Software 03.09.1999, 17:22 Uhr

Software verkürzt Kraftwerksrevision

Kernkraftwerke werden in regelmäßigen Abständen abgeschaltet, um Revisionen durchzuführen. Dabei tummeln sich oft über Tausend Beschäftigte in der Anlage. Betriebsführungssysteme unterstützen die umfangreichen Arbeiten – von der Vorbereitung bis zur Dokumentation.

Seit Mitte 1976 ist das Kernkraftwerk Brunsbüttel schon am Netz – doch eine Revision in nur 18 Tagen wie in diesem Jahr hat die Betriebsmannschaft zusammen mit den zahlreichen externen Kräften noch nie geschafft. „Das ist nicht nur für uns ein Rekordergebnis, sondern gilt für Siedwasserreaktoren sicher ganz allgemein“, freut sich Dipl.-Ing. Knut Frisch, Leiter der Revisionsplanung der Kernkraftwerk Brunsbüttel GmbH (KKB), eine gemeinsame Tochtergesellschaft von HEW und PreussenElektra. Einen bedeutenden Anteil an diesem Erfolg hat das hier seit Mitte der 90er Jahre eingesetzte Betriebsführungssystem (BFS), das ursprünglich von den KKB-Gesellschaftern und Siemens/KWU (Erlangen) gemeinsam entwickelt wurde, inzwischen aber auch für fossile und Wasserkraftwerke zur Verfügung steht.
Bei jeder Revision tummeln sich neben den 340 eigenen Mitarbeitern bis zu 900 „Fremdkräfte“ aus hunderten verschiedener Firmen im Kraftwerk am Nord-Ostsee-Kanal, deren Tätigkeiten nicht nur koordiniert, sondern auch dokumentiert werden müssen. „Früher hatten wir Revisionen mit 10 000 Arbeitsaufträgen, heute weniger als ein Fünftel davon“, erklärt Harald Rosenau, Schichtleiter bei der KKB. Dank des BFS sind Informationsstand und Gesamtüberblick jedes einzelnen Beschäftigten sehr viel besser, so daß viele Aufträge detaillierter und inhaltlich zusammengefaßt, Abläufe besser koordiniert, die Arbeitsvorbereitung gestrafft werden können. „Der Rationalisierungseffekt bei der Administration liegt bei beachtlichen 40 %“, schätzt Volker Stock, Leiter Kommunikation der KKB, wozu in Brunsbüttel alle Datenverarbeitungssysteme zählen.
Inzwischen sind rund 240 000 Anlagenobjekte mit eigenem Kennzeichen erfaßt, die sich auf 35 000 Typen verteilen – bestimmte Bauteile wie Ventile, Flansche oder Schrauben sind innerhalb eines Kraftwerkes in vielfacher Ausführung vorhanden. In der Verwaltung von Ersatzteilen und Materialien werden rund 20 000 Positionen geführt. „Sollte mal etwas fehlen, können wir über das System auf die Inventare unseres „Schwesterkraftwerkes“ Krümmel zurückgreifen, was häufig Zeit und Geld spart“, erklärt Hans Hatje aus der Arbeitsvorbereitung Elektrotechnik, der auch an der Entwicklung des BFS beteiligt war. Durch den Einsatz des BFS in anderen Kraftwerken wie z. B. Brokdorf, Unterweser oder Grohnde ist der Zugriff im Austausch machbar.
Das BFS ist modular aufgebaut. In Brunsbüttel wurden zunächst die Softwareprogramme für die Verwaltung von Anlagenteilen und Dokumentation installiert, anschließend das Modul zur Erfassung und Verfolgung von Störungen und Mängel. Inzwischen sind auch Instand- und Ersatzteilhaltung, Systemfreischaltungen sowie Sicherheitsmaßnahmen (Arbeits-, Strahlen-, Objekt- und Brandschutz) im System abgelegt. „Zuletzt haben wir die Module für Berichtwesen und Technische Projektierung aufgebaut“, erklärt Olaf Hiel, Systembetreuer des BFS. Neben den aktuellen Eingaben umfaßt es alle Daten früherer Systeme in widerspruchsfreier und qualitätsgesicherter Form, mehrfach geführte Informationen wurden identifiziert und bereinigt. „So sichern wir das Know-how der ursprünglichen Inbetriebnahme- und Betreibermannschaft, deren Mitglieder langsam das Rentenalter erreichen und deren Wissen sonst verlorengehen würde. Viele Erkenntnisse waren ursprünglich nur in den Köpfen gespeichert, jetzt haben wir sie für alle zugänglich gemacht“, so Fachmann Frisch.
Inzwischen bietet Siemens BFS weltweit in einer 2. Generation an, die unter Windows NT läuft. Lag der Preis für das ursprüngliche, im KKW Brunsbüttel eingesetzte System inklusive der Server-Hardware bei etwa 3 Mio. DM, so bewegt er sich für das Windows-Produkt heute – abhängig von der Betriebsgröße und damit der Nutzerzahl – zwischen 250 000 DM und 600 000 DM. Mit dem alten und neuen System arbeiten inzwischen nicht nur sechs deutsche Kernkraftwerke, sondern nahezu 30 fossil gefeuerte Kraftwerke in Europa und Asien. „Die bisher größte von uns ausgerüstete Anlage ist mit 3300 MW allerdings das Wasserkraftwerk Ertan in China“, erklärt Roland Seidl, Leiter Betriebsführungssysteme der KWU.
Brunsbüttel, das die längste Erfahrung mit dem BFS aufweisen kann, hat gezeigt, daß die drei grundsätzlichen Aufgaben – umfassende und effektive Unterstützung der Arbeitsabläufe, bedarfsgerechte Bereitstellung aktueller Informationen und die Förderung der Kommunikation – sicher und effizient erfüllt werden. „Die Transparenz in alle Richtungen steigt, zudem ist die Verfügbarkeit des Systems sehr gut“, bestätigt Experte Frisch. Künftig soll das Aufgabengebiet BFS mit der Kraftwerksleittechnik der KWU eng zusammenwachsen. Ziel ist es, ganzheitliche Lösungen für den Energiemarkt anzubieten. Für Brunsbüttel ist das BFS schon heute eine gute Lösung, wie die Rekord-Revision zeigte.
KLAUS JOPP
In der Warte des Kernkraftwerkes Brunsbüttel nutzen Schichtleiter das Betriebsführungssystem, um die Revisionsarbeiten zu organisieren.

Ein Beitrag von:

  • Klaus Jopp

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