Mobilfunk 10.03.2006, 18:43 Uhr

Schwaben bringen Wimax zum Funken  

VDI nachrichten, Stuttgart, 10. 3. 06, rb – Auf dem traditionsreichen Werksgelände von Alcatel in Stuttgart-Zuffenhausen tüfteln ein paar Dutzend Ingenieure am neuen breitbandigen Funkstandard Wimax. Seit drei Jahren entwickeln, testen und optimieren sie die Basisstationen. Jetzt geht es in die heiße Phase. Schon im Sommer soll das Herz der neuen Funktechnologie auf den Weltmarkt gehen.

Stuttgart-Zuffenhausen, S-Bahn-Haltestelle Neuwirtshaus. Kein Kiosk ist weit und breit in Sicht, dafür Wertarbeit aus Baden-Württemberg. Links ist Porsche samt riesiger Baugrube. Träge schwenken mehrere Kräne ihre Lasten. Hier entsteht das neue Porschemuseum. Rechts spitzelt durch hohe Baumkronen die große Alcatel-Anzeige an der Spitze des 13-stöckigen Verwaltungshochhauses. In Zeitlupe fließt das Alcatel-Logo in gigantische Zahlen über, die weithin sichtbar die Zeit verraten.

An Pforte 2 wartet Jürgen Weber. Der Leiter des Mobilfunks bei Alcatel Deutschland macht auf dem 15-minütigen Fußmarsch Richtung Mobilfunk-Entwicklung auf historische Erfolge aufmerksam. „Hier wurde der erste Fernschreiber und das erste Funkgerät erfunden.“

Stimmig dazu ist die Kulisse des 225 000 m2 großen Geländes. Niedrige, teils mit Ziegeln verkleidete Gebäude aus den 30er, 50er und 70er Jahren, unterbrochen von kleinen Parks mit Kiefern und Eichen säumen die „Untere Werkstraße“. Doch es gibt kein Werk mehr. Noch in den 80er Jahren arbeiteten 8000 Mitarbeiter für Alcatel und produzierten Glasfaser-Übertragungstechnik. Heute sind es noch 4200, die meisten sind Forscher und Entwickler.

Fast nebenbei erwähnt der 46-jährige Weber: „Ende der 80er Jahre haben wir die erste Basisstation entwickelt und mit France Télécom getestet, ob digitaler Mobilfunk überhaupt funktionieren kann.“ Es funktionierte. Damit war in Stuttgart der Grundstein für die heute mehrere hundert Mann starke Mobilfunktruppe gelegt.

Es ist diese langjährige Expertise, die Stuttgart heute neben Velizy (Frankreich), Timisoara (Rumänien), Shanghai (China), Cennai (Indien) und Yokohama (Japan, gemeinsam mit Fujitsu) zu einem der sechs Alcatel-Entwicklungszentren im Mobilfunk macht. Physiker Weber bemerkt stolz: „Wir haben hier die weltweite Verantwortung des französischen Konzerns für die Entwicklung von Basisstationen jeglicher Technologie.“

Wimax ist die jüngste aller Technologien. Das Kürzel steht für Worldwide Interoperability for Microwave Access und basiert auf Punkt-zu-Multipunkt-Übertragung über Mikrowellentechnik. Der neue breitbandige Funkstandard Wimax kann die letzte Meile ins Wohnzimmer oder ins Büro drahtlos überwinden und soll um ein Vielfaches schneller sein als DSL-Techniken.

Weber nickt einem chinesisch-deutsch-indischen Ingenieurs-Trio auf seinem Weg zur Kantine zu. Fest in schwäbischer Hand ist das Basisstationen-Labor. „Wimax nimmt noch nicht so viel Raum ein wie UMTS und GSM“, sagt Michael Tangemann zur Begrüßung. Der Entwicklungsleiter führt durch den lang gezogenen Bau. Inmitten eines gigantischen Wirrwarrs von Kabeln, Rechnern, Servern, Messgeräten und Gehäuseteilen von Basisstationen sitzt hier eine Hand voll erfahrener Elektroingenieure in Jeans und Sweatshirts. An sieben Testplätzen optimieren sie die neuen Prototypen der Wimax-Basisstationen.

Offen liegen die Leiterplatten mit Steckverbindung zum Internet und verschiedenen Modulen, wie Sende- und Empfangsverstärker, da. Sie sind mit allerhand Messgeräten wie etwa Spektrumanalysatoren und Signalgeneratoren verbunden. Unter vielen anderen Parametern werden hier Störstrahlungen auf der Sendeseite gemessen ebenso wie die Empfindlichkeit der Empfänger.

Stolz demonstriert der 44-jährige Tangemann mit seinem Laptop, in dem eine Test-Karte der israelischen Firma Runcom mit Wimax-Empfänger steckt, die Leistungsfähigkeit des drahtlosen Breitbandturbos. Nichts ruckelt, der Alcatel-Imagefilm läuft einwandfrei ab.

Tangemann macht sich so zum Nutzer, der sehr viel Bandbreite braucht. Für Menschen wie ihn hat er sein „Smart Antenna-Konzept“ in die neue Wimax-Basisstation integriert. „Der Charme liegt darin, dass die Antenne selbst erkennt, wer gerade viel Bandbreite braucht und danach handelt“, erläutert Tangemann das Prinzip anhand einer schematischen Zeichnung.

Was kann die Neue aus Stuttgart besser als all die Basisstationen, die heute schon bei rund 15 internationalen Kunden im Einsatz sind? „Sie hat eine Reichweite je nach Topografie von 3 km bis 20 km und versorgt rund ca. 250 Nutzer“, so Tangemann. „Im Mittel können wir mit der ersten Version Datenraten bis zu 15 Mbit/s liefern, an der Zellgrenze sind es noch 5 Mbit/s, die sich die aktiven Nutzer dann teilen müssen.“

Erst zum Jahreswechsel wurde der mobile Standard vom Weltgremium, dem Institute of Electrical and Electronics Engineers, als IEEE 802.16e verabschiedet. Von Anfang an hat man sich bei Alcatel auf die mobile Variante von Wimax konzentriert. Mobil heißt hier, dass Internettelefonie und die Übertragung von Internetseiten beim Übergang von einer Wimax-Zelle zur nächsten nicht abreißt.

Bereits im Sommer sollen die neuen Basisstationen aus dem Stuttgarter Labor auf dem Weltmarkt sein. Sie müssen fertig sein, noch bevor andere Technik und Software, die aus den weltweit verstreuten Alcatel-Entwicklungszentren kommt, in Paris zusammengefügt wird.

Trotzdem ist hier niemand hektisch. Das liegt auch an der großen Gelassenheit des technischen Masters für diese weltumspannende Koordination. Uwe Sulzberger heißt er bei Alcatel und zählt zu den Pionieren, die seit 1987 den Mobilfunk ins Laufen gebracht haben.

Rauchpause auf dem Antennenplatz, wie die Tester ihn getauft haben. Einsam funkt hier eine UMTS-Basisstation vor sich hin. „Wir testen sie draußen auf Alterungserscheinungen“, lacht der 46-jährige Sulzberger. Doch auf dem rund 200 m2 großen Platz findet – neben wöchentlichen Telefonkonferenzen und monatlichen Flügen zu den Laboren in Rumänien, Shanghai, Paris und Indien – halbjährlich der „Draft“ statt. In einem riesigen Zelt trifft sich dann die internationale Alcatel-Entwicklungselite in Stuttgart-Zuffenhausen.

Doch Sulzberger koordiniert auch die Arbeit mit Entwicklungspartner Intel und dessen Forschern in Polen, Israel und den USA. Bereits 2008 sollen in allen Notebooks Wimax-Chips des US-Giganten stecken, die die Signale der Stuttgarter Basisstationen empfangen können. Ohne aufeinander abgestimmtes Equipment bei Sender und Empfänger wird nichts aus den hohen Datenraten. „Für Intel sind wir der Make-it-work-Partner“, bringt es Sulzberger auf den Punkt. Diese Rolle fällt den Stuttgartern auch beim Handyriesen Samsung zu.

Koordinator Sulzberger reist momentan oft nach Indien zum jüngsten Entwicklungslabor von Alcatel. „Dort sind unsere Spezialisten für 30-Dollar-Empfänger in der ersten Generation von Notebook-Karten.“ Die Wimax-Community wartet – vor allem für Schwellenländer – auf billiges Equipment.

„Wir brauchen Lösungen für ganz unterschiedliche Märkte mit verschiedenen Ansprüchen“, sagt Jürgen Weber auf dem Weg zur S-Bahn. Die Herausforderung liege für die Stuttgarter darin, billiges Wimax für Indien zu liefern und damit viele Menschen erstmalig mit Internet und Telefonie zu versorgen. „Dort vergräbt man nicht einfach Kupferkabel für Milliarden Euros, die dann der nächste Taifun wieder wegschwemmt“, so Weber.

Gleichzeitig will der Mobilfunkleiter hier zu Lande breitbandiges Wimax mit hohen Übertragungsraten anbieten. Ein Spagat zwischen einfacher Grundversorgung und Highspeed-Luxus. Es gibt noch viel zu tun für die Wimax-Experten aus Stuttgart. Mit schwäbischer Gelassenheit gehen sie es an.

NIKOLA WOHLLAIB

Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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