Informationstechnologie 23.06.2000, 17:25 Uhr

Tagewerk losgelöst von Raum und Zeit

Das Internet dient als Plattform für die Beschaffung von Informationen und als Berufsfeld. Der Kongress „Zukunft der Arbeit“ zeigte Visionen und Probleme der Arbeitswelt von morgen auf.

Die Prognosen von gestern sind heute Realität: Die Beschleunigung des Wissens hat die Prophezeiungen längst eingeholt Vernetzung gehört zum Standard-Arbeitsplatz und Globalisierung zum Programm fitter Unternehmen. In immer schnelleren Zyklen verändert der technische Fortschritt den Arbeitsmarkt. Schon wird der „Electronic Lancer“ als Antwort auf die Internet-Ökonomie skizziert: vernetzt, freischwebend und bereit, für bestimmte Aufgaben und auf Zeit mit anderen E-Lancern „Vernunftehen“ einzugehen. Festgelegte Arbeitszeiten verlieren ihren Sinn. E-Lancer schotten ihr privates Leben kaum noch ab vielleicht weil ihre Arbeit auch eine stärker spielerische Komponente hat. Denn lineares Arbeiten ist nicht mehr unbedingt gefragt die neuen Medien erlauben einen dynamischeren, jedenfalls prozesshaften und kreativen Stil.
Auf dem Weltingenieurtag diese Woche in Hannover wurde die Zukunft der Arbeit in meist euphorischen Szenarien ausgemalt. Welche Herausforderungen der Arbeitsmarkt künftig lösen muss, zeichnete Professor Dr. Hans-Jörg Bullinger (Leiter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, IAO) auf. Er stellte die Ergebnisse von Fallstudien und Expertenbefragungen im In- und Ausland vor, die zeigen, wohin die Reise geht. In fünf Jahren sollen die neuen Informations- und Kommunikations-Technologien die Arbeit weitgehend strukturieren. Selbst E-Commerce werde sich in diesem Zeitrahmen etablieren, vor allem im „Business to Business“-Bereich. Die Arbeit aber wird sich weiter der Spirale der IT-Entwicklung anpassen müssen: 81 % der Experten schätzen, dass IT die Produktivität erhöhen wird. Flexibilität heißt die adäquate Reaktion.
Quasi alle ausländischen Experten (93 %) sehen in frei flottierenden Miniunternehmen eine der kommenden Wirtschaftsformen, allerdings nur 74 % der deutschen Experten, die offenbar das Sicherheitsbedürfnis der Arbeitnehmer vor Augen haben. Einmütig dagegen schätzen zwei Drittel aller Experten, dass neben der Zersplitterung des Arbeitsmarktes in „Myriaden von Miniunternehmen“ gleichzeitig Megakooperationen von der Größe und dem Einfluss von Nationen entstehen. In beiden Bereichen werden ortsgebundene Arbeitsplätze seltener. Und wer sich nicht selbständig managt, wird häufiger den Arbeitgeber oder zumindest den Job im Unternehmen wechseln.
In diesem Karussell wird die soziale Absicherung zur eigentlichen Angstpartie – jedenfalls für deutsche Arbeitnehmer. Ausländische Experten erwarten mit größerer Selbstverständlichkeit, dass jeder für seine eigene Rente sorgt.
Umwälzungen dieser Größenordnung sind ohne neue Schlüsselqualifikationen kaum zu leisten. Deutsche Experten prognostizieren – wie übrigens schon vor Jahrzehnten – lebenslanges Lernen. Doch nur die Hälfte von ihnen schätzt, dass E-Learning die Methode der Wahl sein wird. Ausländische Experten dagegen erwarten überwiegend einen multimedialen Weiterbildungsmarkt. In Afrika existiert bereits eine Kontinent-weite Initiative mit 24 Trainings-Zentren.
Insgesamt ein demokratischer Prozess, meint Dr. Hans-Jörg Bullinger. Denn keiner sei davon ausgenommen. Top-Manager müssten sich der neuen Entwicklung genauso stellen wie alle anderen. Und jeder müsse soziale Verantwortung tragen – „Workholder-Value“ soll Shareholder-Value ergänzen. Jeder könne sich gezielter als bisher in den Arbeitsmarkt einklinken, jeder nach seinen Fähigkeiten, meint denn auch Dr. Horst Díetz (Vorstandsvorsitzender Asea Brown Boveri, ABB).
Jedenfalls wird es kein Atemholen geben, vermutet Dr. Ioan D. Marinescu (Professor Uni Toledo, USA). Internet sei ein Tool, ohne das nichts mehr läuft.
Ausgeschlossen fühlen sich die sogenannten Entwicklungsländer. Dr. Ruth Bamela Engo-Tjega (UNO, Kamerun) bedauerte, dass auf dem Weltingenieurtag die Arbeit der meisten Menschen dieser Erde kein Thema sei. Kein Vorwurf, nur ein Indikator: Wer keine Technik hat oder sie nicht beherrscht, werde in der globalen IT-Society endgültig zum Verlierer.
Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen der IT vermissten einige Diskussionsteilnehmer. Während in der neuen E-Lance-Wirtschaft schon die geniale Baumeisterin des mental und physisch absolut beweglichen Mitarbeiters gefeiert würde, müsste man sich wie der Soziologe Richard Sennett fragen, ob diese Zukunft überhaupt gestaltbar sei, grantelte ein Ingenieur.
Die Neuerfindung des flexiblen Menschen könne auch die Zerbröselung des Selbstbilds bedeuten und eine neue Sehnsucht nach Verwurzelung, nach Stabilität, Sicherheit, emotionaler Bindung und einer verlässlichen Arbeitsidentität gebären. Doch: Auch dafür hat der Markt bereits vorgesorgt: „Consulting“, „Training“ oder „Coaching“ sind die neuen Termini für einen schnell wachsenden Arbeitsmarkt, der Fitness für die Seele bietet. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Aufmerksam folgten die Teilnehmer des Fachkongresses den Ausführungen der Referenten. Dr. Leenamaija Otala hatte zum Thema „Wettbewerbsfähigkeit und lebenslanges Lernen“ einen Vortrag gehalten.

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kuntz-Brunner

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