Internet 06.04.2001, 17:29 Uhr

Ungeliebte Konkurrenz für die Netzverwaltung Icann

Gegner der Internet-Namens- verwaltung Icann rufen zum Aufbau wilder Netzkolonien auf. Doch die Experimente können den Geist des offenen Internet gefährden. Kritiker warnen vor der Balkanisierung des Netzes.

Sie wollten Ihr Unternehmen schon lange unter www.meine-super-firma.gbr virtuell ins rechte Licht rücken, weil unter .com und .de die Konkurrenz schneller war? Oder sich unter .auto bzw. .bahn endlich auch auf dem Information Highway freie Fahrt verschaffen? Die Registrierungsstelle Beatnic machts möglich – fürs erste sogar kostenlos. Unter www.beat-nic.de können Surfer Adressen unter 20 neuen Top Level Domains (TLDs) – das sind die obersten Namenshierarchien hinter dem legendären „Dot“ – anmelden. Die bunte, weitgehend auf deutschsprachige Nutzer zugeschnittene Palette reicht von .buch über .oeko bis hin zu .pharma.
„Wir waren es leid, auf neue Top Level Domains zu warten“, begründet Pascal Bernhard die Entscheidung, alternative Namensräume zu den immer enger werdenden .com- oder .net-Regionen zu eröffnen. Daher hat der Geschäftsführer des Internet-Dienstleisters Cube zusammen mit den Chefs einer Hand voll weiterer Netzunternehmen den neuen Registrierungsverbund gegründet. Mit ihrem offenen Akt der Rebellion wollen die Einzelgänger gegen die Hinhaltungspolitik und übergroße Entscheidungsvollmacht der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann) demonstrieren, der zentralen Verwaltungsstelle des Namensraums im Cyberspace. Die von dem Netzgremium im November beschlossene Erweiterung der Datenautobahn um sieben neue, auf Namen wie .aero, .biz, .coop, .museum oder .pro getaufte Spuren verzögere sich schließlich immer mehr.
Neben dem Beatnic wollen auch Unternehmer aus Amerikas zerbröselnder New Economy jetzt diese Situation ändern. Vor allem Bill Gross, Gründer des für Pleiten wie die des Spielzeugversenders Etoys mitverantwortlichen Inkubators Idealab, witterte Anfang März das große Geschäft mit in Eigenregie vermarkteten Top Level Domains. Das von seinem Brutkasten betreute Startup New.net hat mit seiner Ankündigung, ins Registrierungsbusiness für neue TLDs einzusteigen, für Schlagzeilen in den USA gesorgt. Die Firma aus dem kalifornischen Pasadena vertreibt Adressen in 20 übergeordneten Domains für 25 Dollar pro Jahr, darunter auch die von Icann in der letzten Entscheidungsrunde nicht berücksichtigten Namensräume .kids, .shop und .xxx.
Die Häretiker können sich auf eine Welle des Misstrauens und des Protests gegen Icann stützen, die selbst den US-Kongress erreicht hat. Unbeliebt gemacht hat sich die heimliche Netzregierung bei ihren „Untertanen“ vor allem durch die weitgehend willkürliche Auswahl der sieben offiziellen TLDs, durch ihre Nähe zur Industrie sowie dem von Rückschlägen gezeichneten Umgang mit der Nutzerbasis, gegen deren weitere Einflussnahme auf wichtige Entscheidungen sich Icann sperrt.
Die wild wachsenden Netzkolonien sind zahlreichen Experten aber auch ein Dorn im Auge. Denn selbst wenn New.net Kooperationen mit den großen amerikanischen Providern Earthlink, Excite und Netzero abschließen konnte, haben die alternativen TLDs doch einen großen Haken: Sie sind für die absolute Mehrheit der User nicht erreichbar. Da sie von Icann, die in Absprache mit dem US-Wirtschaftsministerium und vertreten durch die Firma Verisign Network Solutions über das allgemeine Domain Name System (DNS) wacht, nicht akzeptiert werden, landen sie nicht im Root-Server A, dem zentralen Adressbuch des Internet. Damit werden sie auch nicht in der „Bind“-Software der meisten Provider geführt, die Domain-Abfragen an die entsprechenden Server mit den gewünschten Inhalten weiterleitet. Um die nicht-autorisierten Netzwelten zu erreichen, müssen interessierte Nutzer ihre DNS-Einstellungen in der Regel manuell ändern.
Vint Cerf, Aufsichtsratsvorsitzender der Icann, hält die Bemühungen der alternativen Domainbetreiber daher schlicht für einen „Trick“. Der Netzpionier befürchtet eine neue Form der digitalen Spaltung zwischen Surfern und Providern, die ihre Einstellungen für die Kolonialisten öffnen, und jenen, die bei den Icann-Vorgaben bleiben. Das Eintippen einer URL könnte bei immer mehr Nutzern daher zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen. Selbst beim Versenden einer E-Mail könne man sich beim Vordringen alternativer TLDs nicht mehr sicher sein, wo sie lande. Allein für .xxx gibt es bereits drei konkurrierende Betreiberstellen, die nicht miteinander kooperieren.
Unterstützung erhält Cerf von seiner Amtsvorgängerin Esther Dyson. Die Netzlady warnt vor einer „Balkanisierung des Internet“, einem Rückfall in alte Zeiten, als einzelne Online-Dienste wie AOL oder Compuserve geschlossene Welten ohne Austauschmöglichkeiten waren. Auch Harald Summa vom Verband der deutschen Internet-Wirtschaft Eco klagt über einen drohenden Zerfall des Internet, dessen Vorteil bisher die Einigung auf offene, von allen Beteiligten akzeptierten Standards und die sich daraus ableitende, über allen Rechnersystemen stehende Kommunikationsfähigkeit war. Bernhard vom Beatnic hält die Warnungen vor einem „Namenschaos“ dagegen für überzogen. Die Nutzer sind seiner Meinung nach nicht so dumm, als ob sie nicht zwischen den einzelnen Netzwelten und DNS-Servern unterscheiden könnten. Doch gleichzeitig kritisiert er New.net, da die Kalifornier keine Rücksicht darauf nähmen, welche TLDs bereits von welcher Organisation verwaltet würden.
Um einen drohenden Domainkrieg und einen Wettlauf um die „betreuten“ Namensräume zwischen den Rebellenorganisationen zu vermeiden, plädiert Bernhard nun für die Einberufung einer Schlichtungsinstanz.
Doch damit sind die Demonstranten gegen das Icann-Monopol wieder beim Ursprungsproblem angekommen. Denn ohne eine weitgehend zentralisierte Kontrollorganisation läuft letztlich auch im „chaotischen“ Internet wenig. Ironischerweise könnten daher „mehr Leute den Wert von Icann als einer neutralen Schiedsstelle sehen“, glaubt Dyson. STEFAN KREMPL

Internet-Namen

Schicke Netz-Adressen sind gefragt

Beatnic ist keineswegs die einzige Alternative zu den von der Icann gebilligten Web-Immobilien. Zu den Pionieren der Szene gehören neben dem Alternic oder der Open Root Server Confederation (ORSC), auf deren Idee auch das Beatnic aufbaut, der ehemalige New Yorker Netzkünstler Paul Garrin mit seinem Name.Space oder die US-Firma Image Online Design, die ohne offiziellen Segen die Domain .web betreibt. Doch bisher spielen die parallelen Netzwelten eine Nebenrolle. Die Domain-Rebellen, schätzt Joe Baptista, der Betreiber der Domain .god, haben im vergangenen Jahr nicht mehr als 5,5 % des gesamten Netzverkehrs auf sich gezogen. sk

Von Stefan Krempl
Von Stefan Krempl

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