IT 17.04.2009, 19:40 Uhr

SAP: Software-Entwicklung an einem indischen Standort  

Die Weltwirtschaftskrise trifft auch die IT-Industrie. Bei SAP in Bangalore, dem größten Auslandsstandort des Walldorfer Weltkonzerns, geht bei den Mitarbeitern erstmals die Angst vor Jobverlust um, ein völlig ungewohntes Gefühl. SAP hat Anfang des Jahres bekannt gegeben, dass weltweit 3000 Stellen eingespart werden müssen. Auch Bangalore wird nicht ungeschoren davonkommen. VDI nachrichten, Baden-Baden, 17. 4.09, cha

Die Betriebskantine von SAP India in Bangalore, 12:30 Uhr Ortszeit. Wie in der Walldorfer Zentrale des Software-Unternehmens gehen auch hier um diese Zeit viele der 4000 Mitarbeiter zu Tisch. Unterschiede allerdings gibt es nicht nur bei den angebotenen Mahlzeiten. In Bangalore fühlt sich der Besucher eher in einer Uni-Mensa als in der Kantine eines Software-Unternehmens: Das Durchschnittsalter der SAP-Mitarbeiter am Standort Bangalore beträgt nur 27 Jahre. Und: Auffallend viele weibliche Mitarbeiter strömen in bunten Saris oder Punjabi Dresses von ihren Bildschirmarbeitsplätzen in die Kantine. Fast 30 % der IT-Spezialisten bei SAP India sind Frauen (gegenüber etwa 10 % in Deutschland).

In diesen Tagen allerdings ist auch hier die Stimmung gedämpfter als früher. Anfang des Jahres hat die Konzernleitung Stellenstreichungen beschlossen – erstmals in der Firmengeschichte. 3000 von weltweit 51 500 Stellen sollen abgebaut werden. Zwar soll dies ohne Entlassungen geschehen, und auf die einzelnen Standorte heruntergebrochen ist der Vorstandsbeschluss auch noch nicht. Klar aber ist, dass auch die weltweit zweitgrößte Niederlassung des Konzerns nicht ungeschoren davonkommen wird.

Damit werden auch hier die bisherigen jährlichen Zuwachsraten von bis zu 50 % auf absehbare Zeit vorbei sein. „Erstmals lernen unsere Mitarbeiter so etwas wie „Sorge um den Arbeitsplatz“ kennen“, berichtet Niederlassungsleiter Clas Neumann, „schließlich sind viele Firmen hier von der Krise betroffen und reduzieren die Belegschaft“. Für seinen Standort ist er allerdings zuversichtlich, den Stellenabbau über die natürliche Fluktuation abdecken zu können – und erkennt bei seinen Kollegen auch Verständnis für die Sparmaßnahmen.

„Ende der 90er Jahre war der Informatiker-Markt in Deutschland leergefegt – gleichzeitig suchten wir nach einem zentralen Standort für unser Asiengeschäft“, erinnert sich der heute 42-jährige Manager, der vor neun Jahren in die indische IT-Metropole kam. „Bengaluru“, wie die 6-Mio.-Stadt im Süden Indiens heute politisch korrekt heißt, erwies sich als idealer Standort. Neumann betont, dass es keinesfalls nur der große indische Markt – Indien gehört für SAP zu den Top Ten der Märkte – und die etwa fünfmal niedrigeren Lohnkosten gegenüber Deutschland waren.

Der Manager schätzt vor allem das „wirtschaftliche Ökosystem“, wie er die paradiesischen Zustände für IT-Arbeitgeber gerade in Bangalore nennt. In der Stadt arbeiten etwa 40 % der ca. 1 Mio. indischen Softwarespezialisten, alle Großen der Branche sind hier: Microsoft, Oracle und natürlich die indischen Mitbewerber Wipro und Infosys. Jahr für Jahr bewerben sich bei SAP ca. 100 000 Kandidaten, aus denen sich die Firma die 2000 Besten aussuchen kann. „Und wenn ich mal für ein Sonderprojekt für zwei Monate 300 Leute brauche, ist es überhaupt kein Problem, die kurzfristig zu bekommen“ erzählt Neumann. Nach dem Abkühlen des IT-Booms wird die Situation für IT-Arbeitgeber da eher noch komfortabler.

Daneben weiß Neumann auch die Flexibilität der indischen Kollegen zu schätzen. „Eine Produktanpassung für eine Firma in Sibirien? Da muss ich nicht lange fragen und ich habe zehn Leute, die für ein paar Wochen dorthin gehen.“ In Deutschland sei so etwas viel schwieriger.

Im Gegensatz zu einigen Mitbewerbern nutzt SAP den Standort Indien keineswegs nur als verlängerte Werkbank, wo nur reine Programmieraufgaben erledigt werden. Wichtige Projekte werden hier komplett und exklusiv entwickelt, etwa die neue Applikation, die die Nutzung von SAP-Software auf dem Blackberry erlaubt oder die für den Konzern sehr wichtige Anwendung „SAP Öl und Gas“, die die komplette Geschäftsabwicklung von der Ölquelle bis zur Tankstelle steuert und bei der SAP einen Marktanteil von 90 % hat.

Und auch in die Entwicklung der neuen künftigen Mittelstandssoftware „Business by Design“, die im Konzern eine hohe strategische Bedeutung hat, ist Bangalore entscheidend mit eingebunden. Eigene Server übrigens gibt es kaum in Bangalore. Die indischen Entwickler arbeiten von ihren Terminals direkt auf den Servern in Walldorf, mit denen sie über zwei unabhängige konzerneigene Glasfaserleitungen direkt verbunden sind.

Natürlich hat der indische Standort für die Kraichgauer Softwareschmiede auch Nachteile. Der Anschlag in Mumbai im November vergangenen Jahres zeigte z. B. wieder, dass die innere Sicherheit in Indien nach wie vor ein Problem ist. „Vor allem aber macht uns die katastrophale Infrastruktur zu schaffen“, stöhnt Clas Neumann, „in den letzten Jahren sind hier im Vorort Whitefield etwa 70 000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden, an den Straßen oder gar öffentlichen Verkehrssystemen hat sich nichts geändert“.

Eine Fahrt aus der Innenstadt der Metropole nach Whitefield kann so schon mal zwei Stunden dauern – für 25 km. SAP holt seine Mitarbeiter mit eigenen Bussen ab, die verschiedene Routen abfahren. Einheitlicher Arbeitsbeginn ist 7:30 Uhr – bevor die Rushhour Bangalore und Umgebung völlig lahmlegt. Auch an die hohe Fluktuation der Mitarbeiter musste sich Neumann erst gewöhnen. Im Schnitt kündigen in Indien 17 % der Mitarbeiter jährlich – auch für sie herrschen in Bangalore halt paradiesische Bedingungen (in Deutschland liegt die Kündigungsrate bei etwa 3 % bis 4 %). Das Ende des Booms wird allerdings vermutlich auch hier zu etwas mehr Firmentreue führen.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Indern dagegen hat man weitgehend im Griff. „Am Anfang gab es da immer wieder Probleme, weil die indischen Kollegen vermeintlich weniger geradlinig ihre Arbeiten verfolgen – dabei kommen sie auf ihre für uns oft etwas unstrukturiert wirkende Art genauso schnell ans Ziel“, erklärt Neumann. Jeder neue Mitarbeiter in Bangalore muss daher erstmal in eine dreiwöchige Schulung, „um zu lernen, wie die Deutschen ticken“, so Neumann.

Zum besseren gegenseitigen Verständnis wird auch der Mitarbeiteraustausch gefördert. Derzeit arbeiten etwa 200 indische Mitarbeiter in Walldorf. „Umgekehrt läuft“s leider nicht so gut“, resümiert Neumann – derzeit mischen sich etwa 20 deutsche Kollegen unter die knapp 4000 Mitarbeiter in Bangalore. SAP verlangt allerdings keine „Germanisierung“ seiner indischen Mitarbeiter.

Die Unternehmenskultur wurde behutsam auf die indischen Mitarbeiter eingestellt. Da die Familie in Indien sehr wichtig ist, gibt es nicht nur eine Krankenversicherung, die Eltern und Ehepartner der Mitarbeiter miteinbezieht, sondern auch regelmäßige Familiy Days oder sogar Briefe an die Eltern, in denen man sich lobend über die Sprösslinge äußert. „Solche Dinge wären in Deutschland undenkbar, in Indien sind sie sehr wichtig zur Mitarbeiterbindung“, sagt Clas Neumann. Und das Essen in der Betriebskantine – heute gab es das bekannte Hähnchencurry chicken tikka, die eingelegten Käsewürfel palak panir sowie die typischen schwarzen Linsen dal makhani – ist für Mitarbeiter (und Besucher) natürlich auch kostenlos.

MARTIN SCHNEIDER

Ein Beitrag von:

  • Martin Schneider

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