Informationstechnologie 02.08.2002, 18:21 Uhr

„Tschechische Programmierer werden zu teuer”

Epcos will nämlich 1400 Arbeitnehmer in Osteuropa und Asien einstellen.

„Wir müssen mit Unternehmen konkurrieren, deren Lohnkosten nur einen Bruchteil der unseren ausmachen“, sagt Bodo Lüttge, Finanzvorstand des Siemens-Ablegers, der elektronische Bauteile und Komponenten etwa für Handyhersteller Nokia oder Airbag-Spezialist Delphi Automotive fertigt.
Nach den neuesten Zahlen des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft für das letzte Jahr kostete in Deutscholand die Arbeitsstunde 26 ‹, die USA als klassischer IT-Standort kommen auf knapp 23 ‹, in Portugal hingegen sind es nicht einmal 7 ‹ – und die Schere geht noch weiter auseinander, wenn man nach Osteuropa und Asien vordringt.
„Global vernetzte Flaggschiff-Unternehmen brechen ihre Wertschöpfungsketten auf eine Vielzahl diskreter Funktionen herunter und siedeln sie dort an, wo sie für sie am Günstigsten sind“, macht Dieter Ernst, Wissenschaftler am East-West-College in Honolulu, klar. „Dabei ist der Hauptgrund schlicht und ergreifend der schnelle Zugang zu billigeren ausländischen Fähigkeiten.“
Die Suche von IT-Anbietern nach immer kostengünstigeren Produktionsstandorten ist nicht neu: Nachdem es in den 70er Jahren Japan war, folgte in den 80ern Korea und darauf Taiwan. Nach Ansicht von Stefan Heng, Analyst bei der Deutsche Bank Research, bringt die intensive Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) hier neue Impulse. Experten wie der Berliner Unternehmensberater Martin Jähn, der dem Arbeitskreis „Global Sourcing“ im IT-Branchenverband Bitkom angehört, sehen vor allem im Bereich Softwareprogrammierung und -Services die Grenzen zwischen klassischen IT-Standorten in den hoch entwickelten Industrieregionen und der „zweiten“ und „dritten Welt“ fallen.
Im Hardware-Sektor zieht die Karawane der Hersteller ebenfalls weiter: Heng verweist darauf, dass sich unter den sieben bedeutendsten Exportländern für elektronische Geräte und Bauteile heute mit Korea, Malaysia, Taiwan und den Philippinen allein vier „Emerging Markets“ finden. Diese vier Länder erreichen derzeit laut Deutscher Bank Research zusammen über 40 % des Exportvolumens im Elektroniksegment.
Taiwan, weltweit der drittgrößte Computerhersteller und führend in der Halbleiterproduktion, hat den bislang erfolgreichen Weg beschritten, Hardware im Auftrag der IT-Größen von Dell bis IBM für den Export zu fertigen. Doch die Absatzkrise der IT-Branche hat auch in Taiwan ihre Spuren hinterlassen. Die Taiwaner nutzen alle Möglichkeiten, ihre Kosten zu senken: Sie lagern nun Produktionsprozesse an die billigere Volksrepublik aus. Zum Vergleich: Der Durchschnittsverdienst eines Taiwaners lag bei 14 200 US-Dollar im Jahr 2000, während ein Halbleiter-Designer in China knapp 10 000 US-Dollar in diesem Zeitraum nach Hause trug.
Nach Zahlen des Institute for Information Industry in Taipeh findet bereits ein Drittel der „taiwanischen“ IT-Produktion in China statt. Die Wehklagen über den Verlust von Arbeitsplätzen sind groß. Doch das Rad ist nicht mehr zurück zu drehen. Spätestens mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im September letzten Jahres hat der Run der IuK-Hersteller auf die letzte große kommunistische Bastion endgültig eingesetzt. Hersteller von Alcatel über Taiwan Semicon und Intel bis hin zu Oracle und HP haben daher verstärkt im Reich der Mitte investiert: In Form von Beteiligungen, Produktionsstätten, aber auch Forschungs- und Entwicklungszentren. Für den McKinsey-Experten Andrew Chun Chen hat China das Potenzial, bis 2010 eine globale Halbleiterkraft zu werden – und zwar im Gegensatz zu Taiwan mit dem Fokus auf dem margenträchtigeren Chip-Design. An hoch qualifizierten Arbeitskräften mangele es in China nicht: Jedes Jahr verlassen eine halbe Mio. Wissenschaftler und Ingenieure die Unis im Reich der Mitte. Viele von ihnen gehen von der Hochschule zunächst ins Ausland, um dann mit westlichem Know-how in ihre Heimat zurück zu kehren.
China hat dabei ein Vorbild vor Augen: Indien. In den 90er Jahren hat die Software- und Service-Branche des Landes mit 50 % Wachstum per annum geboomt, mit 2 Mrd. Dollar Umsatz steuert sie derzeit 0,6 % des Bruttosozialprodukts bei. McKinsey preist die Softwareindustrie des Landes als „exzellentes Beispiel dafür, wie es ohne Produktmarktbarrieren und Regierungsbesitz funktioniert“. Die mehr als 1000 Software-Anbieter auf dem Subkontinent beschäftigen mehr als 200 000 IT-Spezialisten. McKinsey meint, dass in dieser Branche bis zum Jahr 2010 2 Mio. zusätzliche Arbeitsplätze entstehen können – wenn denn nicht die Chinesen verstärkt in die Softwareprogrammierung einsteigen und mit ihren Preisen den indischen Konkurrenten das Leben schwer machen, wie die Gartner Group befürchtet.
Eine ähnliche Entwicklung ist im Moment auch in Osteuropa zu beobachten, das sich vor allem für Europas IT-Hersteller zum neuen Hotspot für Softwareentwicklung gemausert hat: „Tschechische Programmierer werden schnell zu teuer”, weiß Jähn. So wendet sich jetzt alles gen Russland, wo derzeit 8000 Beschäftigte in diesem Bereich, laut McKinsey, rund 100 Mio. Dollar Umsatz erwirtschaften. Doch auch hier könnte der Boom, trotz der attestierten guten Qualität der Arbeit, in ein paar Jahren schon wieder vorüber sein. Jähn: „Denn kleine Software-Zellen mit ambitionierten und gut ausgebildeten Programmierern finden sich mittlerweile rund um den Globus – ob in Jamaika, Nepal oder Afrika.“
SABINE KOLL

Ein Beitrag von:

  • Sabine Koll

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Softwareentwicklung

MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Software Engineer, Xamarin Mobile Apps (m/f) Innsbruck (Österreich)
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Development Engineer (m/w) Innsbruck (Österreich)
Airbus Defence & Space-Firmenlogo
Airbus Defence & Space Galileo Systemingenieur (d/m/w) Raum Friedrichshafen
Capgemini Engineering-Firmenlogo
Capgemini Engineering Systemingenieur Autonomes Fahren (m/w/d) Wolfsburg
Capgemini Engineering-Firmenlogo
Capgemini Engineering Systemingenieur Kommunikationssysteme (m/w/d) Kiel
WILO SE-Firmenlogo
WILO SE (Senior) Software-Entwickler für Embedded Software (w/m/d) Dortmund
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW-Firmenlogo
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Projektingenieur*in / Hardware- und Softwareentwickler*in Medizintechnik Muttenz (Schweiz)
FERCHAU GmbH-Firmenlogo
FERCHAU GmbH DevOps Engineer (m/w/d) Berlin
FERCHAU GmbH-Firmenlogo
FERCHAU GmbH Ingenieur / Techniker / Informatiker (m/w/d) Dresden
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System and Requirements Engineer (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart

Alle Softwareentwicklung Jobs

Top 5 IT & T…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.