Die Würfel sind gefallen 10.09.1999, 17:22 Uhr

Richtfunk bringt Schwung in die Telekommunikation

689 einzelne Richtfunk-Lizenzen wurden an 17 Netzbetreiber vergeben. Damit komme der Wettbewerb im Ortsnetz voran, rechnet der Regulierer, während sich die Auftragsbücher von Anbietern für Infrastrukturtechnik weiter füllen.

Bei den Anbietern von Infrastruktur für Telekommunikation boomt das Business schon seit Jahren. Auch die jüngste Entscheidung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation, Bonn, bringt dem Geschäft der SAG-Abel in Gifhorn „nochmals einen kräftigen Schub“, wie Geschäftsführer Rolf Harck betont. Insgesamt zwölf zusätzliche inländische und ausländische Anbieter können künftig mit der Vergabe der Frequenzen für Richtfunkanlagen die bisher genutzten Leitungen der Telekom umgehen und die Datenströme ihrer Kunden komplett übers eigene Netze schicken.
„Mit dieser Zuteilung der Frequenzen sind wir sofort in der Lage, die ersten erforderlichen Schritte zum Aufbau unseres eigenen funkbasierenden Teilnehmeranschlußnetzes einzuleiten“, kommentiert Matthias Weber aus der Geschäftsführung des Netzbetreibers Callino GmbH, die Entscheidung der Regulierer.
Die bundesweiten Investitionskosten für den Wireless Local Loop auf der Basis von Richtfunk werden von der Regulierungsbehörde auf rund eine halbe bis eine Mrd. DM beziffert. „Gravierende Umweltauswirkungen“ seien von der neuen Technik jedoch nicht zu erwarten, beugt die Behörde vor. Zwar werde es sicher neue Standorte und Funktürme geben, doch nach Möglichkeit sollten die vorhandenen in ihrer Kapazität erweitert werden.
Die Geschäftstätigkeit im Richtfunk werde „punktuell“ noch in diesem Jahr beginnen, rechnet SAG-Abel-Manager Harck: „Die Anbieter haben mit großer Spannung auf die Entscheidung der Regulierer gewartet, so daß jetzt mit Sicherheit keine Zeit vergeudet wird.“ VIAG-Interkom, mit 193 Frequenzen Gewinner der meisten Richtfunk-Zuteilungen bestätigt: „Die ersten Kunden werden wir noch im Oktober im Rahmen eines Piloten per Richtfunk an unser Netz anschließen“.
Obwohl sich die Unternehmen Callino und Viag Interkom aus München, FirstMark aus Berlin und Star One aus Düsseldorf um bundesweite Lizenzen für den Richtfunk beworben hatten, verzichtete die Regulierungsbehörde darauf, sie zu vergeben. Die übrigen acht Gewinner der Ausschreibung sind: Associated Com. und BroadNet (beide Düsseldorf), Deutsche LandTel (Potsdam), K-net (Kaiserslautern), Mannesmann Arcor (Eschborn), tesion (Stuttgart) sowie Viaphone und Winstar (beide Frankfurt).
Der US-Anbieter Winstar hat in dieser Vergabe-Runde zwar nur jeweils eine Lizenz in Hamburg und Köln erhalten, sieht das jedoch als „wichtigen Schritt in seiner Strategie, demnächst Dienstleitungen in den 25 wichtigsten europäischen Handelszentren anzubieten“, erklärt William J. Rouhana, CEO des New Yorker Unternehmens. Im heimischen Markt hat Winstar bereits in 30 Staaten eigene Richtfunknetze aufgebaut, die mit den US-weiten Glasfasernetzen des Unternehmens verbunden werden. Insgesamt versorgt Winstar in den USA eigenen Angaben zufolge 211 Mio. Kunden und deckt 80 % des Marktes für Geschäftskunden ab. In Europa ist Winstar neben Deutschland bereits in Großbritannien und den Niederlanden aktiv.
„Insgesamt liegt die erfolgte Zuteilung der Regulierungsbehörde voll im Rahmen der Erwartungen“, teilt Mannesmann Arcor mit. Im Gegensatz zu den Lizenz-Mitbewerbern setzt Mannesmann Arcor jedoch „nicht auf breite Flächendeckung durch Point-to-Multipoint-Verbindungen (PMP), sondern verfolgt bei der Erschließung der letzten Meile eine Mosaikstrategie verschiedener Anschlußtechniken“. In großen Städten will Arcor neben der angemieteten Teilnehmeranschlußleitung PMP als ergänzende Technologie nutzen.
Die Bewerbungsunterlagen der 32 Unternehmen an die Regulierungsbehörde wogen zusammen 21,6 t. Sie wurden nach den Kriterien Fachkunde, Leistungsfähigkeit, Versorgungsgrad, technische und geschäftliche Planung ausgewertet, aus dem sich ein Ranking ergab. Besonders für die Ballungszentren war der Andrang der Bewerber groß, doch sollen nach der Frequenzzuteilung keine weißen Flecke auf der Landkarte verbleiben. Waren zwei Unternehmen gleichwertig, bekam der Bewerber den Zuschlag, der in anderen Versorgungsbereichen einen höheren räumlichen Versorgungsgrad sicherstellt. Bundesweit hatte die Behörde in 262 Versorgungsbereichen insgesamt 662 Frequenznutzungen für die drahtlose Teilnehmeranschlußleitung ausgeschrieben. 32 Unternehmen haben sich mit 1450 Einzelbewerbungen um die Richtfunk-Frequenzen beworben.
„Die Frequenzvergabe stellt einen weiteren Schritt zur Förderung des Wettbewerbs im Ortsnetz dar und unterstreicht Deutschlands Rolle als führende Industrienation in Europa“, erklärt Klaus Dieter Scheurle, Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post.
DOROTHEA WENDELN
Die runden flachen Richtfunkantennen werden künftig immer häufiger neben Mobilfunkantennen Sendemasten zieren.

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