Internet 16.02.2001, 17:28 Uhr

Surfen zum Schnäppchen-Preis

Sie alle sind Kunden im „Easy Everything“, Europas größtem Internet-Café in Amsterdam. Die Gründer nennen ihre weltweit 21 Filialen die „öffentlichen Fernsprecher des Web-Zeitalters“.

Diamanten-Händlerin Binkie van Saulim traut der restlichen Kundschaft nicht über den Weg. „Alles Kriminelle“, flucht sie, „die sollten hier dringend den Preis erhöhen, damit man sich sicherer fühlen kann“. Die Leute würden für einen höheren Standard auch einen höheren Preis bezahlen, ist sich die Geschäftsfrau sicher. Ihr PC sei in der Reparatur, deshalb komme sie zurzeit jeden Tag hierher. Sie würde lieber Sushi statt eingeschweißte Sandwiches essen, und auch der Kaffee in Pappbechern mache die Atmosphäre kaputt, beklagt sie. Noch dazu seien die Bildschirme viel zu hoch angebracht, schimpft sie, nach jeder Sitzung gehe sie mit Nackenschmerzen nach Hause.
Doch im größten Internet-Café Europas, in dieser Halle mit 600 Computerbildschirmen, langen Holzbänken und einfachen Stühlen, geht es nicht um Gemütlichkeit. Es geht um die Sanduhr auf dem Bildschirm, die unten links in der Ecke die noch verbleibende Zeit anzeigt. Binkie hat für eineinhalb Stunden 2,50 Gulden bezahlt.
Auch Schüler Henk Kempers hat für diesen Kurs den Zuschlag für sein Zeit-Kontingent bekommen. Das Wetter ist schlecht draußen vor der großen Glasfront, da ist der Andrang am Tresen nicht ganz so groß. „Für mich ist es hier die einzige Möglichkeit, meine Mails zu checken, denn in der Schule haben wir keinen PC“, sagt Henk.
Einfach, schnell und billig, das ist das Prinzip des größten Internet-Cafés Europas und der restlichen 20 Filialen weltweit. Für 2,50 Gulden kauft der User ein Passwort und ein bestimmtes Surf-Kontingent, und das rund um die Uhr. Je weniger Kunden, desto länger darf gesurft werden. Auf diesem Prinzip hat der griechische Unternehmer Stelios Haji-Ioannou auch seine anderen Geschäfte wie beispielsweise die Fluglinie Easy Jet oder die Autovermietung Easy Car aufgebaut.
„Wir denken, das Internet sollte persönlich und für alle zugänglich sein“, so der 33-Jährige. „Es mag zwar sein, dass die Zahl der Internet-Anschlüsse ständig steigt, doch die meisten haben diesen Anschluss nur im Büro oder in der Uni. Und wenn sie einen zu Hause haben, dann ist der bestimmt nicht so schnell, wie in unseren Cafés“, sagt der Grieche. Wenn wenig Kunden eingelogged sind, können sie die Daten mit einer Geschwindigkeit von rund 3 Mbit/s herunterladen. Ein Server vor den Toren von Amsterdam bewältigt den Datenverkehr von allen europäischen Easy Everything-Filialen auf dem Festland, immerhin 15. Die Zweigstellen in New York und London, wo die Firmen-Zentrale sitzt, werden jeweils über eigenständige Server versorgt.
Stelios will so die digitale Lücke ein Stück schließen – und dabei natürlich Geld verdienen. Die rasche Expansion zeige, dass für dieses Konzept Bedarf herrsche, sagt Business Development Manager Ivar Gribnau. Das erste Café öffnete im Sommer 1999 in London, bis zum Ende des Jahres sollen es bereits 40 sein. „Wir wollen die Welt ein bisschen mehr orange machen“, kündigt Gribnau an.
Damit sich die Geschäftsprinzipien auszahlen und die fixen Kosten, vor allem die hohen Ladenmieten in den Stadtzentren, wieder hereingeholt werden, muss der Ort für das Ladenlokal geschickt gewählt werden. Der Platz muss dabei so zentral sein, dass Touristen zufällig daran vorbeilaufen. So wie der amerikanische Manager Jeff Benson, der in Amsterdam nur einen kurzen Stopp für einen Termin eingelegt hat. „Ein prima Ding, einfach und bequem“, sagt er. Die Gründer nennen die Kette dementsprechend die „Telefonzellen unseres Jahrhunderts“ oder die „öffentliche Bibliothek des Internet-Zeitalters“, die einfach den Service bieten, den viele brauchen. Bald sollen neben den all gegenwärtigen Mode- oder Fast-Food-Ketten auch die orange Signalfarbe des Easy Everything jede Großstadt ein bisschen verwechselbarer machen.
In ganz Europa und in New York können Reisende inzwischen ihre E-Mails schnell mal im Easy Everything checken. In New York steht das größte der Ketten-Cafés, 800 Plätze hat das Gebäude am Time Square zu bieten. Gerade hat die erste Dependance in Paris eröffnet, seit Anfang des Jahres ist der Berliner Ku“damm um einen orangen Fleck reicher. „Die Entscheidung, in New York das größte Café von allen zu bauen, war nicht strategisch geplant“, sagt Gribnau. „Wir suchen einfach schnell eine Location, in der wir unsere eigenen Leitungen ziehen und so viele Computer-Arbeitsplätze unterbringen können.“
Die „Cafés“ gleichen somit eigentlich mehr einer Kantine. Die Anordnung der Sitzreihen ist vor allem eines: praktisch. Gerade einmal die Tastatur steht sicher auf den längsseitigen Brettern. Den Ellenbogen ablegen? Daran ist nicht zu denken, und spätestens nach einer Stunde wird auch die Zeit auf den unbequemen Holzstühlen ziemlich lang. Die Rechnung aber ist einfach: Je mehr Platz für die Besucher, also je tiefer die Bretter, desto weniger Leute passen hinein. Dafür laden sich die Webseiten sekundenschnell auf.
Wichtig für die Fast Food-Kette unter den Internet-Cafés ist dabei, eine Lizenz für 24 Stunden Öffnungszeit zu bekommen, um die vorhandenen Datenleitungen so effizient wie möglich zu nutzen. „Es kommt auf die Verwaltung vor Ort an“, sagt Manager Gribnau. „Die können uns in keine Schublade stecken, deshalb bekommen wir meist auch eine Erlaubnis.“ Immerhin 30 % bis 40 % Auslastung gibt es in den Abend- und Nachtstunden.
Für 2,50 Gulden oder 2 DM in der Berliner Filiale am Ku“damm kann dann so mancher Nachtfalter bis zu vier Stunden surfen, wenn wenig los ist. Dabei geht es natürlich nicht allen nur ums Surfen, sondern um einen Platz zum Aufwärmen. Deshalb gehört die Sicherheitsmannschaft ebenfalls zum Inventar. „Manchmal wecken wir die Kunden zur Frühschicht wieder auf“, erzählt Assistant Lodewijk Galenkamp.
„Aber wir machen uns nichts vor“, erklärt Ivar Gribnau. „Die Leute sind schnell verwöhnt und langweilen sich.“ Da heißt es, ein neues Konzept muss her. Gerade wurde ein weiterer Shop auf der Amsterdamer Hauptstraße Damrak eröffnet, rund 500 m entfernt vom Hauptbahnhof. Hier warten „nur“ 200 Plätze auf die Surfer, aber das auf vier Etagen. Alles hier wirkt kleiner, überschaubarer. Doch auch hier sieht die Sicherheitsmannschaft beim Surfen zu. „Wir wollen sehen, ab welcher Größe sich die Cafés rechnen“, sagt Ivar.
Der Damrak-Shop soll zeigen, wie diese Idee funktioniert. Im Gegensatz zu allen anderen läuft hier auch das gesamte Microsoft-Office-Paket – Werbung für den Software-Riesen. Weitere neue Features: Die Webcams, mit denen Fotos und Videoclips aufgenommen und verschickt werden können, und Telefonhörer, um Voice-over-IP-Anwendungen zu realisieren. „Damit können Sie auch Musik hören“, demonstriert Lodewijk mit ein paar Klicks – der Telefonhörer wird dabei zum Lautsprecher. Bald sollen alle Cafés mit den Features ausgerüstet werden.
„Was uns an der Zusammenarbeit mit Stelios gleich gefallen hat, ist seine Vision“, sagt die Chefin des Computerherstellers Hewlett Packard, Carly Fiorina. HP rüstet die Kette mit der Hardware aus und ist inzwischen mit 10 % an dem Geschäft Easy Everything beteiligt. Weitere technische Partner sind PSI net, Delta Three und Microsoft.
Stammgast Alfonso wird „seiner“ Filiale treu bleiben. Er war auch der erste Gast auf der Regulierbreestraat. Sein Texas-Restaurant gegenüber öffnet erst am Nachmittag, und so bleibt genügend Zeit, pro Tag mehrere Stunden im Netz zu surfen. In manchen Monaten gebe er bis zu 500 Gulden aus, sagt er. Für die Mitarbeiter gehört er zu den „Addics“, den Surfsüchtigen.
Michael Dronkers (51) und seine Tochter Yaiza (12) haben ihre Sitzung gerade beendet. Sie hätten der Mutter in Mittelamerika geschrieben, sagen sie, das machen sie jeden Freitag. Die E-Mails landen bei ihrem Bruder in seinem Internet-Café in Costa Rica. Wie viele Plätze das Café hat? „Acht“, sagt Yaiza. SIMONE ZELL

Easy Everything

Orange Flecken auf der Weltkarte

Die Kette Easy Everything mit Hauptsitz in London wurde 1999 vom griechischen Unternehmer Stelios Haji-Ioannou gegründet, seitdem sind weltweit 21 Filialen entstanden. Sein Geschäftsprinzip: ein möglichst billiger und einfacher Zugang zum High-speed-Internet, und das rund um die Uhr. Das größte Haus der Kette mit 800 Plätzen wurde im vergangenen Jahr in New York eröffnet, im größten Internet-Café Europas in Amsterdam gibt es 600 Surf-Plätze. Zum Unternehmensgeflecht des Griechen gehören u. a. die Fluglinie Easy Jet und die Autovermietung Easy Car. zel

Von Simone Zell
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