Mobilfunk 26.04.2002, 17:33 Uhr

Simsen mit Oma und Opa

Menschen über 50, so genannte Best Agers, sind durchaus an neuer Technik interessiert. Nur die Geräte sind nicht für sie gemacht. Kleine Tasten eines Handys und schlechte Menüführung verhindern z.B. das Simsen – das SMS-Schreiben – mit den Enkeln.

Als Ursula Wagner ein Handy zum Geburtstag erhielt, war sie von dem Geschenk wenig entzückt. „Wo sind denn die Batterien“, fragte die Rentnerin ihre Tochter und: „Wie funktioniert das überhaupt?“ Als eine Nachbarin auch noch sagte: „Stell Dir vor, das Handy klingelt beim Gottesdienst!“, war’s ganz vorbei mit der neuen Technik im Hause Wagner. Das Telefon landete in einer Schublade.
Ihre Tochter Gabriele Farke brachte das Debakel auf eine Idee. Sie lieh sich beim T-Punkt um die Ecke ein paar Handys und mietete einen Raum in einer Freiburger Fahrschule. Das Medientraining für Senioren war geboren, mittlerweile gibt es die Seminare unter dem Motto „Handylust statt Handyfrust“ fast überall in Deutschland.
In den zweistündigen Kursen lernen Menschen das A und O des mobilen Telefonierens, wie man sein eigenes Telefonbuch einrichtet, eine SMS verschickt und ein verlegtes Gerät wiederfindet. („Rufen Sie‘s vom Festnetz an und folgen Sie dem Klingeln.“)
Die größte Hemmschwelle ist eine psychologische. „Ältere Menschen haben Angst, sie könnten was kaputt machen, löschen oder verstellen“, hat Farke beobachtet. Ist diese Barriere überwunden, stellt sich eine geradezu kindliche Freude ein. Noch während eines Kurses verschickte eine Seniorin eine SMS an ihre Enkelin, die prompt zurücksimste: „Wer hat das Handy meiner Oma geklaut?“ und damit stolzes Gekicher seitens der alten Dame auslöste.
„Endlich weiß ich, was meine Enkel da treiben“, sagte die alte Dame nach dem Seminar, „aber warum konnten die mir das nicht erklären?“ Gute Frage. „Junge Leute sind oft zu schnell für ihre Großeltern, die sich nicht trauen nachzufragen“, hat Farke beobachtet.
„Handys?“, Rolf Joska hebt abwehrend die Hände. „Davon halten die meisten alten Leute nichts. Sie können keinen Nutzen darin erkennen.“ Anklagend zieht er sein eigenes hervor. „Sehen Sie doch, die Tasten sind zu klein, das Display auch. Wie sollen die das denn lesen? Das seniorenfreundliche Handy muss noch erfunden werden.“
Joska, leitender Ingenieur der Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik (GGT), ist Fachmann auf dem Feld der Technikgestaltung für die Zielgruppe der Best Agers, wie Menschen jenseits der 50 in der Marketingsprache neuerdings genannt werden, und er ist überzeugt: Noch immer ist die Industrie dem Jugendwahn erlegen sie ignoriert ältere Verbraucher weitgehend. Erst, wenn es darum geht, Heil- und Hilfsmittel zu entwickeln, entsteht wieder ein Markt. Nur diese Produkte sind, so Joska, „meistens potthässlich“.
Seit fast zehn Jahren gibt es die GGT, selbst ein Gütesiegel „Komfort und Qualität“ hat sie mit dem TÜV Rheinland entwickelt, und doch wird Joska noch immer zu Seminaren eingeladen, in denen das Thema „Alterung der Gesellschaft“ gerade erst entdeckt wird. „Die Zahlen sind seit vielen Jahren bekannt“, sagt Joska, „aber sie werden nicht zur Kenntnis genommen.“
Änderung verspricht er sich allenfalls von dem im Februar verabschiedeten Gesetz zur Barrierefreiheit und neuen Normen zur Nutzerfreundlichkeit (siehe Kasten). Letztlich, so seine These, gehe es nicht darum, Produkte für alte Leute herzustellen, sondern darum, nutzerfreundliche und fehlertolerante Produkte zu entwickeln: „Was gut ist für alte Menschen, ist auch gut für junge. Umgekehrt gilt das nicht“, sagt Joska.
In den Räumen der GGT in Iserlohn finden sich eine Menge Beispiele für nutzerfreundliche Technik: Armaturen, Fensterriegel, Telefone, Fernseher, Möbel und Küchengeräte. Bestes Beispiel ist die Fernbedienung, mit der sich nach Belieben bis zu vier Geräte bedienen lassen – Fernseher, Videorekorder, Sat-Receiver und sogar die Fensterverriegelung, wenn gewünscht. Jeder Knopf kann ganz nach Belieben mit einer anderen Farbe und einem anderen Symbol unterlegt werden. Fragt sich bloß, warum die Firma Evosoft das Gerät „Senior Pilot“ genannt hat, wo es doch für praktisch veranlagte Menschen genauso hilfreich sein kann!
„Senioren sind weitaus interessierter an innovativer Technik als allgemein angenommen“, sagt Uta Böhm vom Berliner Institut für Sozialforschung (BIS), das kürzlich eine Studie zur Akzeptanz von Smart-Home-Anwendungen vorlegte. Doch es ist nicht so sehr Komfort, der ältere Menschen interessiert, sondern vielmehr Fragen der Sicherheit und der Sparsamkeit. Wenn man über die so genannten BUS-Systeme Fenster automatisch verriegeln und die Heizung bei Abwesenheit drosseln kann, dann finden die Best Agers das toll. Die Träume junger Menschen dagegen wie der Kühlschrank-Check von außerhalb lassen Menschen jenseits der 55 eher kalt.
Wichtig ist für die älteren Verbraucher nicht nur die einfache und leichte Bedienbarkeit der Produkte, wichtig ist die Funktionalität. Dabei sollte sich das Produkt auf wenige Eigenschaften beschränken, ein Handy, mit dem man auch Radio hören kann oder der Videorekorder, der auch noch einen Wecker enthält, ist für sie uninteressant.
Die BIS-Studie entstand im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag“, kurz Sentha, an dem auch mehrere Institute der TU Berlin und das Deutsche Zentrum für Altersforschung, Heidelberg, beteiligt sind. In den verschiedenen Sentha-Untersuchungen musste bereits manche Fehleinschätzung korrigiert werden, wie die Arbeitswissenschaftlerin Monika Krüger berichtet. Bei einem Projekt zur Handy-Nutzung etwa stellte sich heraus, dass vor allem die Menüführung für ältere Menschen den Gebrauch erschwert. Krüger: „Wer mit von der Logik her ähnlich funktionierenden Geräten wie z.?B. dem PC nicht vertraut ist, hat es schwerer mit der Bedienung.“
Die Arbeitswissenschaftler haben daher einen ganzen Katalog von Gestaltungsempfehlungen entwickelt. Dazu zählt etwa der Hinweis, auf Piktogramme zu verzichten (denn wer das Bild nicht kennt, versteht auch die Botschaft nicht) oder auf bekannte Bedienroutinen zurückzugreifen. Die einzelnen Elemente sollten leicht erreichbar und übersichtlich angeordnet sein sowie idealerweise nach dem Bedienen auch eine Rückmeldung geben, damit die Nutzer Gewissheit haben, dass die Funktion wirklich aktiviert ist. „Tasten könnten z.?B. aufleuchten, nachdem sie gedrückt wurden“, sagt Krüger.
Mit einem so entwickelten Handy würde vielleicht auch Ursula Wagner mit ihrer Freundin über die letzte Predigt klatschen. HELENE CONRADY

Jeder vierte ist über 50
Schon heute ist jeder vierte Deutsche über 50. Im Jahr 2030 werden es 35 % der Bevölkerung sein, mehr als die Hälfte sind Frauen. Marketingfachleute weisen darauf hin, dass es sich dabei um ausgesprochen einkommensstarke Verbraucher handelt. Mit rund 600 DM lag ihr frei verfügbares Einkommens nach Abzug von Miete und Fixkosten ebenso hoch wie das von Paaren, bei denen beide verdienen, und deutlich höher als in Familien, ergab eine Studie Ende der 90er Jahre. Damals wurde auch Begriff „Best Agers“ oder „Master Consumers“ geprägt. Allerdings, auch das betonen Fachleute immer wieder, die Best Agers sind keineswegs eine homogene Zielgruppe. Wissenschaftler, wie die Sentha-Forscher, differenzieren daher nach Altersstufen: die 55- bis 64-Jährigen, die 65- bis 75-Jährigen und die über 75-Jährigen. hc

Barrierefreie Produkte
Im August 2001 wurde ein Entwurf für die DIN 33455 zu „barrierefreien Produkten“ veröffentlicht. Da es aber Pläne für eine entsprechende Norm auf europäischer Ebene gibt, wird das Deutsche Normungsinstitut darauf verzichten, die Norm zu verabschieden. Lediglich ein so genannter DIN-Fachbericht soll im Herbst erscheinen, dessen Empfehlungen aber in die europäische Diskussion einfließen sollen. Die Leitsätze der 33455 sehen u.?a. Folgendes für die Produktgestaltung vor: Die Nutzung darf nicht mit großem Kraftaufwand verbunden sein. Produkte müssen fehlertolerant und selbsterklärend sein. Wenn das Gerät Signale für die Bedienung gibt, sollte dies nach dem „Zwei-Kanal-Prinzip“ geschehen. Das bedeutet: Wenn ein Telefon klingelt, leuchtet gleichzeitig eine Lampe auf Bankautomaten und Waschmaschinen verfügen künftig auch über Sprachausgabe. hc

Ein Beitrag von:

  • Helene Conrady

    Redakteurin VDI nachrichten im Ressort Management und Karriere. Fachgebiete: Technologiepolitik, Technikfolgenabschätzung, Reportagen.

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