markenimage verhindert worden wäre.
Andererseits werden Standards immer mehr durch De-facto-Standards, die marktführende Industrieunternehmen schaffen, ergänzt. So erleben wir bei Maschinensteuerungen seit einigen Jahren einen Übergang zu offenen Systemen basierend auf den Standards der PC-Technik. Traditionelle und herstellerspezifische Bediensysteme werden durch Windows-basierte ersetzt. Dabei wird gerne vergessen, daß das Windows-System (wie auch vergleichbare) vorwiegend für Büroumgebungen konzipiert wurde und viele Gestaltungsdetails im Werkstattumfeld, wo z. B. keine Maus vorhanden ist, zu ergonomisch unsinnigen Lösungen führen.
Die Hersteller werden lernen müssen, daß Gestaltung und Entwicklung eines nutzergerechten Bediensystems auf der Grundlage wissenschaftlicher Methoden einen mindestens gleich hohen Aufwand verlangt, wie die Hard- oder Softwareentwicklung eines Gerätes. Dementsprechend sollte man in sprachlicher Analogie einen neuen Begriff einführen – die Useware – und damit die eigenständige Bedeutung dieses Systembestandteils unterstreichen. Ein nutzergerecht gestaltetes Bediensystem führt nachweislich zu einer höheren Kundenzufriedenheit sowie durch die effizientere Nutzung zumindest bei industriellen Geräten zu entsprechenden Kosteneinsparungen und einer deutlichen Reduzierung von Bedienfehlern.
In einigen Technikbereichen ist ein Umdenken zu erkennen. So wurde jüngst in einem großen deutschen Magazin in vier von fünf Werbeanzeigen für Handys mit der guten Bedienbarkeit geworben. Mehr und mehr Hersteller beziehen Bedienbarkeitsuntersuchungen in ihre Entwicklungen ein. Doch es liegt noch ein langer Weg vor uns.
Gerade bei multifunktionalen Geräten stellt sich die Frage, ob die Fortschrittgeschwindigkeit der technischen Möglichkeiten die der nutzergerechten Bediensystemgestaltung – der Useware – nicht um Größenordnungen schlägt. Doch wird letztendlich der Mensch das Maß aller Dinge bleiben. Erst wenn Hersteller wie Kunden begriffen haben, daß wir eine menschengerechte Technik brauchen und nicht den technikgerechten Menschen, werden wir den technischen Fortschritt richtig nutzen können.
DETLEV ZÜHLKE
Detlef Zühlke: „Windows-Style“ im Werkstattumfeld, wo z. B. keine Maus vorhanden ist, führt zu ergonomisch unsinnigen Lösungen.

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