Software 18.05.2007, 19:28 Uhr

„Unser einziges Problem ist es, genug gute Mitarbeiter zu finden“  

VDI nachrichten, Berlin, 18. 5.07, sta – Die Berliner Ableton AG entwickelt und vermarktet Musiksoftware, die eine Brücke zwischen Studioarbeit und Live-Auftritten schlägt. Seit der Gründung im Jahr 1999 ist das Unternehmen von zwei auf über 70 Mitarbeiter gewachsen und setzt inzwischen weltweit über 7 Mio. € um.

Bohl: Mittlerweile sind fast 500 000 Lizenzen raus, wir sind über 70 Leute und hatten zuletzt 7,05 Mio. € Umsatz.

VDI nachrichten: Eine halbe Millionen Lizenzen?

Bohl: Ein Großteil davon sind OEM-Versionen, also Software, die wir an Hardware-Partner lizenziert haben. Auf Keyboards oder Soundkarten ist unsere Software oft vorinstalliert.

VDI nachrichten: Wie sind Sie in diesen Markt reingekommen?

Bohl: Gerade im umkämpften Keyboardmarkt können sich die Hersteller fast nur noch über Software differenzieren. Unsere Produkte sind in dieser Situation willkommen.

VDI nachrichten: Zu Ihren Kunden zählen viele Weltstars aus Pop und Jazz, aber auch Komponisten und Theater. Wie kommen die auf Ihre Software?

Bohl: Das ist die andere Seite unseres Marketings. Wir pflegen enge Artist Relations. Vor allem dafür haben wir seit 2005 eine Niederlassung in Manhattan. Wir wollen näher an unseren US-Kunden sein.

VDI nachrichten: Sprechen Sie die Künstler an?

Bohl: Meist wenden die sich an den technischen Support. Musiker tun sich oft schwer mit Computern und Software. Wir helfen ihnen. Sie danken es uns, indem sie Ableton in Interviews erwähnen oder in Fachzeitschriften über ihre Erfahrungen mit unserer Software berichten. Das zieht neue Kunden an.

VDI nachrichten: Sie sprechen sowohl den Massenmarkt als auch professionelle Musiker an. Woher wissen Sie, was der Markt wünscht?

Bohl: Über den Support und das Forum unserer Webseite. Da schildern User ihre Probleme, äußern Wünsche und helfen anderen. Teils verfassen sie Hunderte Beiträge pro Jahr. Diese „Heavy User“ beziehen wir aktiv in unsere Entwicklungsprozesse ein.

VDI nachrichten: Wie?

Bohl: Einmal jährlich fliegen wir sie aus aller Welt zu Software-Workshops ein. Dort testen sie auch die Beta-Versionen unserer Upgrades vorab. Ihr Feedback ist uns wichtig

VDI nachrichten: Ein demokratischer Entwicklungsprozess. Demokratie auch auf Ihrer Webseite: Die Vorstände sind in der Fotogalerie der Mitarbeiter nicht hervorgehoben. Vertritt Ableton die Werte der New Economy?

Bohl: Jeder hier ist wichtig. Aber New Economy? Laisser-faire gibt“s hier nur, solange die Qualität stimmt. In unserem Markt wäre es Gift, unzuverlässige Software herauszubringen. Das hängt einem noch Jahre später an.

VDI nachrichten: Viele Ihrer Mitarbeiter verbinden Informatik und Erfahrungen als DJ“s, Musiker oder Tontechniker. Zugleich formulieren sie hohe Qualitätsansprüche. Finden Sie genug Mitarbeiter?

Bohl: Es ist unser größtes Problem, gute Leute zu finden. Wir verzichten lieber auf Einstellungen, als Mittelmaß zu rekrutieren.

VDI nachrichten: Wofür brauchen Sie die Top-Entwickler? Ihr zentrales Produkt, die Software „Live“, steht und wird nur noch verfeinert.

Bohl: Es gibt noch unglaublich viel zu tun. Elektronik in der Musik steht erst am Anfang. Noch in den 90ern mussten Sie die Musik anhalten, um ein neues Stück zu laden. Samples in Echtzeit einspielen, Tempi über Time-strech-Funktionen spontan anpassen, so etwas geht erst seit wenigen Jahren. Unsere Startversion „Live 1“ war ein DJ-Tool. Heute konkurrieren wir auf Augenhöhe mit den Marktführern für Studiosoftware. „Live“ ist kein Add-on mehr, Musiker editieren und mastern ihre Stücke jetzt auch damit.

VDI nachrichten: Was fehlt noch zur kompletten Studiolösung?

Bohl: Vor allem Sounds und Instrumente. Und es gibt große unbeackerte Märkte. Instrumentalisten zum Beispiel. Musiker sind nicht unbedingt computeraffin, doch da passiert was. Inzwischen rufen Leute an, die verzweifelt am Rechner sitzen und keinen blassen Schimmer haben wie sie ihre Gitarre da anschließen können. Viele Stunden Support gehen in diese „Evangelisierung“, aber es lohnt sich.

VDI nachrichten: Die Techno-Szene hat Ihre Software von allein gefunden, die Instrumentalisten kommen erst jetzt darauf?

Bohl: So kann man es sagen. Und das ist ein riesiger Markt. Es gibt Heerscharen kleiner Bands und Leute, die daheim spielen. Die merken jetzt, dass es etwas gibt, um ihre Sachen aufzunehmen und zu bearbeiten. Sie können andere Instrumente „aus der Dose“ hinzufügen, eigene Stücke machen und mit Begleitung üben.

VDI nachrichten: Quasi ein Tonstudio für Jedermann. Zahlen Amateure 549 € für eine Vollversion?

Bohl: Soviel kostet „Live 6“ als Vollversion mit Instrumenten. Die OEM-Version kostet die Hälfte.

VDI nachrichten: Für Hobbymusiker immer noch viel Geld. Welche Rolle spielen Raubkopien?

Bohl: Ein Riesenthema. Und ein Kampf gegen Windmühlen. Trotz Kopierschutz kursieren gecrackte Versionen. Je teurer die Software, desto schneller wird sie geknackt. Wir müssen damit leben.

VDI nachrichten: Sie haben unlängst gesagt, dass sechsmal mehr „Live“-Software unterwegs ist, als Sie verkauft haben. Das klingt dramatisch…

Bohl: Nicht alle Nutzer illegaler Kopien hätten „Live“ gekauft. Es ist auch eine Form von Verbreitung, die für Mundpropaganda sorgt und uns bekannt macht. Und ein Gutteil dieser Nutzer entscheidet sich am Ende doch für die legale Software.

VDI nachrichten: Ableton hat sich ja auch so gut entwickelt. So gut, dass Ihre VC-Geber Anfang 2006 mit gutem Gewinn an einen US-Investor verkaufen konnten. War das in Ihrem Sinne?

Bohl: Ja, der Exit stand an. Und er ging sogar in gewisser Weise auf unsere Initiative zurück: Hinter dem Investor verbirgt sich die Vermögensverwaltung einer Familie. Ein Mitglied führt selbst ein Musikunternehmen. Wir kennen ihn persönlich und fragten ihn Mitte 2005, ob er jemanden kennt, der unsere VCs ablösen könnte. Nach kurzem Überlegen hat er selbst zugesagt. Es war ein sehr harmonischer Exit.

VDI nachrichten: Welches Interesse hat der neue Investor?

Bohl: Er will langfristig mit uns zusammenarbeiten und unsere Expansionsstrategie unterstützen. Er wird Ableton weder an die Börse noch in eine Übernahme treiben. Er sieht sein Geld hier gut angelegt.

VDI nachrichten: Einen Börsengang schließen Sie aus?

Bohl: Es gibt keinen Grund. Wir sind liquide, komplett entschuldet und frei, die Richtung Abletons zu bestimmen. Es macht Spaß, die Firma zu entwickeln. Warum sollten wir das aus der Hand geben?

VDI nachrichten: Vielleicht um Wachstum zu finanzieren oder neue Produkte zu entwickeln?

Bohl: Zuerst müssen wir die Kunden, die wir haben, zufriedenstellen. Wir wollen uns nicht verzetteln und immer neue Entwicklungen anstoßen.

VDI nachrichten: Also bleibt alles beim Alten?

Bohl: Das auch wieder nicht. Wir gehen den Instrumentalisten-Markt an, erweitern unseren digitalen Instrumentenbaukasten und kümmern uns verstärkt um Film- und Videovertonung. Außerdem investieren wir stark in den Educational Markt.

VDI nachrichten: Worum geht es da?

Bohl: Im angelsächsischen Raum spielt die Musikerausbildung eine große Rolle. Die Schüler lernen dort Musik am Computer. Das sind die Anwender von morgen, da wollen wir Fuß fassen. Wir fragen uns nicht, was wir entwickeln könnten, sondern bis wann wir es schaffen. Bis Ende nächsten Jahres ist unsere Pipeline voll. Wie gesagt: unser größtes Problem ist es, Mitarbeiter finden, die das Wachstum tragen.

VDI nachrichten: Merken Sie etwas von der Krise im Musikmarkt?

Bohl: Nein. Die Menschen kaufen vielleicht weniger Tonträger, aber sie machen weiterhin Musik. Der Markt für computerbasierte Instrumente wächst jährlich um 20 %. Wir haben in diesem Milliardenmarkt noch viel Luft nach oben. Zumal Software immer mehr Hardware substituiert.

VDI nachrichten: Wo treibt der Musikmarkt hin?

Bohl: Die Zeichen stehen auf Demokratisierung. Konzerne wie Sony und EMI verlieren Anteile, aber rundum gibt es zahllose Bands und kleine Labels, die Produktion und Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Unternehmen wie wir profitieren von dieser Entwicklung – wir stellen die Produktionsmittel dafür bereit.

PETER TRECHOW

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