Telekommunikation 19.07.2002, 18:20 Uhr

Sparzwang auf der Großbaustelle Telekom

Verluste in den USA, Schuldenlast, unsichere UMTS-Zukunft. Die Telekom als Sanierungsfall? Branchenkenner sehen für die Zukunft des rosa Riesen keineswegs schwarz.

Die Interimslösung beim Vorstand sorgt für eine Atempause“, kommentiert Jella Benner-Heinacher, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) den Führungswechsel bei der Telekom. Seit Dienstag dieser Woche leiten Helmut Sihler und Gerd Tenzer als Nachfolger von Ron Sommer gemeinsam den Konzern. Ihre vordringliche Aufgabe: Sparen.
Nur so kann die Schuldenlast reduziert werden: Verbindlichkeiten von mehr als 70 Mrd. ! wies der T-Konzern Ende März aus. Die Zinsen für diesen Schuldenberg sowie Abschreibungen auf Immobilien und Beteiligungen drückten das Ergebnis 2001 in den roten Bereich. Ein Minus von fast 3,5 Mrd. ! schockte Millionen von Kleinanlegern. Für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten gar mit einem Fehlbetrag von rund 5 Mrd. !.
Schlechte Nachrichten, wie der gescheiterte Verkauf des Kabelnetzes, Gerüchte um weiteren Abschreibungsbedarf bei den Immobilien und zuletzt die Einmischung der Politik haben den Aktienkurs zusätzlich belastet. Mit dem Ende der Personaldebatte scheint immerhin der Blick der Analysten wieder frei für die fundamentalen Daten der Telekom und ihre Stellung im internationalen Wettbewerb.
Und da sieht es gar nicht so übel aus, wie es vor allem die Sommer-Gegner in den vergangenen Monaten Glauben machen wollten. Denn auch die Konkurrenten haben sich hoch verschulden müssen, um ihre Investitionen in Netze und Neukunden bezahlen zu können. Besonders amerikanische Netzbetreiber sind in die Schuldenfalle geraten. Bestes Beispiel: MCI Worldcom, deren Ex-Vorstand sich wegen Bilanzfälschung verantworten muss. Dem Unternehmen geben Branchenkenner inzwischen nur noch geringe Überlebenschancen. Die Konsolidierungsphase läuft, wie auch der tiefe Fall des Festnetzbetreibers KPN Qwest zeigt. Davon profitiert bereits heute die Telekom-Tochter T-Systems.
In Europa stellt sich das Bild ähnlich dar. Die France Télécom etwa häufte bis Ende 2001 längerfristige Verbindlichkeiten in Höhe von 63 Mrd. ! an – ohne damit aber in Lizenzen oder Infrastruktur für UMTS zu investieren.
Die Deutsche Telekom dagegen hat bereits mit dem Aufbau des Netzes für die kommende Mobilfunkgeneration begonnen. Die hohen Lizenzgebühren (8,5 Mrd. !) waren nach Meinung von Marktforscher Mathias Plica auch notwendig. „Aus heutiger Sicht ist UMTS für ein Unternehmen wie die Telekom Pflicht.“ Mehr noch: Nach drei bis vier guten Jahren könnten die Kosten bereits wieder eingespielt sein. „Schließlich“, urteilt Plica, „ist Mobilfunk immer noch ein hoch lukratives Geschäft.“ Diese Einschätzung teilt auch WGZ-Bank-Analyst Oliver Pfluger. „Man darf nicht verkennen, dass die Margen in diesem Geschäft mit 30 % bis 40 % enorm hoch sind.“
Mit UMTS Geld verdienen werden alle Anbieter aber frühestens ab 2005, ist die einhellige Meinung von Pfluger und Plica. Bis dahin sind weitere Investitionen in die Technologie erforderlich. Der Sparkurs, den das Führungsduo Sihler/Tenzer fahren will, muss also in andere Unternehmensbereiche führen.
„Die Frage der Personalreduzierung darf nicht tabu sein“, so der ehemalige Postminister Christian Schwarz-Schilling. „In Zeiten der Telekommunikationsflaute muss – wenn auch schmerzlich – angepasst werden. Das tun andere auch.“ Schon zu Sommer-Zeiten stand fest, dass die Zahl der Mitarbeiter von derzeit rund 240 000 in den kommenden Jahren um etwa 22 000 Stellen reduziert wird. Der Abbau soll jedoch sozialverträglich erfolgen, so Rüdiger Schulze, Telekomexperte bei der Gewerkschaft Verdi. „Nach der Entscheidung des Aufsichtsrates wird es keinen Kahlschlag geben.“
Zusätzlich müsse der Bonner Riese nach Ansicht von Schwarz-Schilling Immobilien und technische Assets verkaufen und Partnerschaften bilden. Doch Ron Sommer habe gerade bei Akquisitionen falsch agiert. Schwarz-Schilling: „Man darf sich nicht wie ein Platzhirsch verhalten.“ Dass die geplanten Kooperationen mit Telecom Italia, France Télécom und Sprint scheiterten, führt der Ex-Minister auf die Dominanz der ehemaligen Telekomführung – sprich: Ron Sommer – zurück.
Wenn es um Technik-Vorstand Gerd Tenzer geht, dann kann Schwarz-Schilling richtig laut werden: „Es ist unfair, wie Herr Tenzer zurzeit behandelt wird. Wir sollten froh sein, dass es noch Fachleute wie ihn gibt.“ Tenzer wisse, wie die Fäden zusammenlaufen und wie man profitabel neue Geschäfte machen kann. Dort, wo der Technik-Chef freie Hand gehabt hätte, habe er sehr gute Ergebnisse geliefert. „Den Aufbau Ost hat er mit Bravour gemeistert. Die komplette Netzstrategie des Konzerns stammt von ihm.“
Mit Tenzer hoffen auch die deutschen Wettbewerber der Telekom auf einen Kurswechsel. „Weniger Verdrängungswettbewerb, das ist es, was wir uns von der Telekom nun erhoffen“, so Marion Krause, Sprecherin des Branchenverbandes VATM, in dem die Konkurrenz der Bonner organisiert ist.
Ron Sommers Devise war immer: keinen Kunden aufgeben, egal, was es kostet. Jüngstes Beispiel DSL: Mit Dumpingpreisen hatte der rosa Riese eine Menge Kunden gelockt, mit heute 2,5 Mio. Teilnehmern nahezu ein Monopol bei der privaten Breitbandkommunikation aufgebaut. Erst im Januar schritt die Regulierungsbehörde ein: Die Anschlussgebühren mussten erhöht werden, die Hardware gab es nicht mehr umsonst. Von einer schwachen Telekom, so der VATM, habe niemand etwas in der Branche. Krause: „Wir wünschen uns, dass die Telekom wieder in die Gewinnzone kommt, weil auch der Wettbewerb einen starken Vertragspartner braucht.“
Der Verkauf der Kabelnetze könnte ein erster Schritt auf dem Weg in die schwarzen Zahlen sein. Von Liberty Media hatte sich die Telekom 5,5 Mrd. ! versprochen, bevor das Bundeskartellamt den Kabeldeal platzen ließ. Gerd Tenzer bekräftigte auf dem Medienforum in Köln vor wenigen Wochen: „Wir haben das Kabel nicht zu den Akten gelegt. Wir wollen einen vernünftig hohen Preis erzielen, der den Wert des Netzes widerspiegelt.“
Weiteres Geld könnte der Verkauf von Verlustbringern und unwesentlichen Beteiligungen bringen, zum Beispiel in Asien. Ob Sihler als Vorstandschef auf Abruf dieses heiße Eisen allerdings anpackt, wird von DSW-Chefin Benner-Heinacher bezweifelt. „Für die Aktionäre heißt das: zwei bis drei Jahre Geduld aufbringen.“(s. a. Seite 21)
zel/rb/mav

Ein Beitrag von:

  • Martin Volmer

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaft, Konjunktur, Wirtschaftspolitik.

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

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