Unternehmenssoftware 20.06.2003, 18:25 Uhr

Mitbewerber von SAP rangeln um Platz zwei

PeopleSoft will mit J.D. Edwards fusionieren. Doch PeopleSoft selbst ist Übernahmeobjekt für die Nummer zwei: Oracle. Marktführer SAP bleibt gelassen – noch.

Der Markt für Unternehmenssoftware oder „Enterprise Resource Planning“ (ERP) geht in eine neue Runde der Konsolidierung, ausgelöst durch die anhaltende weltweite Stagnation des ICT-Ausrüstergeschäfts (ITC: Informations and Communications Technologies). Bester Indikator für die unaufhaltsame Ballung von Marktmacht auf Kosten innovativer Kleinfirmen und mit wachsender Bindung der Anwender an einige wenige dominante Technologiebasen ist die bevorstehende Schrumpfung des ERP-Führungsfeldes von vier Hauptanbietern auf drei – oder auf zwei.
Wie das nach der inhärenten Logik des Anwenderverhaltens und dank strategischer Finessen der vier Big Boys des ERP sowie der in ihren Märkten agierenden Kartellbehörden im Detail vor sich gehen wird, ist noch offen – trotz aller wie immer gut informierten Analysen und Spekulationen der Branchen-Insider.
Es gibt also wieder Bewegung unter den Playern der ICT-Industrie, mit allen involvierten Super-Egos und Milliarden Dollar auf dem Spieltisch. Seit der heiß diskutierten Übernahme von Compaq durch HP hat es das nicht mehr gegeben. Es signalisiert, dass die Kapitalmärkte in den lange gedämpften Technologiewerten wieder Leben wittern und mittelfristig sogar Wachstums- und Gewinnpotenziale sehen.
Am 2. Juni lancierte die Nummer drei der Unternehmenssoftware, PeopleSoft, im kalifornischen Pleasanton (in Rufweite zum Silicon Valley) ihr Übernahmeangebot für die Nummer vier, J.D. Edwards. Gemessen an den Branchenführern, der SAP AG aus dem süddeutschen Walldorf, und der von Larry Ellison gegründeten Oracle Corporation sind beide nicht in der besten Form. Während SAP und Oracle gesund und Gewinn bringend operieren, dümpelt PeopleSoft eher vor sich hin, und J.D. Edwards schreibt seit einiger Zeit gar rote Zahlen.
Insofern ist die kalte Fusion der Nummer drei und vier plausibel, um sie für den Überlebenskampf zu stählen und ihre Kundenbasis gegen beide Spitzenreiter zu verteidigen. Auch vom Produktangebot macht das Sinn:
PeopleSoft ist, vereinfacht gesagt, gut platziert im Großkundengeschäft, während sich J.D. Edwards mit Lösungen für den Mittelstand profiliert.
Nur, die Fusion hat eine wichtige Nebenwirkung: Danach würden beide mit einem kombinierten Marktanteil von rund 16 % den jetzigen Zweiten, Oracle, (14 %) auf Platz drei herunterdrücken. SAP hält nach eigenen Angaben 54 % in einem unübersichtlich definierten Markt zwischen 20 Mrd. $ und 50 Mrd. $.
Ellison von Oracle sah sich um Platz zwei gebracht und wagte vier Tage später einen prompten, doch logischen Vorstoß gegen die beiden fusionswilligen Kleinanbieter: mit einem feindlichen Übernahmeangebot direkt an die PeopleSoft-Aktionäre. Für insgesamt 6,3 Mrd. $ – statt noch am Mittwoch für 5,1 Mrd. $: „Cash von Oracle statt einer ungewissen Zukunft unter dem jetzigen Management“, so Ellison, der den Peoplesoft-Aktionären 19,50 $ pro Aktie bietet (20 % über seinem letzten Angebot von 16 $). IDC-Analyst Henry Morrison dazu: „Dieser Deal dreht sich nur um die Akquisition der PeopleSoft-/J.D.-Edwards-Kunden. Allerdings denke ich, dass PeopleSoft dasselbe mit den J.D.-Edwards-Kunden im Sinn hat.“
Strategischer Kopf der Aktion, so die „San Jose Mercury News“, ist der erst Mitte Mai von Ellison mit knapp 3 Mio. $ Aktienoptionen beim Bankhaus Morgan Stanley abgeworbene Star-Analyst Chuck Phillips. Er wurde gleich zum Oracle-Vizepräsidenten ernannt. Wegen seiner Einblicke als Analyst in die Bücher der Konkurrenz macht das Furore. Folge: wachsende Verunsicherung der Kundenbasis. Zumal Ellison die (immerhin mittelfristige) Integration der PeopleSoft-Technologie in das eigene Produktspektrum gleich mit ankündigte.
Die Folgen sind Schadenersatzklagen beider Übernahmekandidaten gegen Oracle wegen unfairer Geschäftspraktiken. „Nach sorgfältiger Prüfung“, so PeopleSoft-CEO Craig Conway, „haben wir Oracles Angebot zurückgewiesen.“ Unter anderem, weil es auf kartellrechtliche Hürden stieße. Doch um ihren Deal zu retten, berieten sich die PeopleSoft- und J.D. Edwards-Manager über das letzte Wochenende mit ihren Großaktionären. Nun wollen sie ihre 1,75-Mrd.-$-Fusion ebenfalls mit einem 50 %igen Cash-Anteil versüßen.
Vorläufiges Ergebnis des ganzen Hin und Hers: die übliche Dynamik der smarten Analysen, die weder in die eine noch in die andere Richtung weisen. Wie es an der Börse so der Brauch ist. Bestenfalls löst sich der Knoten in einigen Wochen nach den allfälligen Quartalsergebnissen der Beteiligten. Oder die Kartellaufsicht verlängert den Prozess zumindest bis zum Jahresende. Immerhin, es tut sich wieder was.
Welche Kombination mehr Sinn macht, sei es im Wettbewerb gegen die zumindest in Europa dominante SAP AG und auch für die finanziell hoch engagierten Kunden mit ihren komplexen und langfristigen ERP-Integrationsprozessen, sei dahin gestellt. Auffallend ist aber, dass der PeopleSoft-CEO Conway vor einem Jahr selbst bei seinem früheren Weggeführten Ellison angeklopft und um Übernahme angesucht hat. Damals wurde er abgewiesen. Beim damaligen Kursstand wäre das Ellison wohl zu teuer gekommen. Jetzt sieht er das wohl anders, und es spricht für die „große Lösung“.
Einer der Wettbewerber blickt jedenfalls betont gelassen auf den ganzen Trubel: SAP. „Wir glauben, dass die ungewisse Wirtschaftslage weiter anhalten wird“, ließ sich SAP-CEO Henning Kagermann zu aktueller Stunde auf seinem Sapphire-Kundentreffen in Orlando, Florida, vernehmen. In dieser Situation, so Kagermann, gewinne SAP ohnehin von Quartal zu Quartal an Marktanteil. Wenn es nun eine beschleunigte Konsolidierung des Marktes gibt, so Kagermann, dann sei es höchstens „eine Konsolidierung von unten.“
  WERNER SCHULZ

Synergien zwischen PeopleSoft und J.D. Edwards
Die Analysten sind sich einig: Peoplesoft und J.D. Edwards passen ausgezeichnet zusammen und profitieren voneinander – jedenfalls deutlich besser, als die sich ähnelnden PeopleSoft und Oracle. Während PeopleSoft bei den Großen der Branche auf den Sektoren Finanz-, Personal- und CRM-Software stark ist, bedient J.D. Edwards mit Produktions- und Supply-Chain-Management-Software den internationalen Mittelstand. Mit der Übernahme von J.D. Edwards ebnet sich der Weg für PeopleSoft in mittelständische Unternehmen und in den Markt von IBMs AS/400 Rechnern. J.D. Edwards hingegen profitiert von den guten Kontakten, die PeopleSoft in den Branchen Telekommunikation, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen hat. Experten sind sich relativ sicher, dass den Kunden keine Migration in die eine oder andere Produktlinie aufgezwungen werden, sondern dass die künftige Unternehmensstrategie Cross- und Up-Selling sein wird. pek

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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