Mobilfunk 01.02.2008, 19:32 Uhr

Risiken für Nokia und seine Zulieferer  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 1. 2. 08, rb – Nokia steht nicht allein. Viele Firmen überlegen, Betriebsstätten nach Osteuropa zu verlagern. Dieser „Karawanenkapitalismus“ innerhalb der EU muss sich aber nicht lohnen, warnen Experten. Im geplanten Nokia-Village werden es die Zulieferer besonders schwer haben, warnt Günther Schuh, Chef des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik IPT. „Nokia wälzt so die Logistik- und Verfügbarkeitsprobleme auf seine Zulieferer ab.“

Niedrige Löhne – das ist die Hoffnung, die Unternehmen in den Osten lockt. „So einfach geht die Rechnung aber nicht immer auf“, meint Johannes Book. Er berät seit mehr als 15 Jahre Unternehmen bei Investitionsentscheidungen in Osteuropa und ist heute Vorsitzender der Firma Dricon in Frankfurt.

Klar: Im Osten sind Arbeitskräfte billiger. Bereits nach dem Mauerfall 1989 zogen deshalb Textil- und Schuhfabriken gen Osteuropa. Holzverarbeiter, Maschinenbauer, Autohersteller folgten und jetzt auch Nokia. Die finnische Firma will in Rumänien im großen Stil Handys herstellen – genauer im Ort Jucu mit 4200 Einwohnern, 20 km von der Universitätsstadt Cluj-Napoca, Klausenburg, entfernt.

Nokia will dort etwa 3500 Mitarbeiter einstellen. Für die dortige Region ist das eine Rieseninvestition, zumal Zulieferfirmen wohl weitere 10 000 Arbeiter benötigen. Der Landrat Marius Nicoara freut sich bereits und erwartet allein in den nächsten fünf Jahren Steuereinnahmen in Höhe von 500 Mio. €.

Doch Unternehmensberater Book bezweifelt, ob alles nach Plan verlaufen wird. Er hinterfragt, ob es ausreichend billiges Personal gibt. In Rumänien ist die Arbeitslosigkeit vielerorts gering: In Cluj-Napoca beträgt sie etwa 3 %. Ein Grund: Aus Rumänien wandern so viele Arbeitskräfte ab wie aus keinem anderen Land Europas. Rund 4 Mio. Rumänen (und damit jeder fünfte bis sechste Rumäne) verdienen ihr Geld im Ausland etwa als Erntehelfer in Spanien oder Italien oder als gut ausgebildeter Ingenieur in Großbritannien.

Nokia wird also Mitarbeiter ausbilden müssen. Das kostet Zeit und Geld. Dabei gibt es keine Garantie, dass frisch ausgebildeten Kräfte auch bleiben. Diese Erfahrungen machten etwa Firmen wie Continental und Siemens, die extra Mitarbeiter für ihre Werke im rumänischen Timisoara schulten. Denn für einige dieser Mitarbeiter war es nachher leicht, mit der gestiegenen Qualifikation und der guten Referenz eine besser bezahlte Arbeit zu finden.

Dieses Jobhopping in Boomregionen kennt auch Hannes Boekhoff, Konzernsprecher von Continental. Aber es gibt Wege, Fachkräfte etwa durch extra Prämien für eine längere Betriebszugehörigkeit oder durch Hilfen bei Wohnungssuche an die Firmen zu binden. Aber all das erhöhe die Personalkosten, betont Johannes Book. Zudem werden die Löhne in Rumänien in den nächsten Jahren stärker steigen als in Deutschland. In den nächsten fünf Jahren werden Lohnsteigerungen von 30 % bis 40 % für Fachkräfte erwartet.

„Jucu ist aus vielen Gründen auch kein idealer Standort für so ein großes Werk“, glaubt Johannes Book. Dort werden zwar jetzt Wohnungen gebaut, doch Nokia wird Mitarbeiter mit eigenen Bussen aus dem Umland heranfahren müssen. Die ganze Region ist zudem nur über Landstraßen erreichbar. Bis Cluj- Napoca in etwa fünf Jahren an eine Autobahn angeschlossen sein wird, müssen fertige Handys per Luftfracht oder über Landstraßen transportiert werden.

Besonders schwer werden es die Zulieferer haben, meint Prof. Günter Schuh. Er leitet u. a. das Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen und ist Chef des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT. Nokia begründet zwar die geplante Schließung des Werks in Bochum auch damit, dass es dort nicht genügend Zulieferer gebe. Bislang fehlen diese auch in Cluj-Napoca und Umgebung. Ein neuer Zulieferpark, das „Nokia-Village“, soll helfen. Firmen sollen dort etwa die benötigten Gehäuse und Chips herstellen.

„Das hätte zwar den Vorteil der kurzen Wege“, betont Prof. Schuh, „doch Nokia wälzt so die Logistik- und Verfügbarkeitsprobleme auf seine Zulieferer ab.“ Denn diese Firmen müssen sich dann der Herausforderung stellen, ihr Rohmaterial rechtzeitig und preiswert in die verkehrstechnisch schlecht angebundene Region zu bringen.

Nokia wird diese Risiken kennen und hat sich trotzdem dafür entschieden, nach Jucu zu gehen. Ob das die richtige Entscheidung war, kann zurzeit niemand sagen. „Erst in drei bis fünf Jahren wird sich zeigen, ob sich das Risiko gelohnt hat“, meint Unternehmensberater Book. RALPH AHRENS

  • Ralph H. Ahrens

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