IT-Sicherheit 08.03.2002, 17:33 Uhr

Rettung aus dem Datennirwana

Für fast jeden Computernutzer ist der Crash einer Festplatte ein herber Verlust. Hilfe liefern professionelle Datenretter. Ein Erfahrungsbericht mit Besuch bei den Spezialisten von Ibas.

Wwudd, wwudd, wwudd“, tönte es vom Notebook her. Das war“s dann. Nichts geht mehr. Das smarte Sony Vaio F290 – treuer Diener und PC-Ersatz seit über zwei Jahren – gibt den Geist auf. Die Steuererklärung, fast fertig, sehe ich im datentechnischen Nirwana versinken, denn das letzte Backup ist lange her. Hilfe! – nur, woher?

Kaputte Festplatten, gelöschte Daten und verwurschtelte Datentapes sind das Geschäft der Datenretter. Einer davon ist Karl-Friedrich Flammersfeld. Der Geschäftsführer von Ibas Deutschland steht in Hamburg mit hochspezialisierten Technikern und Ingenieuren notfalls rund um die Uhr parat. „Gecrashte Festplatten kommen täglich per Post, Kurier oder persönlich von den Kunden gebracht zu uns. Und am Wochenende oder nach Feierabend steht auch schon mal der Administrator einer IT-Abteilung mit einem kompletten RAID vor der Tür, weil ein Datengau die EDV ereilt hat. Datenverlust duldet meist keinen Aufschub, deshalb bieten wir einen 24-Stunden-Service.“

Datengau – Erste Hilfe
1. Geraten Sie nicht in Panik. Versuchen Sie es nicht selbst.
2. Schalten Sie das Gerät aus.
3. Starten Sie den Rechner nicht neu.
4. Versuchen Sie nicht auf Dateien zuzugreifen.
5. Greifen Sie nicht in die Hardware ein. Niemals selbst die Festplatte öffnen.
6. „Datenrettungs-Software“ hilft nicht bei physikalischen Schäden.
7. Bevor Sie eine „Schnellschusslösung“ probieren: Schätzen Sie ein, welcher Wert auf dem Spiel steht.

Doch mein erster Hilferuf ging per E-Mail an den Sony-Support – denn wer denkt schon gleich an eine ausgefallene Festplatte. Tagelang keine Reaktion. Währenddessen klärte mich der freundliche Herr von Welters Datentechnik, meinem nahe gelegenen IT-Dienstleister, darüber auf, dass bei diesem Startgeräusch meines Notebooks wohl ein „Headcrash“ vorliege.

„Eine finale Bewertung, weshalb Ihre Festplatte konkret nicht mehr funktionsfähig ist, kann von unserer Seite nicht erfolgen“, hieß es schließlich bei Sony, nachdem ich an der richtigen Stelle angekommen schien. Für die Datenrettung böten sich Spezialfirmen an. Die Hoffnung auf einen Garantiefall zerschlägt sich: Zwar gewährt Sony auf das Vaio-Notebook zwei Jahre, doch die eingebaute IBM-Festplatte (Travelstar, 6,49 GByte) wurde von Sony nicht mit der üblichen IBM-3-Jahres-Garantie gekauft, wie schließlich IBM in Mainz mündlich an Hand der Seriennummer bestätigten konnte.

 

„Bei einem ‚Headcrash‘ knallt der nur wenige µm oberhalb der Festplatte fliegende Schreib-/Lesekopf auf die Medien der Festplatte. Das ist wie der Tonabnehmer bei der guten alten Schallplatte, wenn der Plattenspieler außen zu heftig angestoßen wurde“, erläutert Experte Flammersfeld. Im Ibas-Labor in Hamburg arbeiten die Spezialisten unter Reinraumbedingungen, um die defekten Datenträger zu untersuchen – und, falls nötig, auch zu öffnen, um die noch physikalisch lesbaren Daten von den Datenträgern zu holen.

Firmenprofil Ibas
1978 gründeten drei Techniker die Firma Ibas (Instrumentbyrået AS), um die Ausrüstungswartung für die norwegische Telekommunikationsgesellschaft Televerket (heutige Telenor) übernehmen zu können. Heute ist Ibas eines der renommierten Unternehmen auf den Gebieten Datenrettung und Datenlöschung. Hauptsitz ist Kongsvinger in Norwegen, vertreten ist man in Europa und Asien. In Deutschland gibt es ein eigenes Labor in Hamburg und eine Niederlassung in Berlin. Ibas gehört seit 2000 komplett zur auf Datensicherheit spezialisierten norwegischen Norman Gruppe.

Eine Festplatte am offenen Herzen operieren, das verkneifen sich selbst die Festplattenspezialisten von IBM in Mainz, die die Drives für Desktop-PCs selbst herstellen. Uwe Kemmer von der dortigen IBM Technology Group ist sehr hilfsbereit, verweist aber nach einer ersten Analyse auch an die Speziallabors. „Es liegt sehr wahrscheinlich ein Schaden eines Schreib-/Lesekopfes vor. Dadurch ist es für den Kopf-Mechanismus nicht mehr möglich, die richtigen Datenspuren zu finden und sich zu positionieren.“

Allmählich mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass Datenretter ran müssen. Ein Blick ins Internet fördert den norwegischen Datensicherheitsspezialisten Norman (Norman Data Defense Systems) und dessen Tochter Ibas zutage. Es gibt auch andere Datenretter, Ontrack, Vogon oder Convar zum Beispiel. Die deutsche Norman-Zentrale (0212/26718–0) leitet uns an die Datenrettungs-Hotline weiter (0800/4227112). Der nächste Schritt: Ab mit der Platte nach Hamburg in die Ibas-Labors.

„Für die Datenrettung braucht man sehr viel Erfahrung“, erläutert Karl-Friedrich Flammersfeld. „Die Spezialisten haben tief greifende Kenntnisse über die Speichermedien und Betriebssysteme. Dazu gehören auch die kleinsten Details über die einzelnen Modelle oder Versionen.“

Ein Grund, warum Ibas viel Wert legt auf eine langfristige Bindung der Mitarbeiter und ein „familiäres Betriebsklima“, wie Flammersfeld betont. „Die Fachleute, die wir brauchen, kommen kaum direkt von der Universität. Das sind Spezialisten und Quereinsteiger, die quasi mit dem Computer schlafen gehen.“ Und die will er langfristig halten, denn die Datenrettungsfirmen vermitteln ihrerseits auch viel Know-how.

Datenrettung, so könnte der Eindruck entstehen, ist ein hektisches Geschäft. Doch bei Ibas geht es sehr ruhig zu. Im norwegischen Hauptsitz, in Kongsvinger, eine Autostunde von Oslo entfernt, steht im großen Foyer ein langer Tisch, an dem sich die rund 60 Mitarbeiter zum Mittagessen treffen, ein Darts-Spiel und ein Pool-Billard dürften schon manche lange Datenrettungsnacht mitgemacht haben.

Die Techniker im Labor öffnen eine defekte Festplatte wenn nötig in Reinraumboxen. Selten nur müssen die Ibas-Spezialisten komplett in Reinraumkluft steigen. Für besonders schwierige Fälle stehen in Kongsvinger – direkt oberhalb der langen Mittagstafel – 300 m2 Reinraum entsprechend den Anforderungen S10 des US Federal Standard 209D zur Verfügung. Etwa dann, wenn sie eine Festplatte komplett demontieren müssen, um die magnetischen Datenmuster von jedem Medium einzeln auf der selbst entwickelten Spezialmaschine PatAn (Pattern Analyzer) auslesen zu können.

Meine defekte Festplatte hat es laut Ibas-Analyse so richtig erwischt: „elektrische Schäden“, „Exzenter-Probleme, die Platte läuft nicht mittig“, „Die Schreib-/Leseköpfe arbeiten nicht mehr richtig“. Rund 2000 ‰ soll die Datenrettung kosten – dafür könne man aber auch 99 % der Daten physikalisch auslesen und man erwarte eine „sehr gute Datenqualität“, so der Statusbericht.

Meine Steuerklärung ruht inzwischen auf einer neuen Festplatte. Eines der wenigen Dinge, die die Ibas-Ingenieure nicht rekonstruierten, waren die 43 virusinfizierten Dateien, die sie entdeckt hatten.

 

 

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Softwareentwicklung

Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Human Machine Interface (HMI) Offenbach am Main
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften-Firmenlogo
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Informatiker/-in für Software Security und Security Testing als Wissenschaftliche/-r Mitarbeiter/-in Winterthur (Schweiz)
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur (W2) für das Gebiet Medizinische Informatik Wilhelmshaven
Murrelektronik GmbH-Firmenlogo
Murrelektronik GmbH Applikationsingenieur / -Techniker (m/w/d) Kirchheim/Teck, Oppenweiler / Mobile working / remote
Northrop Grumman LITEF GmbH-Firmenlogo
Northrop Grumman LITEF GmbH Entwicklungsingenieur Software (m/w/d) Freiburg
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften-Firmenlogo
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Dozent/in für Informatik (Fachbereich Intelligent Information Systems) Winterthur (Schweiz)
Knauf Engineering GmbH-Firmenlogo
Knauf Engineering GmbH Ingenieur (m/w/d) für Automatisierungstechnik und Robotik Iphofen (Raum Würzburg)
OPTIMA packaging group GmbH-Firmenlogo
OPTIMA packaging group GmbH HMI / SCADA Programmierer (m/w/d) Schwäbisch Hall
DESY Deutsches Elektronen-Synchrotron-Firmenlogo
DESY Deutsches Elektronen-Synchrotron Entwicklungs- und Softwareingenieurin (w/m/d) für industrielle Prozesskontrollen Hamburg
Innoma System GmbH-Firmenlogo
Innoma System GmbH Softwareentwickler*in (m/w/d) Schwalbach-Hülzweiler

Alle Softwareentwicklung Jobs

Top 5 IT & T…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.