IT-Sicherheit 11.08.2000, 17:26 Uhr

So sicher wie in Abrahams Schoß

Vielen ist das „I-love-you“-Virus noch in lebendiger Erinnerung, schließlich hat es bei Millionen Nutzern wichtige Daten gekillt. Wer wirklich auf Nummer sicher gehen will, muss in die Schweiz. Dort betreibt ein kleines Unternehmen den sichersten Datenbunker der Welt.

Dumpf schnappt die 2,7 t schwere Türe ins Schloss. Noch einen Moment lang hallt es durch den mausgrauen Tunnel, der sich nun als einzige Perspektive öffnet. Trockene, chemisch gereinigte Luft steigt in die Nase. Breitbeinig und mit regungsloser Miene überwachen bewaffnete Soldaten des Festungswachkorps die Anlage – eine Elitetruppe, die auch die Schweizer Nationalbank schützt. Wir sind in der „Globalen Datenfestung“, dem wohl sichersten Rechenzentrum Europas, wenn nicht der ganzen Welt. „Diesem Ort wird von Versicherungen “zero risk“ attestiert“, sagt Christoph Oschwald, Gründer der Firma Mount10, die den Datenbunker betreibt. Hier ist nichts zu befürchten, weder Atombomben noch biologische oder chemische Waffen.
Ein Datenverlust gilt heute als eines der größten Risiken, denen ein Unternehmen ausgesetzt ist. Gehen wichtige Informationen wie Kundendaten, Passwörter oder Firmengeheimnisse verloren, kann das Unternehmen seine Tore schließen. Schuld an solchen Katastrophen können Naturgewalten sein wie Blitzschlag oder Hochwasser. Viel häufiger ist jedoch der Datenverlust durch unabsichtliche Fehler eines Mitarbeiters oder gar böswillige Manipulation. Und am meisten gefürchtet wird der Cyber-Terrorismus durch Hacker, Viren und Spionage.
Vor zehn Jahren hat Oschwald daher seine militärischen Beziehungen spielen lassen und den damaligen Generalstabschef der Schweizer Armee für seine Vision gewonnen: ein katastrophensicheres Datacenter für die digitalen Schätze von Firmen und Regierungen, bewacht von der Armee und vor elektronischen Hackerangriffen durch Firewalls geschützt. „Die Lagerung von Daten im Bunker ist kein Werbegag von Mount10“, urteilt Hanspeter Unger, Berater für IT-Sicherheit aus Basel. „Das macht Sinn.“
In den finsteren Maulwurfsgängen dieses geheimen ABC-Bunkers, den die Schweizer Armee in den 70er Jahren irgendwo bei Gstaad im Berner Oberland in den Berg getrieben hat – die genaue Lage unterliegt strenger Geheimhaltung -, gehen nun zwei einander fremde Welten eine ungewöhnliche Verbindung ein: eine Symbiose aus digitalem Hightech und dem verstaubten Bombengroove des Kalten Kriegs. Ein Schulterschluss zwischen der Welt des E-Commerce, wo elektronische Daten zum wichtigsten Firmenwert avancieren, und der Schlagkraft der Armee, die für ihre Bunker aus den Zeiten eines überhöhten Militärbudgets neue Verwendungszwecke sucht.
„Man exponiert sich immer, wenn man draußen ist“, sagt Oschwald, in diesem Moment in allen Himmelsrichtungen von vielen hundert Metern Fels umgeben. Mit „draußen“ meint er jedoch nicht die saftigen Wiesen oder den Fluss drunten im Tal. Er meint auch nicht die Sägerei, die eigens errichtet wurde, um vom Bunkereingang abzulenken und ein ziviles Ambiente zu schaffen. „Draußen“ ist für ihn die Welt des Internet. Sobald sich ein Unternehmen in dieser virtuellen Welt bewegt, geheime Firmendaten durch die Leitungen schickt oder heikle Informationen auf einer Festplatte mit Anschluss nach „draußen“ lagert, ist das Unternehmen exponiert und verletzlich. Die eigentliche Bedrohung für Wirtschaft, Regierung, Land und Leute ist heute digital.
Mit einer Investition von beinahe 50 Mio. Franken wurde der Bunker mit Glasfaser verkabelt, mit fünffach redundanter Stromversorgung ausgestattet und mit einer mehrstufigen Zugangskontrolle versehen. In einer Art Vitrine aus Panzerglas werden Besucher vermessen und gewogen. Um die Identifizierung eindeutig zu machen, erfasst ein Scanner den Fingerabdruck und zur Sicherheit sucht ein Metalldetektor noch nach Waffen und Sprengstoff. „So wie gute Schuhe italienisch sind, sind Sicherheit und Seriosität typisch für die Schweiz“, sagt Oschwald, streng beäugt von den Soldaten, die jeden Winkel und jede Bewegung im Blick behalten. Neun weitere Datenbunker sollen bis 2005 folgen.
Ein Code, in einen grauen Kasten an der Wand getippt, öffnet das Portal zum Allerheiligsten des Datacenters. In Dunkelkammern lagern bei 19 °C und 40 % Luftfeuchtigkeit die digitalen Schätze von zur Zeit rund 100 Schweizer und 14 ausländischen Firmen und Regierungen.
Stolz präsentiert Oschwald ein Robotersystem, 1 Mio. Franken teuer, einen Kasten, fast so groß wie ein VW-Bus. Selbständig verwaltet ein Roboterarm mit rot leuchtenden Sensoren die Disketten und rührt dabei wild im Kreis herum. Die Datenträger in den dicht gedrängten Schubfächern des Roboters fassen insgesamt 50 000 Gigabyte an Daten. In einem anderen Raum steht die Überlebenshilfe für vier „Global Players“ mit Umsätzen in mehrfacher Milliardenhöhe. In weiteren Kammern können Firmen ihr eigenes Rechenzentrum komplett installieren. Die Miete plus Unterhalt für einen ganzen Raum kostet 19 500 Schweizer Franken im Monat.
Ab Herbst wird auch ein Dienst für „kleine“ Kunden eingerichtet: Für rund 30 Franken im Monat wird übers Internet ein Spiegelbild der Festplatte eines PC oder Organizers im Datacenter gesichert. Stürzt dem Kunden der Server ab, löscht ein Hacker oder Virus die Festplatte oder vernichtet ein Brand das ganze Datenarchiv, werden die hier gesicherten Informationen hoch verschlüsselt über die schnellste Datenverbindung der Schweiz wieder auf die Rechner geladen. Ist das nicht möglich, startet ein Hubschrauber oder Jet von der Piste vor dem Bunker und fliegt die Daten auf Disketten gespeichert direkt zum Kunden.
„Wir sind wie eine Schweizer Bank“, weist Oschwald die Frage nach den Kunden ab, „wir reden nicht über Namen.“ Dennoch gibt er preis, dass auch ein deutsches Unternehmen ihm wichtige Daten anvertraut hat. Die Schweizer Shoppinggate.com AG, ein Portal für den Einkauf per Internet, hat sich kürzlich sogar selbst als Kunde offenbart und will ihren gesamten Web-Server im Berg installieren. „Es muss einfach hundertprozentig gewährleistet sein, dass niemand an heikle Daten wie die Kreditkartennummern unserer Kunden herankommt“, sagt Victor Kadlcik von Shoppinggate.
Selbst für Polizei, Armee und Finanzbehörden sind manchmal die Türen zu den Dunkelkammern verschlossen. Das Allerheiligste genießt für internationale Staatskunden exterritorialen Status, ähnlich einer Botschaft. Die abgeschottete Privatsphäre macht die Datenfestung natürlich auch für zwielichtige Kunden interessant. „Wir haben auch schon Unternehmen abgewiesen“, betont Oschwald.
Aber auch im bombensicheren Hangar lauern noch Gefahren. „Hundertprozentige Sicherheit kriegt man nie hin“, sagt Unger. Jedes Kabel, das nach draußen führt, ist ein potentielles Einfallstor für Spionage und Hacker. „Das ist ja nichts anderes als Kalter Krieg auf einer anderen Plattform“, kommentiert Oschwald. Hier das Expertenteam von Mount10, das von Dübendorf bei Zürich aus die elektronische Sicherheit auf Großbankenstandard hält, und jenseits des eisernen Vorhangs die Hacker, die mit branchenüblichen Tricks versuchen, die elektronischen Firewalls zu knacken.
Nach langen Gängen, am Ende eines Labyrinths, ein Lichtpunkt. Wenige Schritte später endet der Tunnel direkt am Abgrund, inmitten einer steilen Felswand. Nur ein wackeliger Gittersteg führt weiter hinaus zur „Sky-Bar“, einem ehemaligen Wachtturm, der hoch über dem Boden schwebt. Mit atemberaubender Aussicht werden hier an einem kleinen Tisch die Verträge mit Kunden ausgehandelt.
Oschwald senkt den Blick ein wenig. Tief unter uns, das Sägewerk, der Fluss, die Jetpiste. Graue Wolken beschweren die Gipfel. „Es gibt nur eines das ich wirklich fürchte“, sagt Oschwald, „dass wir bei Maßnahmen gegen Hacker aus Unachtsamkeit etwas übersehen.“ JOACHIM LAUKENMANN Eine Festung nur für Daten Der Datenbunker tief im Schweizer Berg wurde 1996 in Betrieb genommen. Damals hieß der Betreiber noch SIAG und bot seine Dienste ausschließlich Schweizer Kunden an. Anfang des Jahres wurde das Datacenter auch für Auslandskunden geöffnet und SIAG in Mount10 umbenannt.
In Deutschland ist Mount10 noch weitgehend unbekannt. Bei Siemens ruft der Name nur Kopfschütteln hervor, ebenso bei der Geschäftsleitung von amazon.de und der Presseabteilung von IBM Deutschland. Auch bei energis squared, einem der größten Anbieter für IT-Sicherheit in Europa, ist Mount10 zumindest in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit kein Begriff. Eine für das Unternehmen wichtige Entscheidung wurde vor wenigen Tagen in Brüssel getroffen: Die Schweiz und die EU erklärten ihre jeweiligen Datenschutzgesetze für gleichwertig. Das macht es deutschen Unternehmen leichter, die Schweizer Datenfestung zu nutzen. J. L.

 

Ein Beitrag von:

  • Joachim Laukenmann

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Softwareentwicklung

Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System and Requirements Engineer (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
HUK-COBURG-Firmenlogo
HUK-COBURG Backend Entwickler:in / Softwareentwickler:in für modulare Lösungen Coburg
Airbus-Firmenlogo
Airbus Senior Unix/Linux/Solaris Services Specialist (d/f/m) München
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Director Software Development Embedded Systems (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
SMR Automotive Mirrors Stuttgart GmbH-Firmenlogo
SMR Automotive Mirrors Stuttgart GmbH Algorithm Engineer (m/w/d) Stuttgart
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Development Engineer, Signal Processing (m/f) Innsbruck (Österreich)
Hays-Firmenlogo
Hays Softwareentwickler (m/w/d) Großraum Münster
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Software Engineer, Xamarin Mobile Apps (m/f) Innsbruck (Österreich)
MED-EL Medical Electronics-Firmenlogo
MED-EL Medical Electronics Development Engineer (m/w) Innsbruck (Österreich)
Airbus Defence & Space-Firmenlogo
Airbus Defence & Space Galileo Systemingenieur (d/m/w) Raum Friedrichshafen

Alle Softwareentwicklung Jobs

Top 5 IT & T…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.