Internet 05.05.2000, 17:25 Uhr

Silicon Valley auf Hongkong Island

Die Finanzmetropole Hongkong entdeckt das Internet. Die ansässige IT-Branche kann den Bedarf der Industrie allerdings nicht decken. In einem Technologiepark will die Regierung daher die Großen der Branche mit asiatischen Start-ups zusammenzubringen.

Hongkong quirlt: Zu jeder Tages- und Nachtzeit schieben sich Menschenmassen durch die Schluchten der Wolkenkratzer. Taxen hupen an jeder Ecke, quietschende Handwagen versperren leise dahingleitenden Luxuslimousinen den Weg. Und überall bimmeln Handys – ob in der U-Bahn oder im chinesischen Schnellimbiss. In wohl keiner anderen Stadt der Welt sieht man so viele Menschen mit einem Knopf im Ohr auf der Straße. „Wenn der Hongkonger seine Wohnung verlässt, zieht er sich Schuhe und das Headset für das Mobiltelefon an“, erklärt Grace Foo vom Ministerium für Informationstechnologie und Broadcasting.
Für den Europäer scheint diese Welt in der 6,8-Mio.-Metropole hektisch und skurril. Den Überblick erhält man erst von einem der bis zu 374 m hohen Bürotürme, die das Bild des Central District beherrschen. Aus dem spiegelverglasten Citibank-Tower setzen nicht nur die Banker die Entwicklungen des Hongkonger Regierungs- und Finanzviertels in Bewegung. Mittendrin sitzt Alex Arena – einer der derzeit gefragtesten IT-Manager der Stadt. 38 Stockwerke gleitet der Fahrstuhl langsam hinauf in das Reich von Pacific Century Cyberworks. Obwohl das Unternehmen seit seinem Börsengang im April vergangenen Jahres beinahe wöchentlich ein junges Internet-Unternehmen aufkauft und sich nun auch noch Hongkongs Telefon-Oldi Cable & Wireless einverleibt, ist von Hektik keine Spur. Dicke Teppiche und dunkle Tapeten signalisieren: Wir sind keine Turnschuh-Company aus der Garage, sondern eingefleischte Profis.
Managing Director Arena kann man sich auch kaum anders vorstellen als in Nadelstreifen und bestem englischen Schuhwerk. Der gebürtige Brite verschiebt hier seit einigen Jahren zwischen Regierung und Finanzinstituten Gelder in Richtung Internet. „Wir kennen das Netz wie unsere Westentasche“, rühmt er die Expertise seines in Hongkong beheimateten Konzerns, der quer durch Asien ein breitbandiges, Internet-basiertes Netz aufbaut. Gemeinsam mit dem amerikanischen Chiphersteller Intel (40 % der Anteile) hat die Pacific Century Cyberworks zudem ein Joint Venture gegründet, das sich auf neu gegründete kleine asiatische Firmen stürzt, die sich dem Internet verschrieben haben.

Hongkong hat die IT-Welle bislang verschlafen

Der schmächtige Arena ist der große Macher. Seit einiger Zeit besitzt er einen Pass seiner Wahlheimat. Das erfüllt ihn nicht unbedingt mit Stolz: „Hongkong hat bislang die IT-Welle verschlafen.“ Auf den Hardware-Zug sind andere asiatische Länder aufgesprungen. Nun gilt es, den Anschluss bei der Internet-Software nicht zu verpassen. „Doch potentielle Firmengründer finden nicht den adäquaten Nährboden in der Stadt“, kritisiert Arena die IT-Politik der Regierung. Vor allem die Immobilienpreise seien zu hoch für Start-ups. Er kam daher auf die Idee, einen Technologiepark für Internet- und Multimedia-Companies einzurichten, ein asiatisches Silicon Valley sozusagen mit dem Namen Cyberport. Nur so könne man auf Dauer auch vermeiden, dass die traditionellen Dienstleistungsbranchen der asiatischen Metropole – Banken, Finanzdienstleister, Tourismus – das Internet-Zeitalter verpassen. „Im Vergleich zu Europa sind wir relativ weit in Sachen Internet und Electronic Commerce. Aber wir hinken immer noch hinter den USA her“, macht der Manager seinem Ärger mit nur wenigen Sätzen Luft – mit Blick zum Nachbargebäude.
Im leicht angestaubten Murray Building, nicht halb so hoch wie der hypermoderne Wolkenkratzer der Citibank, hat das Ministerium für Informationstechnologie und Broadcasting seinen Sitz. Eine Verwaltung, die sich kaum von einer deutschen unterscheidet: Aktenberge, wohin man blickt – Computernetze und das Internet haben hier tatsächlich noch nicht Einzug gehalten. Natürlich seien die USA Internet-Vorreiter, räumt Principal Assistant Secretary Alan Siu ein. Doch immerhin hatten im Juli 1999 1 Mio. Hongkonger Internet-Anschluss. Siu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und referiert die offiziellen Statistiken der Regierung: 1997 steuerte die IT inklusive der boomenden Telekomdienste 2,3 % zum Bruttosozialprodukt in Höhe von 1,23 Billionen Hongkong-Dollar (umgerechnet 307 Mrd. DM) bei. Der Beamte sieht keinen akuten Handlungsbedarf, stelle doch die Regierung für den Cyberport das 26 ha große Grundstück auf Hong Kong Island nebst Infrastrukturanbindung zur Verfügung. Die Pacific Century Group baut für 1,74 Mrd. Dollar den gesamten Park auf. Anschließend geht alles in die Hände der Regierung zurück. Den jährlichen Gewinn teilen sich die beiden Parteien nach einem Schlüssel, den der gewiefte Arena nicht nennen will. Er lenkt das Gespräch lieber auf den Architektenentwurf für den Cyberport.
Er soll in nur 3 km Entfernung vom Financial District erbaut werden – Luftlinie allerdings, denn dazwischen befindet sich Hongkongs meistbesuchter Aussichtspunkt, der Victoria Peak. Touristen, die in zwei Jahren mit der Peak Tram zum Gipfel hinauffahren, um den Blick auf die Skyline von Victoria und Kowloon zu genießen, müssen sich dann nur zur anderen Richtung wenden, um den Cyberport an der Telegraph Bay nahe Pok Fu Lam zu sehen. Noch kommen Naturliebhaber dort auf ihre Kosten. Doch das wird sich schon in Kürze ändern, wenn die ersten Bagger anrücken.
Der Mann von Pacific Century Cyberworks weist alle Vorwürfe über große Eingriffe in die Landschaft weit von sich. „Die Gebäudekomplexe einschließlich Wohnhäusern fügen sich doch richtiggehend in die Bucht ein“, urteilt Arena. Das sei der Clou am Cyberport-Projekt: wohnen und arbeiten auf einem Campus. „Nur auf diese Art und Weise können wir IT-Entwicklern einen kreativen Nährboden bereiten.“ Das kalifornische Silicon Valley zeige es doch am besten: Auch hier hocken die Knowledge Workers auf verhältnismäßig engem Raum aufeinander, treffen sich zum Plausch in der Kaffeebar, und am Abend tauschen sie beim Bier ihre Ideen aus. „Wenn die Leute quer über die Stadt verstreut ihre Wohnungen haben, kommt diese Atmosphäre nicht auf“, weiß Arena.
So wird der Cyberport eine Internet- und Multimedia-Stadt für sich sein. Mit Wohnungen, Shopping-Malls, Sport- und Freizeitangeboten – und natürlich mit Hightech-Arbeitsplätzen, die dem neuesten Stand der IT- und Telekommunikationstechnologie entsprechen: einem Multimedialabor, das alle Unternehmen gemeinsam nutzen können, und Büros aller Größen, die Zugang zum breitbandigen Campus-Netzwerk haben. Auch die Wohneinheiten sind daran angeschlossen. Wenn ein Web-Designer lieber mal zu Hause arbeiten will, kann er dies quasi wie ein Teleworker tun.
10 000 bis 12 000 IT-Spezialisten sollen nach der letzten Ausbauphase Ende 2002 im Cyberport arbeiten. Dabei ist sowohl der Regierung als auch Pacific Century Cyberworks klar, dass die kreativen Ideen nicht allein von den lokalen Internet-Start-ups stammen können. „Wir brauchen die großen Namen der IT-Branche aus den USA“, erklärt Arena.
Noch hat sein Unternehmen nicht die aktive Vermarktung der Büroflächen gestartet, da hat er bereits die ersten großen Fische am Haken: IBM, Hewlett-Packard, Microsoft, Oracle, Cisco und Yahoo wollen am Cyberport vor Anker gehen, um ihn als Sprungbrett nach China zu nutzen. „Jeder will die Chance nutzen, in den chinesischen Markt einzusteigen“, weiß Arena. „Hier wird in Zukunft die Musik spielen, da ist jede Menge Energie drin.“ Insgesamt rechnet er im Technologiepark mit etwa 30 mittleren und großen Firmen, deren Mitarbeiterzahl jeweils zwischen 100 und 500 Mitarbeitern liegt. Daneben sollen cirka 100 kleinere Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern hier Platz finden. Kleine und große Fische, so Arenas Konzept, sollen sich ergänzen: Die Big Names profitieren vom speziellen Know-how der Kleinen, während diese auf Venture-Capital der Branchengrößen hoffen dürfen.

Hongkong lockt mit gutem Personal und niedrigen Steuern

Dabei hoffen die Cyberport-Parteien, dass auch die eine oder andere lokale Web-Company den Weg an die Telegraph Bay finden wird. An deutsche IT-Anbieter haben die Investoren bislang noch nicht gedacht. Doch Arena glaubt, dass sich ein Entwicklungsstandort Hongkong auch für sie rechnet: Lediglich 16 % Steuern zahlen Unternehmen auf ihren Gewinn, Privatpersonen maximal 15 %.
Zudem werden die Unternehmen nach Meinung von Siu und Arena nicht über Personalmangel klagen müssen: Zwar habe die Stadt derzeit nicht genügend IT-Spezialisten, doch habe sie stets bewiesen, dass sie sich sehr schnell und flexibel auf veränderte Anforderungen einstellen könne. An den Schulen läuft ein Fünf-Jahres-Programm für die Computerausbildung auf Hochtouren. Bis die eigene Jugend so weit ist, soll Nachschub aus den USA und China kommen: „China hat top-ausgebildete IT-Profis, die holen wir samt ihren Familien nach Hongkong“, verspricht Siu. Arena rechnet zudem fest damit, dass viele asiatische IT-Spezialisten, die in den vergangenen Jahren Stellen in den USA angetreten haben, den Weg zurück in die Heimat finden. „Ich kenne viele, die nach ein paar Jahren Auslandserfahrung zurückwollen, weil sie die Mentalität der Heimat vermissen.“ SABINE KOLL
Hektisch, skurril und erstaunlich westlich – so wirkt die 7-Mio.-Metropole Hongkong auf den Europäer. Doch die Regierung hat bisher die IT-Welle verschlafen. Ein privat finanzierter 26 ha großer Cyberport vor den Toren der Stadt (links) soll ab 2002 den Anschluss an die Internet-Welt öffnen.
Alex Arena, Director der Pacific Century Group, plant ein zweites Silicon Valley in Hongkong – einen Stadtteil, auf dem 10 000 Computerspezialisten wohnen und arbeiten sollen.Foto: Koll Alan Siu vom Ministerium für Informationstechnik will IT-Profis auch aus USA und China anwerben.
Gutes Geld bei IT

Gehälter in Honkong: Wie viel darf“s denn sein?

Hongkongs Gehälter sind nach Auskunft von Experten durch die Asien-Krise wieder wettbewerbsfähig geworden. „Wir werden unseren Leuten im Cyberport deutlich höhere Löhne zahlen“, erklärt Pacific-Century-Manager Alex Arena. Nach statistischen Angaben lag der jährliche Durchschnittsverdienst 1998 bei 175 200 Hongkong-Dollar (umgerechnet 43 800 DM). IT-Spezialisten erhielten teilweise deutlich höhere Gehälter. So bringen es Programmierer auf jährlich 56 000 DM, Systemingenieure auf 75 000 Dollar und IT-Berater auf bis zu 160 000 DM. sk

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