Telekommunikation 13.06.2008, 19:35 Uhr

Mit Seekabeln zum Vollanbieter  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 13. 06. 08, rb – Die gelungene Kapazitätserweiterung eines optischen Seekabelnetzwerks im östlichen Mittelmeer war der Testfall für Huawei. Nun will das chinesische Unternehmen zum Vollanbieter von Unterwasserkabeln werden und die Vormachtstellung von Alcatel-Lucent angreifen.

Einen Monat früher als geplant, nach nur drei Monaten, übergab Huawei Technologies eine um 200 % Kapazität erweiterte Seekabelverbindung an den Betreiber Mediterranean Nautilus (MedNautilus). Das Lichtleiter-Unterwasserkabel führt von Palermo und Catania auf Sizilien nach Tel Aviv mit Verzweigungen nach Athen, Kreta, Zypern und Istanbul.

„Wir haben die Frische eines jungen Mannes, der schnell reagieren kann“, malt Antonella Traina, Huawei-Verkaufsleiterin für den Großkunden Telecom Italia, ein Bild in asiatischer Tradition. „Wir sind noch jung.“

Die vor 20 Jahren gegründete chinesische Mutterfirma ist heute in 27 europäischen Ländern vertreten und hat einen Altersdurchschnitt von knapp über 27 Jahren. 2007 wurden in Europa rund 2 Mrd. $ umgesetzt, weltweit 16 Mrd. $. Huawei beliefert unter anderem Vodafone mit Handys, baut bei O2 und der Telekom die Netze aus und hat in Düsseldorf einen von sieben Forschungsstandorten.

Für Huawei ist die Erweiterung der Seekabelkapazität ins östliche Mittelmeer der strategische Einstieg in ein neues Marktsegment, das laut Ovum-Chefanalyst David James 2007 zu 55 % von Alcatel-Lucent beherrscht wurde. Der knapp 0,5 Mrd. $ umfassende Seekabelmarkt kennt sonst nur wenige Mitbewerber. NEC erreicht immerhin noch 12 %, Fujitsu nur 4 %. Der Rest verteilt sich auf viele Firmen.

„Wir brauchen das Seekabel, um eine Komplettlösung anbieten zu können“, sagt Mao Shengjiang, Senior Vice-President von Huawei, in Sizilien. Global Marine Systems verlegt die Kabel, Huawei kümmert sich um die Terminals an den Meeresufern und bereitet den Datentransport auf.

Telecom Italia ist ein vielversprechender Partner für Huaweis Einstieg in den Seekabelmarkt. Über die Töchter TI Sparkle und MedNautilus hat der italienische Telekomkonzern Zugang zu einem weltweiten Netzwerk von 375 000 km Unterwasserkabeln. Doch während es reichlich Kapazitäten zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent gibt, mangelt es an leistungsfähigen Verbindungen nach Osten.

„Die Breitbandanwendungen haben einen enormen Bedarf ausgelöst“, weiß Ovum-Analyst James. Doch nach einem Boom bis 2001 kam die Verlegung von Seekabeln fast zum Erliegen, wächst erst seit 2006 wieder moderat. „Brasilien, Russland, Indien, Australien, Neuseeland und China benötigen rasch wachsende Kapazitäten“, sagt James.

Als im Frühjahr 2008 Seekabel im Mittelmeer ausfielen, war die Kommunikation mit Indien und dem Mittleren Osten beeinträchtigt. Deshalb werden auch mehr Leitungen gebraucht, die als Ersatz und Reserve dienen können. Zumal dann, wenn Erdbeben Leitungen unterbrechen oder Piraten einfach 11 km Seekabel im Chinesischen Meer stehlen, wie im März 2007 geschehen. „Die Ambitionen von Huawei tun dem Markt gut, mehr Wettbewerb wird Planung und Installation neuer Kabel beschleunigen“, erwartet James.

Viel zusätzliche Kapazität kann wie bei dem MedNautilus-Projekt durch neue Verfahren der Wellenlängen-Überlagerungen in vorhandenen Kabeln gewonnen werden, erklärt Lei Maoli, Assistant Vice-President von Huawei. Schon Anfang 2009 soll eine Glasfaser 40 Gbit/s bis zu 3000 km weit übertragen können. „2010 werden wir diese Entfernung sogar verdoppeln können“, sagt Maoli.

Das informationstechnische „Aufbohren“ der im Wasser unerreichbar liegenden Kabel mit ihren Verstärkern gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben, denn Übertragungstests müssen im laufenden Betrieb möglichst ohne Gefährdung der vorhandenen Datenübertragungsraten vorgenommen werden. „Das ist nicht nur teuer, sondern erst recht eine technische Herausforderung, wenn man nicht an die Unterwasserkabel kommt und nicht der Original-Lieferant ist“, sagt Luigi Sangiorgio, MedNautilus-Vice-President Network. Und sein CEO Francesco Nanotti beeilt sich zu versichern: „Es ist gut, endlich eine Alternative zu haben!“

FRIEDHELM WEIDELICH

  • Friedhelm Weidelich

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