Software 25.08.2000, 17:26 Uhr

Open-Source-Bewegung gewinnt an Boden

Mit der „freien“ grafischen Bedieneroberfläche Gnome wollen Sun, HP und IBM den endgültigen Durchbruch von Linux fördern. Und gleichzeitig ihre eigenen Unix-Versionen verteidigen.

Das ist eine dieser Pressekonferenzen, auf denen Geschichte gemacht wird: Die soeben gegründete Gnome-Foundation präsentiert sich als Nonprofit-Kooperative zwischen Hunderten von unabhängigen Linux-Entwicklern und der US-Softwareindustrie. Sie will eine neue grafische Bedieneroberfläche für Linux organisatorisch und finanziell unterstützen und sie bis Mitte 2001 in der Version 2.0 als Konkurrenzprodukt zum PC-Betriebssystem Windows einsatzfähig machen und damit dem Monopolisten Microsoft endlich Paroli bieten. Nicht nur, wie schon heute, auf den PC-Servern, sondern auch auf den Clients: Tischrechnern und Notebooks, Handys und Internet-Appliances. Neben der Free Software Foundation (FSF) und der Standardgruppe OMG (Object Management Group) gehören der Gnome-Stiftung Sun Microsystems, Hewlett-Packard, IBM und Compaq sowie die Linux-Companies Red Hat, VA Linux, Turbo Linux, Gnumatic, Helix Code und Henzai an.
Die Linux-Bedieneroberfläche Gnome existiert als Open-Source-Projekt seit 1997, vom mexikanischen Programmierer Miguel de Icaza koordiniert. Gnome (GNU Network Object Model Environment) ist Teil der 1984 vom MIT-Forscher und Free-Software-Guru Richard Stallman initiierten GNU-Bewegung („GNU“s no Unix“). GNU soll eine einheitliche, freie und offene Alternative zum copyright-geschützten Minicomputer-Betriebssystem Unix schaffen. Die proprietären Unix-Versionen (HP: „HPUX“, IBM: „AIX“, Sun: „Solaris“) haben sich trotz ihrer Windows-ähnlichen Bedieneroberfläche CDE (Common Desktop Environment) nie richtig gegen MS Windows durchsetzen können.
Auch der „Linux Kernel“, geschrieben 1991 von Linus Torvalds, damals Student in Helsinki, jetzt Mitarbeiter beim kalifornischen Prozessorhersteller Transmeta, gehört zum GNU-Projekt. GNU wird von der Free Software Foundation verwaltet. Und Stallman insistiert bis heute, wenn auch weitgehend ungehört, auf der exakten Bezeichnung „GNU/Linux“ für das von Torvalds als Markenname eingetragene „Linux“.
Mit der Bedieneroberfläche Gnome wird das copyright-freie Linux zum interessanten Windows- Wettbewerber. Denn Gnome bietet Windows-Funktionalität – und entwickelt sie weiter: Die Start-up-Firma Eazel der früheren Apple-Entwickler Andy Hertzfeld und Mike Boich bietet mit dem Dateimanager „Nautilus“ ein elegantes „Desktop“ im Mac-Stil für Gnome. Nautilus repräsentiert Dateien nicht mit starren Icons: Per Cursor kann man (bei Textdateien) die Textanfänge lesbar heranzoomen. Oder bei MP3-Musikdateien ein paar Takte anklingen lassen.
Ebenso wichtig: der 1998 von Netscape freigegebene Quellcode des Web-Browsers Navigator („Mozilla“) lebt weiter in Gnome. Icazas Firma Helix Code liefert das MS-Outlook-ähnliche E-Mail-Programm „Evolution“. Gnumatic entwickelt das Finanzprogramm „Gnucash“. Und IBM gibt die SashXB-Entwicklertools für Gnome-Linux frei.

Sun gibt Star-Office für Gnome-Oberfläche frei

Die wohl überraschendste Open-Source-Förderung von Gnome kommt vom dezidierten Microsoft-Gegner Sun Microsystems: Suns Windows- und Linux-kompatible „Star-Office“-Suite soll bis Mitte 2001 als „Open-Office“ für Gnome freigegeben werden – zumindest in großen Teilen. Damit böte Linux/Gnome ein attraktives Produktivitätsprogramm. Es könnte Microsofts Windows Paroli bieten.
Zu kurz gekommen – zumindest vorerst – ist damit die rivalisierende Linux-Oberfläche „KDE 2.0“ (K Desktop Environment). Auch sie ist ein GNU-Projekt. KDE wurde 1996 von dem Deutschen Mathias Ettrich gestartet und bietet mit „K-Office“ und dem Web-Browser „Konqueror“ ein Anwender-Environment für Linux. Bislang wurde es nur von Corel für „Wordperfect Office 2000“ adoptiert.
Dem quirligen Gnome-Koordinator Icaza ist das recht: „Gnome ist gut positioniert, um die Benutzerumgebung der nächsten Generation zu werden.“ Nicht nur das: „Es kann auch die Unix-Nutzer vereinen.“ Richtig: Das copyright-freie Linux und die proprietären Unix-Dialekte könnten sich unter Gnome funktional vereinigen – und überleben. Das ist der Clou der Gnome-Foundation, und es ist nicht nur ein Schlag gegen Microsofts Windows NT. Jetzt geht es auch um die Verteidigung der diversen Unix-Varianten gegen Linux.
Also will z. B. Sun nächstes Jahr Gnome 2.0 zum Standard-Desktop für die eigenen, unter Solaris laufenden Workstations machen. Das Gleiche bei Hewlett-Packard: einheitliches „Look and Feel“ der Betriebssysteme HPUX und Linux. Mehr noch: Interoperabilität von Linux, HPUX und Windows NT auf den Rechnern von HP. Schon jetzt ist Gnome das „Default Environment“ der Linux-Distributoren Red Hat und Turbo Linux. Linux-Applikationen laufen nach relativ einfacher Rekompilierung auch auf anderen Server-Architekturen.
In anderen Worten: Ehe ihnen mit dem offenen, anwenderseitig frei modifizierbaren Gnome und Linux die Felle wegschwimmen, stülpen die etablierten Unix-Anbieter ihren Unix-Dialekten ein einheitliches Gnome-Desktop über und dirigieren durch Freigabe einzelner ihrer Komponenten in der Gnome-Foundation den weiteren Gang der Linux-Entwicklung. Ganz ähnlich hatte IBM Anfang der 80er Jahre den Anschluss an die PC-Revolution gehalten: durch die frei klonierbare Plattform „IBM PC“. Heute könnte nur Microsoft das Gleiche tun!

Gerüchte um Portierung von Microsoft-Office auf Linux

Oder ist es schon soweit? Just zur Linux World Expo in San Jose wurde vom forschen Insider-Webdienst Wininfo das Gerücht verbreitet, Microsoft wolle mit Hilfe der kalifornischen Kleinfirma Mainsoft seine Anwenderprogramme von Windows auf Linux portieren. Das wurde umgehend dementiert: Nur der Internet Explorer und der Media Player würden auf Linux umgerüstet. Nicht aber MS Office. Immerhin: mit „Mainwin“ hält Mainsoft eine offizielle Portierungsplattform mit Windows-Quellcode parat.
Noch ist die Lage stabil. Nach einer von IDC (International Data Corp) publizierten Statistik konnte Linux in den beiden letzten Jahren vor allem in Serveranwendungen einen starken Marktanteil (von 16 % auf 24 %) kommen. Allerdings nur gegen Novell Netware (23 % auf 19 %) und gegen Unix (19 % auf 15 %). Die Windows-NT-Server hingegen führen weiterhin mit 38 %. Auch bei den PC-Clients hat Microsoft seine Dominanz noch weiter ausgebaut: von 84 % auf 88 %. Linux-Clients konnten von 1 % auf 4 % wachsen. Und Apples Mac OS legte von 4 % auf 5 % zu.
Mit Gnome könnte sich das bald ändern. IDC sieht die Herausforderung von Windows durch Linux ab 2004. Dann dreht sich alles um die drahtlose Consumer-Kommunikation per Internet. Da hätte Linux einen Vorteil: erstens mit seiner Open-Source-Skalierbarkeit. Zweitens durch den Übergang der „freien“ Standard-Software ins Service-Modell. WERNER SCHULZ

Von Werner Schulz
Von Werner Schulz

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