Internet 12.05.2000, 17:25 Uhr

Ohne Bildung: Surfen in die Belanglosigkeit

Erst Bildung, dann Internet.

Der Mensch ist ein Augentier. Deshalb wirken auf ihn Medien wie Fernsehen und Internet stärker als ein stilles Theaterstück, eine Symphonie oder die Lektüre eines Buches. Dennoch herrscht in der Öffentlichkeit die Meinung vor, das Internet müsse gefördert werden, sein Gebrauch gehöre gar zum Unterrichtsstoff in den Schulen. Prof. Klaus Ring, Geschäftsführer der „Stiftung Lesen“, Mainz: „Vor dem Surfen kommt das allgemeine Wissen.“ Befürworter des Internets räumen hingegen den Chancen, aus einer unendlichen Fülle von Informationen schöpfen zu können, höchste Priorität ein. Ring indes: „Mit der technischen Ausstattung einer bilderreichen Informationszufuhr ist es nicht getan. Die Nutzung des Internets bedarf vorbereitender Bildung.“
An Vorschusslorbeeren für das Internet hat es in der Tat nicht gefehlt. Sogar der Vergleich mit Johannes Gutenberg wurde bemüht, der 1455 seine berühmte 42-Zeilen-Bibel druckte. Gutenberg hat sicher nie für möglich gehalten, dass diese Erfindung das Leben der Menschen so umfassend revolutionieren würde. Die Promotoren des Internet sind heute weniger zurückhaltend und wollen alles auf einmal. Sie kündigen eine schnelle Verbreitung von Informationen an und außerdem Bildung für jedermann mit geradezu atemberaubenden gesellschaftlichen Auswirkungen.
Die Mutter allen Fortschritts war wieder einmal das Militär. Software-Entwickler Paul Baran legte 1964 dem Pentagon den Entwurf einer neuen militärischen Kommunikationsinfrastruktur vor. Das war noch die Zeit der Computer-Dinosaurier. Paul Baran erhielt in der Hochzeit des Kalten Krieges den Auftrag, ein zerstörungssicheres Computernetz aufzubauen, und wie immer ließen sich gute Ideen weder geheim- noch aufhalten. Nur dreieinhalb Dekaden später surfen Millionen User mit ihrem PC durch die Weltgeschichte und können zeitgleich in Erfahrung bringen, was gerade in irgendeinem Weltwinkel gedacht, konstruiert oder getan wird.
Wohlmeinend in bester Absicht sind Bildungsoffensiven wie „Schulen ans Netz“ des Landes Nordrhein-Westfalen. Bei näherem Hinsehen ist das ganze Ensemble der umfassenden WWW-Terminologie im schönsten Fachchinesisch ablesbar: Da entsteht ein „Schulserver“ auf der Basis Lotus Notes, der in Ergänzung zum offiziellen Bildungsserver des Landes NRW allen Schulen über die handelsüblichen Internet Browser wie Netscape oder MS Explorer Intranetfunktionalitäten zur Verfügung stellt und ein freies Arbeiten in geschlossenen oder offenen Gruppen ermöglicht.
Herauszufinden sei in den Schulen, wo die Vorteile des Internet-gestützten Unterrichts überhaupt liegen, kritisiert der Geschäftsführer der „Stiftung Lesen“. Dann müsse gelernt werden, wie man beim Recherchieren grundsätzlich vorgeht. Ring: „Aus den Informationsmassen – auch dem Info-Müll – das Wichtige herauszufinden, das setzt einfach Bildung voraus.“ In der öffentlichen Diskussion werde heute unterschätzt, dass die Nutzung des Internets wichtige Voraussetzungen habe.
Tatsächlich brauchen Kinder Zeit und Gelegenheit, überhaupt erst einmal ihr Sprachvermögen zu entwickeln. Im Regelfall ist dieser Prozess im Alter von fünf bis acht Jahren abgeschlossen. Bis dahin ist das „Entwicklungsfenster“ entweder erstklassig oder drittklassig ausgeprägt. Und erst dann hat das Kind die Gelegenheit, Lese- und Schreibkompetenzen zu erwerben. Erst dann ist auch die Zeit für das Lesemedium Internet gekommen.
Vor drei Jahren hat Bill Clinton zu Beginn seiner zweiten Amtszeit in der „State of the Union“-Rede ein 10-Punkte-Programm aufgestellt. Mit acht Jahren müsse jeder junge Amerikaner in der Lage sein, fordert der US-Präsident darin, lesen und schreiben zu können, um sich dann mit zwölf ins Internet einzuloggen. Später wäre er dann in der Lage, lebenslanges Lernen zu betreiben.
Josef Weizenbaum, Massachusetts Institute of Technology, MIT, Pionier der modernen Informationstechnologie, stößt in dasselbe Horn: „Die Vermittlung der Medienkompetenz gehört zu den Aufgaben einer modernen Schule. Sie ist die Fähigkeit, kritisch zu denken, und diese Fähigkeit erwirbt man allein durch kritisches Lesen.“ Als unbedingte Voraussetzung wird also wieder das hochentwickelte Sprachvermögen angesehen. Erst entwickelt sich die Sprache und mit ihr Intellekt, Phantasie, Neugier und Wertegefühl.
Die grassierende Internet-Euphorie könnte noch einen zusätzlichen Dämpfer durch die Statistik erhalten: Immerhin 14 % bis 15 % der erwachsenen Deutschen haben große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Diese „sekundären Analphabeten“ sind nicht medienfähig und damit als Zielgruppe für das Internet untauglich. Und wer das Internet nicht gerade als Spielwiese unterfordert, muss den Gebrauch auch überlegt dosieren. Fließtexte auf dem Bildschirm kann man nämlich nur eine halbe Stunde sinnvoll lesen.
Doch die Fortschrittlichkeitsgläubigkeit sorgt weiter für Rekordziffern. Weltweit sind bereits mehr als eine Milliarde Websites eingerichtet, surfen 300 Millionen User an den Bildschirmen. Die Deutschen mögen nicht hinanstehen und sind mit 16 Millionen Usern (die meisten zwischen 20 und 39 Jahre alt) dabei.
„Es tut sich etwas in den deutschen Schulen“, jubelte unlängst die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“. „Die neuen Medien scheinen endlich ihren Siegeszug anzutreten“. Dank spendierfreudiger Sponsoren werde die Ausstattung mit Computern und Internet-Zugängen drastisch verbessert. „Internet-Nutzung in der betrieblichen Praxis“, so der vollmundige Titel eines Workshops für kleine und mittlere Unternehmen. „Die Präsentation der eigenen Produkte und Dienstleistungen“, heißt es frohgemut in der Ankündigung, „darf schon heute als solider Baustein im Werbe- und Marketing-Mix eines Unternehmens bezeichnet werden“.
Doch bevor da etwas solide wird und sich plötzlich allenthalben bestinformierte und urteilsstarke Menschen tummeln, gießt Jürgen Maximow von Roland Berger & Partner Essig in den Wein: „Das Ende der Informationsgesellschaft ist – kaum begonnen – bereits absehbar.“ Nahtlos darauf folge die Dream Society, treffend übersetzt mit „Träume-Verwirklichungs-Gesellschaft“. KLAUS NIEHÖRSTER/E.W.
Kinder am Computer: Beim Surfen durch das Internet ist nicht der Weg das Ziel. Ohne qualifizierte Vorstellung vom zu suchenden Objekt bleibe – so einige Skeptiker – der kulturelle Nutzen zweifelhaft.

Von Klaus Niehörster/E.W.
Von Klaus Niehörster/E.W.

Stellenangebote im Bereich Softwareentwicklung

in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Informatiker als Softwareentwickler C++/Qt für industrielle Systeme (m/w/d) Garching bei München, München
Pixida-Firmenlogo
Pixida Functional Owner – Digital Services und Connected Devices (m/w/d) München
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Softwareingenieur (m/w/d) ASPICE für Entwicklungsprozesse Weissach
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG IT Security Expert (m/w/d) Digital Workplace Weilimdorf
Jungheinrich Aktiengesellschaft-Firmenlogo
Jungheinrich Aktiengesellschaft Embedded Softwareentwickler (m/w/d) Norderstedt
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Embedded Software Developer (w/m/d) Böblingen
SimonsVoss Technologies GmbH-Firmenlogo
SimonsVoss Technologies GmbH Senior Middleware Stack Architect (m/w/d) Unterföhring bei München
DIgSILENT GmbH-Firmenlogo
DIgSILENT GmbH Ingenieur Elektrotechnik (w/m/d) Anwendungsentwickler C++ Gomaringen
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Service-Experte (w/m/d) Data-Streaming Weilimdorf
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Requirements Engineer Bereich Kombiinstrumente (m/w/d) Böblingen

Alle Softwareentwicklung Jobs

Top 5 IT & T…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.