Telekommunikation 03.03.2000, 17:24 Uhr

Telefonieren und im Internet surfen per Steckdose

Über die heimische Steckdose zu telefonieren oder im Internet zu surfen, soll bald möglich werden. Zur Datenübertragung via Stromleitungen, Powerline Communication genannt, stellten 15 Unternehmen während der CeBIT gemeinsam ihre neuesten Entwicklungen vor.

Die Idee der Sprach- und Datenkommunikation über das Stromnetz ist nicht neu. Ein einfaches Beispiel ist das Babyphon im Haushalt. Führt man den Stecker des simplen Gerätes in die normale 230-V-Steckdose im Kinderzimmer ein, können die Eltern mit einem entsprechenden Empfänger im Wohnraum hören, wenn das Baby sich meldet. Wesentlich ausgefeilter sind die Kommunikationssysteme, mit denen die Energieversorger über eigene Hoch- und Mittelspannungsnetze ihre internen Daten zwischen weit auseinander liegenden Kraftwerken und Schaltstationen austauschen.
Nun soll die Powerline-Kommunikation in Deutschland neuen Auftrieb erhalten, denn eine Reihe von Kooperationen zwischen Energieversorgern und Geräteherstellern sowie neue Pilotprojekte wurden zur CeBIT angekündigt. „Die Impulse kommen von der Liberalisierung des Telekommunikations- und des Energiemarktes“, sagte Dr. Jürgen Unfried, Projektleiter Powerline bei Tesion, einer Tochtergesellschaft des Energieversorgers Energie Baden-Württemberg (EnBW) im Powerline-Center auf der CeBIT. „Wenn Sprach- oder Datensignale über das Stromnetz in die Haushalte transportiert werden, können die Energieversorger den Kabelzugang der Telekom umgehen.“ Für den Endverbraucher könnte das Telefonieren und Surfen im Internet schneller und preiswerter werden. Außerdem bietet Powerline-Kommunikation den Energieversorgern die Möglichkeit, ihren Kunden neue Dienstleistungen rund um den Strom anzubieten und damit Einbußen durch fallende Strompreise auszugleichen.
Dank des Online-Zuganges über Stromnetze ist nach Unfrieds Angaben z. B. die Fernauslesung von Strom- oder Gaszählern kein Problem mehr, und die Abrechnung könne direkt erfolgen. Außerdem könnten die Energieversorger ihren Kunden innovative Stromtarife anbieten, die sich nach Energiebedarf oder -bezugszeiten richten. Auf dem Wege der Fernwartung können auch Schäden an elektrischen Haushaltsgeräten erkannt und behoben werden. Sogar das Updaten der Software in Fuzzy-Logic-Steuerungen, mit denen viele Waschmaschinen ausgerüstet sind, sei über Stromleitungen möglich.
Beim Internet-Zugang sehen die Powerline-Experten von Tesion die Vorteile darin, dass neben den Stromleitungen keine zusätzlichen Datenkabel gezogen werden müssen, die Einwahl wegen der ständigen Online-Verbindung entfalle und dank der Übertragungsraten von mehr als 1 Mbit/s, die 16-mal so hoch wie bei einem herkömmlichen ISDN-Anschluss sind, unnötige Wartezeiten beim Surfen entfallen.
Bereits seit 1993 betreibe EnBW/Tesion eigene Pilotprojekte in Baden-Württemberg und Bayern, bei denen 150 Kunden an das Stromnetz angeschlossen seien, erklärte Powerline-Experte Unfried. Dabei ist Siemens als Partner für die Installationen beteiligt. Nach dem Konzept sind normale PCs oder Notebooks bei den Endkunden in den Haushalten anschließbar, lediglich ein zusätzliches Modem am Stecker, das die Datensignale moduliert und in das Energienetz einkoppelt, ist nötig. Über die Stromleitung laufen die Signale zum Ortsnetztransformator, wo sie von einer Basisstation wieder aus dem Energienetz entkoppelt und in das Glasfasernetz der Tesion eingespeist werden.
Obwohl das Telefonieren oder Surfen im Internet per Powerline Communication weitgehend erprobt ist, räumen die Experten auf dem Gemeinschaftsstand während der CeBIT freimütig Probleme ein. Es macht beispielsweise zu schaffen, dass die Signale beim Durchlauf durch die Stromleitungen von den Transformatoren zu den Häusern der Nutzer ständig verstärkt werden müssen. „Die Kabel werden damit zu einem Sender, sie strahlen Störungen aus“, sagte Horst G. Sandfort, President der US-amerikanischen Intellon Corporation, die sich bereits seit zehn Jahren mit der Powerline-Kommunikation befasst. In den Vereinigten Staaten dürfe man die Powerline-Technologie in bestimmten Bandbreiten nutzen, wenn vorgegebene Grenzwerte für Störsignale nicht überschritten würden dies sei eine Regelung der FCC-Behörde.
Sein Unternehmen in Ocala/Florida habe die Powerline Communication in mehr als 100 alten und neuen Häusern getestet. „In den USA ist Powerline ein heißes Thema“, sagte Sandfort, räumt aber ein, dass amerikanische Stromversorger die Kosten für die Einführung falsch eingeschätzt haben. Auf der CeBIT stellte Intellon einen Chip vor, der die Kommunikation schneller machen soll.

Energieversorger wollen Kundenbindung verstärken

Auf Powerline-Systeme im Mittelspannungsbereich konzentriert sich die hannoversche Alcatel Kommunikations-Elektronik. Mittelspannung biete Energieversorgern eine direkte Punkt-zu-Punkt-Verbindung zu größeren Geschäftskunden, die eigene Transformatoren in den Kellern ihrer Gebäude besitzen, erklärte Produktmanager Enno Borchers. „Energieversorger schnüren so ein Paket aus Energie- und Telekommunikationsdienstleistungen. Sie wollen damit ihre Stromkunden enger an sich binden.“ Feldversuche in Herrenberg hätten gezeigt, dass Sprach- und Datenübertragung mit 2 Mbit/s in beiden Richtungen ohne elektromagnetische Störungen möglich sei. Bei der bisherigen Technik nutzt Alcatel die Abschirmung der Energiekabel für die Datenübertragung, die zusätzliche Ankopplung der Leiter soll die Reichweite erhöhen und demnächst in Pilotversuchen erprobt werden.
Einen ersten Feldversuch zur Sprach- und Datenübertragung über Stromleitungen haben die zum Veba-Konzern gehörende PreussenElektra, Hannover, und die Regiocom, Barleben, bereits abgeschlossen. Der Pilottest findet seit einem Jahr im Umland von Magdeburg statt und wird mit acht Haushalten durchgeführt. Die Testergebnisse hätten bewiesen, dass über Stromleitungen Telefonie und Internet parallel mit komfortablen Bandbreiten betrieben werden können, sagte PreussenElektra-Vorstandschef Hans-Dieter Harig zwei Tage vor CeBIT-Beginn. Damit könne „der Deutschen Telekom nun auch auf der letzten Meile Konkurrenz gemacht werden“.
Am Feldversuch und der Weiterentwicklung dieses Powerline Communication-Systems zur Marktreife sowie eines Vermarktungskonzeptes ist die Oneline AG in Barleben beteiligt. Nach einer erweiterten Testphase mit mehreren 100 Haushalten ist die Markteinführung zunächst durch den Regionalversorger Avacon, Tochter der PreussenElektra, bis Ende 2000 vorgesehen. Avacon plant, Kunden die Internetnutzung zu einem monatlichen Pauschalpreis anzubieten, der unter den üblichen Preisen liegt.
Noch in diesem Monat will auch RWE Energie, Essen, mit Feldversuchen beginnen, um Daten via Stromleitungen zu übertragen. Wie Sprecher Erik Walner sagte, sollen 200 Haushalte ausgewählt und sukzessive mit der Technik ausgestattet werden. Auf der CeBIT zeigten die Essener erste Modem-Prototypen. Die Geräte werden von dem südkoreanischen Anbieter Keyin Telecom und der schweizerischen Ascom Holding bereitgestellt. Erste Powerline-Produkte sollen in einem halben Jahr auf den Markt kommen, wie Walner sagte. Mit einer großflächigen Vermarktung sei ab dem nächsten Jahr zu rechnen. M. GROTELÜSCHEN
Telefonieren per Steckdose. Die Powerline Communication über Stromleitungen sei im Prinzip marktreif, so Hans-Dieter Harig, Vorstandschef der PreussenElektra, die das System in acht Haushalten bei Magdeburg erprobt hat.
Schnelle Datenübertragung per Steckdose
Bei der Powerline Communication laufen Sprach- und Datensignale über das übliche Stromnetz. Ein Vermittlungsrechner an der nächstgelegenen Trafostation empfängt die Daten und schickt sie über die vorhandenen Stromkabel bis zur Steckdose in die Wohnungen. Hier lassen sich Telefone, PCs, Notebooks oder andere Geräte anschließen, deren Stecker mit einem zusätzlichen Adapter kombiniert ist. mg

Ein Beitrag von:

  • Manfred Grotelüschen

    Ressortleiter Elektronik/Energie bei VDI nachrichten. Seine Fachgebiete: Energiepolitik, Erneuerbare Energien, Energiewirtschaft.

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