Software 02.03.2001, 17:28 Uhr

Papierkrieg bei Normenverwaltung ade

Die Verwaltung und Pflege ihrer Normen kostet Unternehmen nicht nur viel Zeit, sondern jährlich auch mehrere tausend Mark. Beides kann zu großen Teilen gespart werden, verspricht das Siegener Start-up Aventum und legt die Software „eNorm“ vor.

Warum passt der Stecker in die Steckdose, die Schraube in eine Mutter? Grundlage für die Kompatibilität und das Zusammenpassen unterschiedlicher Bauteile bieten Normen und Regelwerke, zu deren Einhaltung sich Hersteller von Produkten verpflichtet haben oder verpflichtet wurden. Diese Verpflichtung wird nicht zuletzt im Rahmen der Aufrechterhaltung von Qualitätssicherungssystemen nach DIN EN ISO 9000 ff. gefordert, wonach Unternehmen immer nach den gültigen und neuesten Normen und Regelwerken arbeiten müssen. Hierzu werden in der Regel von den Betrieben Rahmenvereinbarungen bzw. Serviceverträge mit den Herausgebern der Normen, z.B. dem Beuth–Verlag, vereinbart. Selbst mittelständische Unternehmen haben je nach Produktspektrum und Branche häufig mehrere hundert bis einige tausend Normen im Einsatz. Die jährlichen Gebühren für den Aktualisierungsservice betragen dann schnell einige tausend Mark.
Durch die zahlreichen, monatlich erscheinenden Änderungen in Form neuer und die Revision bestehender Normen, die in einer Normenhistorie nachgehalten werden müssen, entsteht im Laufe der Zeit ein Datenvolumen, das heute nur noch mit Hilfe von IT-Systemen verwaltet werden kann.
Die Aventum GmbH, ein Start-up aus Siegen hat sich dieser Problematik angenommen und ein Software-System entwickelt. „eNorm“ unterstützt Unternehmen bei der Optimierung ihres Normenwesens. „Für den Einsatz des Systems gibt es zwei unterschiedliche Zielgruppen: Einerseits die Unternehmen selbst, andererseits Industrieverbände bzw. Fachvereinigungen“, so Geschäftsführer Dr.-Ing. Sven Keller.
„Beim Einsatz von eNorm innerhalb eines Unternehmens wird der Nachweispflicht über die Verwendung der jeweils aktuellen Regelwerke quasi implizit Rechnung getragen. Die manuelle Datenpflege kann dahingehend minimiert werden, dass ein automatischer Import der vom Beuth-Verlag im Rahmen des A&I-Abonnements (Aktuell&Individuell) elektronisch bereitgestellten Daten möglich ist“, so Keller. Eine Normenhistorie mit einer lückenlosen Protokollierung sämtlicher Änderungen sei Teil des Funktionsumfangs. Auch die Dokumente selbst könnten in digitaler Form als PDF-Files oder bei Zeichnungen in zahlreichen unterschiedlichen Grafikformaten verwaltet werden. „Im Falle von DIN-Normen ist aus rechtlichen Gründen dazu allerdings die Erlaubnis des Beuth-Verlags einzuholen.“ eNorm verwalte natürlich nicht nur DIN-Normen. Keller: „Auch internationale Normen (z.B. ASME usw.) können eindeutig zugeordnet werden.“ Außerdem seien firmeneigene Regelwerke oder solche von Kunden/Verbänden über eine Firmenverwaltung klassifizierbar und zuzuordnen.
Rückgrat von eNorm bildet ein Backoffice-System, in dem zentral die Daten verwaltet werden. „Anwender mit entsprechender Berechtigung können jederzeit über einen Internet-Browser überall aus einem bestehenden Intranet auf die Daten zugreifen. Dadurch lässt sich der leidige Papierkrieg mit Normen und Zeichnungen ad acta legen“, verspricht Keller. Auch das Verfügbarkeitsproblem der Dokumente und die damit verbundene Behinderung der Abläufe in großen und verteilten Organisationen sei gelöst.
Beim Einsatz von eNorm in Industrieverbänden geht es nicht darum, die Dokumente selbst zu verwalten. „Da die Verbandsmitglieder häufig eine große Teilmenge an Normen gemeinsam verwenden, bietet eNorm in diesem Umfeld die Chance, zentral den Normenbestand der Mitglieder zu verwalten.“ Der kostenpflichtige Normenaktualisierungsservice werde dann zentral vom Verband übernommen. Dieser selektiert automatisch mit eNorm die Informationen über zwischenzeitliche Änderungen und leitet diese monatlich an die Mitglieder bedarfsgerecht weiter. „Die Verbandsmitglieder können wählen, ob sie die Informationen über ihren eignen Normenbestand in Papierform oder als Datenbank erhalten wollen.“ Alternativ sei auch hier ein Internet-Client verfügbar, mit dem ein Mitglied über ein Login jederzeit seine Normen einsehen könne.
Die Idee für ein solches Programm hatte vor etwa drei Jahren Jochen König, Geschäftsführer der König & Co GmbH, einem mittelständischen Bödenhersteller mit Sitz in Netphen, Siegerland. Mit seinen ausgeprägten IT-Kenntnissen hatte er damals bereits einen Prototypen entwickelt, der auch im Industrieverband für Stahlverarbeitung, Siegen, eingesetzt wurde. Die zeitliche Belastung in seinem eigenen Unternehmen verhinderte eine Weiterentwicklung und Pflege des Systems. Aufgrund von vorherigen Kooperationen bestanden jedoch enge Kontakte zu Mitarbeitern des Instituts für Fertigungstechnik der Universität Siegen. Rund um Institustsleiter Prof. Dr.-Ing. Peter Scharf fand sich schnell ein Team, welches sich der Aufgabe annahm. Die Gründung der Aventum GmbH erfolgte im Juli 1999 – komplett aus eigenen Mitteln, ohne Wagniskapital. Die ursprüngliche Mitarbeiterzahl konnte bis zum Jahreswechsel 2001 auf sechs verdoppelt werden. sta

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