Black Box im Auto 09.05.2013, 12:30 Uhr

Versicherer schauen Autofahrern ins elektronische Logbuch

Netzbetreiber nehmen die Kfz-Versicherungswirtschaft und ihre Klientel ins Visier. Jüngster Vorstoß ist der Versuch, Versicherer mit Bewegungsdaten von Fahrzeugen zu versorgen. Damit, so das Kalkül, könnten die Assekuranzen nutzungsabhängige Tarife für Fahrer anbieten. Doch die Kunden sind skeptisch.

Die Versicherer arbeiten an Systemen, die Bewegungsdaten eines Autos in einer Blackbox speichern. Alle erfassten Positions- und Bewegungsdaten schickt die Einheit in regelmäßigen Abständen selbstständig an einen Rechner beim Netzanbieter. Vodafone hat im März ein Pilotprojekt mit dem britischen Versicherer AIG Europe gestartet.

Die Versicherer arbeiten an Systemen, die Bewegungsdaten eines Autos in einer Blackbox speichern. Alle erfassten Positions- und Bewegungsdaten schickt die Einheit in regelmäßigen Abständen selbstständig an einen Rechner beim Netzanbieter. Vodafone hat im März ein Pilotprojekt mit dem britischen Versicherer AIG Europe gestartet.

Foto: Vodafone

Die gelieferten Bewegungsdaten sollen eine Kreuzpeilung aus GPS- und GSM-Daten sein. Beschleunigungssensoren liefern Informationen zum Fahrverhalten. Mit dem Erfassen, Verarbeiten und Weiterleiten der Daten hat der Fahrer selbst keinen Aufwand. Diese Aufgaben erledigt eine kleine Blackbox im Auto.

Die Box enthält neben einem GPS-Modul, einer SIM-Karte und einem Chip für Verarbeitungs- und Speicherfunktionen auch die entsprechende Sensorik. Alle erfassten Positions- und Bewegungsdaten schickt die heute nachrüstbare und später serienmäßig eingebaute Einheit in regelmäßigen Abständen selbstständig an einen Rechner beim Netzanbieter. Aufgrund des eigenständigen Informationsaustausches spricht man von der sogenannten Machine-to-Machine-Kommunikation, kurz M2M.

In den USA und England sank Schadensaufwand um 30 %

Markus Haas, Vorstand Strategie bei der Telefónica Deutschland Holding AG, stellte Mitte April in Düsseldorf die M2M-Lösung Telefónica Insurance Telematics vor. „Hierbei werden die Fahrinformationen verschlüsselt und getrennt vom Versicherer verarbeitet“, sagte Haas. Vorteile für Versicherer seien geringere Kosten und eine niedrigere Schadensquote: In den USA und in Großbritannien sei der Schadensaufwand um bis zu 30 % zurückgegangen. In Spanien habe die Generali-Gruppe Anfang Februar ein entsprechendes Produkt eingeführt. Auch hierzulande, so Haas, sei man in Gesprächen mit Versicherungen.

Prinzipiell erzeugen die Autos, die Daten selbstständig weiterleiten, im Informationsaustausch mit den Auswertungsservern von Netzbetreiber und Versicherer ein hohes Gut: Echtzeit-Informationen. Diese geben je nach gewähltem Umfang und Anonymisierungsgrad voll oder ausreichend präzise Auskunft über das Fahrverhalten der Versicherten. Davon können in Zukunft beispielsweise preiswertere Tarife für umsichtige Fahrer und höhere Tarife für risikobereite Fahrer abgeleitet werden. Doch welcher Fahrer lässt sich schon gerne jederzeit live beobachten?

Egal wie facettenreich die neuen Nutzenversprechen der Netzbetreiber scheinen, Stephan Schweda, Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, verweist darauf, dass es Pay-as-you-drive-Modelle bereits seit Jahren gebe. Außerdem seien die hiesigen Tarife bereits sehr nutzungsabhängig, auch ohne Bewegungsdaten. „Die Versicherungen haben also kaum Veranlassung, um einiger kleiner und dazu noch umstrittener Verfeinerungen wegen aufs Glatteis zu gehen“, betonte Schweda. Denn nicht nur Bürgerprotest ist vorprogrammiert, auch der oberste Datenschützer Peter Schaar meldete sich prompt zu Wort. Er fragte, wie der Fahrzeughalter nun noch Herr seiner Daten bleiben könne und welche der neuen Dienste datenschutzrechtlich überhaupt umsetzbar wären.

Aufruhr sowohl bei Datenschützern als auch Bürgern

Gleichwohl startete Vodafone Anfang März gemeinsam mit dem britischen Beratungshaus Towers Watson ein ähnliches Pilotprojekt für den Test nutzungsbasierter Versicherungsangebote mit dem UK-Versicherer AIG Europe. Hierfür haben Vodafone und Towers Watson ihre Projekte „Vehicle Connect“ und „DriveAbility“ gekoppelt. Die Fahrzeuge werden mit M2M-Modulen ausgestattet, die sekündlich Daten zum Fahrverhalten über Mobilfunk an einen zentralen Server übermitteln.

Mit den hieraus gewonnenen Daten und der Einbindung weiterer Inhalte wie Wetter- oder Verkehrsflussinformationen wird ein Wert für einen individuellen Versicherungstarif ermittelt, basierend auf dem tatsächlichen Nutzungsverhalten. Zudem können Versicherer ihren Kunden mit der M2M-Lösung im späteren Dauerbetrieb weitere Dienste wie das automatische Notrufsystem E-Call oder die Verfolgung von gestohlenen Fahrzeugen anbieten. Dazu Erik Brenneis, Direktor des weltweiten M2M-Geschäfts von Voda-
fone: „Der Nutzen von Telematiklösungen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft ist groß. So können entsprechende M2M-Lösungen, bei denen Fahrzeuge mit einem zentralen Server oder anderen Autos kommunizieren, den Verkehr ressourcenschonender und unfallfreier gestalten.“ Da es bei einigen Autofahrern noch datenschutzrechtliche Bedenken gebe, müsse jeder Kunde im Vorfeld einer Entscheidung für eine Telematiklösung ausdrücklich der Verwendung seiner Daten zustimmen, so Brenneis.

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