Telekommunikation 17.06.2005, 18:39 Uhr

Mit Ideen aus der Mittelmäßigkeit  

„Wir müssen uns diese Technologien zu Nutze machen und etwas kreieren, das Wertschöpfung in diesem Land bedeutet.“

VDI nachrichten: Wenn Sie sich vorstellen, Sie würden heute die Leitung eines Unternehmens übernehmen, in welchem technischen Bereich würden Sie gerne agieren?

Mihatsch: Telekommunikation im zukünftigen Sinn liegt bei mir sicher ganz vorne. Das Gebiet, das ich auch sehr interessant und viel versprechend finde, ist die Biotechnik.

Broß: Ich würde mich auch auf den Hochtechnologiesektor konzentrieren. Für mich ist die Informationstechnik mit dem heutigen Part Telekommunikation, IT und Medien mehr denn je „in“. Die Branche ist mittlerweile eine Querschnittsbranche, in einer Dimension, die es bisher nicht gegeben hat. Es gibt keinen Bereich unserer Volkswirtschaft mehr, der nicht davon abhängt.

VDI nachrichten: Welche Entwicklungen in der Telekommunikation sind zurzeit die Wichtigsten?

Mihatsch: Etwas, über das viele Jahre gesprochen wurde, wird jetzt Wirklichkeit, das so genannte Triple Play – die Konvergenz aus Sprache, Daten und Video. Schnelle Übertragungswege, neue Komprimierungsverfahren, mehr Sicherheit – die Weichen sind gestellt. Die klassische Nachrichtentechnik wird an Bedeutung verlieren.

Broß: Ein anderer Trend ist die so genannte Embedded Software. Damit finden sich IT-Leistungen in allen Produkten wieder, in Automobilen, Kühlschränken, Kleidern und vielem anderen mehr.

Eine weitere wichtige Entwicklung ist natürlich die durchgehende Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Der Fluss von Gütern ist in den letzten Jahren weit gehend optimiert worden, jetzt liegen die Wachstumspotenziale in dem diesen Materialfluss begleitenden Informationsprozess. Dazu gehören Stichworte wie E-Government und E-Commerce.

Mihatsch: Eine ganz große Rolle wird sicher auch der Einzug der Telekommunikation und Informatik in die Steuerung des Verkehrs spielen, sei es nun im Automobil oder auf der Schiene. Da die Verkehrswege bereits heute an vielen Stellen ihre Kapazitätsgrenzen erreicht oder überschritten haben, muss durch „künstliche Intelligenz“ der immer dichter werdende Verkehr sicherer und flüssiger gemacht werden. Wenn Herr Mehdorn sein Gleisnetz mit mehr und schnelleren Zügen befahren will, geht das nur mit Telekommunikation und Informatik.

Broß: Das gilt aber auch für den Individualverkehr. Es ist ein Anachronismus, wie heute der Straßenverkehr als Lebensader unserer Volkswirtschaft noch mit Straßenschildern als Blechtafeln gesteuert wird. Hinter einem nicht optimalen Verkehrfluss verbergen sich Milliarden Wachstums- und Wohlfahrtsverluste.

Mihatsch: Stellen Sie sich vor: Allein 30 % des Gesamtverkehrs in Städten ist Parkraumsuchverkehr. Auch das kann mit intelligenter Technik gelöst werden.

VDI nachrichten: In welchen der angesprochenen Gebiete ist Deutschland führend?

Mihatsch: Drei Gebiete fallen mir spontan ein: Mobilkommunikation, Technologien rund um die Chipkarten und Verkehrslenkung. Stichwort: Toll Collect, wobei der Einzug von Maut nur einer der vielen Dienste ist, die sich mit der Infrastruktur darstellen lassen.

Broß: Natürlich zählen Unternehmen wie SAP, Siemens und Deutsche Telekom zu den so genannten National Heroes, die globale Bedeutung haben, und es gibt viele Hidden Champions, die in Nischen agieren. Viele Mittelständler sind Top in ihrer Branche. Vorzeigetechnologien gibt es hier zu Lande in der Security, der Biometrie etc.

Doch die IT-Industrie ist längst in Händen der Amerikaner, die Konsumelektronik ist nach Südostasien abgewandert und auch die Handysparte zieht es dorthin. Wir müssen uns damit abfinden, dass viele elementare Technologietrends von der Chip- bis zur Softwaretechnik nicht aus Deutschland kommen.

Das darf aber nicht dazu führen, in Selbstmitleid zu fallen. Wir müssen uns diese Technologien zu Nutze machen und etwas kreieren, was Wertschöpfung in diesem Land bedeutet.

VDI nachrichten: Vielleicht könnten Telematik, Biometrie und auch die RFID-Technologie solche Themen sein. Dahinter verbergen sich oft Großprojekte. Ist unsere Industrie hier gut aufgestellt?

Mihatsch: Wenn es um die Massenproduktion und die Vermarktung von elektronischen Gütern geht, das was man als Consumer Electronics bezeichnet, dann haben wir hier zurzeit keine Chance. Obwohl ich mich oft frage, warum wir bei hoch automatisierten Produktionsverfahren, wie sie z. B. in Asien zu sehen sind, nicht mithalten können. Die deutsche Industrie jedenfalls ist immer dann gut, wenn es um komplexe, maßgeschneiderte Projekte geht oder bei der Entwicklung von neuen Ideen.

VDI nachrichten: Aber wie steht es hier zu Lande mit dem Vermarkten dieser neuen Ideen?

Mihatsch: Das funktioniert bei uns nur bedingt, denn Vermarktung bedeutet schnelle Umsetzung von Ideen in marktreife Produkte. Wir haben zwar auf dem Gebiet der Mobilkommunikation eine ganze Reihe von Akzenten gesetzt, aber uns fehlt häufig die nötige Geschwindigkeit für die Umsetzung. Allerdings – und das habe ich bei Toll Collect erlebt – ist man hier zu Lande auch schnell dabei, ein gutes Konzept, weil die Umsetzung des sehr komplexen Projektes nicht auf Anhieb funktioniert, niederzumachen. Man wendet bei uns viel mehr Zeit auf, Probleme mit zum Teil unsinnigen Argumenten breitzutreten als ein wenig über Erfolge zu berichten.

VDI nachrichten: Sind wir also gut beim Abschätzen von technischen Risiken, aber schlecht, wenn es um die damit verbundenen Chancen geht?

Broß: Das ist wahrscheinlich unsere Mentalität. Wobei ich nicht sagen möchte, dass wir schlecht im Umsetzen von Ideen sind – nur häufig zu langsam.

Mihatsch: Dazu kommt noch die große Technikskepsis.

Broß: Dennoch sollten wir unsere technologische Innovationsfähigkeit nicht anzweifeln. Gemessen an der Zahl der Patente liegen wir weltweit immer noch auf Platz zwei nach den USA. Wenn es da dennoch nicht möglich ist, mehr Wachstum aus der hohen Patentdichte zu ziehen, muss irgendwo anders der Wurm drinstecken. Das kann z. B. auch in der Überregulierung dieses Landes liegen und damit in der Bürokratie. Bis bei uns eine Idee in die Praxis geht, müssen oftmals zig Genehmigungsverfahren durchlaufen werden. Manch einer hat dann vielleicht gar keine Lust mehr.

VDI nachrichten: … keine Lust mehr?

Broß: Vielleicht müssen wir auch einfach akzeptieren, dass Deutschland in den letzten Jahren auf vielen Ebenen zu einem Land der Mittelmäßigkeit geworden ist. Die Politik ist ein Stück weit mittelmäßig. Die Wirtschaft. Und auch die Bildung – Pisa lässt grüßen.

VDI nachrichten: Es fällt mir schwer, mich mit dieser Mittelmäßigkeit abzufinden …

Broß: Das fällt uns allen schwer, weil es uns betrifft und bedrückt. Doch, wenn dieser Befund stimmt, dann kommen wir da nur mit neuen Ideen raus. Wir wissen, dass aus 100 Ideen tatsächlich drei in die Realität umgesetzt werden. Aber wenn die 100 Versuche erst gar nicht gemacht werden, werden auch die drei nichts.

VDI nachrichten: Welches Thema spielt Vernetzung dabei?

Broß: Vernetzung ist ein großes Thema. Bei den Technologien von morgen ist es wichtig, über Branchengrenzen hinauszudenken. Menschen müssen in Geschäftsmodellen von morgen denken. So muss z. B. in der Telekommunikation sowohl regulatorisch als auch geschäftspolitisch die Trennung zwischen Festnetz und Mobilfunk überwunden und Konvergenz praktiziert werden. Für das Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet müssen wir mehr tun. Ebenso muss sich die Konsumelektronik als Teil der IT-Industrie verstehen – und umgekehrt. Wir können die Branchen nicht mehr sauber trennen, heute müssen alle zusammenspielen.

VDI nachrichten: Ein derart vernetztes System ist Toll Collect. Hat das Projekt tatsächlich das Zeug zum deutschen Exportschlager?

Mihatsch: Ja, natürlich. Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die sich dafür interessieren. Sie haben abgewartet, wie es läuft und werden das Konzept – vielleicht in abgewandelter Form – übernehmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Projekt kein Solitär ist, sondern ein Erfolg wird, wobei andere Dienste als die Maut eine Rolle spielen werden.

VDI nachrichten: Welchen Erfolg räumen Sie der RFID-Technik ein?

Mihatsch: RFID ist als Technologie längst da. Auch hier gilt: Der Chip ist nur der Enabler – es kommt darauf an, was daraus gemacht wird. Diese Technik wird völlig neue Formen von Geschäftsmodellen durch neue Dienste zulassen.

VDI nachrichten: Heißt das, wir müssen die Augen zumachen und datenschutzrechtliche Bedenken über den Haufen schmeißen, um in dieser Technik weiter vorne mitzuspielen?

Mihatsch: Man muss sicher Grundregeln beachten. Wir dürfen aber, und das gilt für alle neuen Technologien, vor lauter Bedenken den Mut nicht verlieren und damit den Anschluss und weitere Chancen verpassen. Und, ganz wichtig: Man muss auch mal etwas probieren und später eventuell korrigieren können. Das gilt als Beispiel übrigens auch für die Chipkartentechnologie. Hier haben wir einen Vorsprung gegenüber den USA, aber es gibt schon wieder viele Bedenken z. B. gegenüber der Gesundheitskarte, biometrischen Verfahren bei Ausweisen etc.

VDI nachrichten: Aber fällt uns Deutschen nicht gerade dieses später Korrigieren schwer?

Mihatsch: Unser Ansatz ist häufig gar nicht auf Versuch und Korrektur ausgerichtet. Wir wollen von Anfang an die 120 %-Lösung. In den USA gibt man sich mit der 80 %-Lösung am Anfang zufrieden, achtet sehr stark auf die Wirtschaftlichkeit und ist schnell am Markt.

Broß: Wir müssen dankbar sein, dass niemand bei uns das Internet vorhergesehen hat, sonst würde es das wahrscheinlich noch nicht geben. Hier zu Lande hätte man zuerst probiert, alle möglicherweise auftretenden Probleme zu lösen und damit wäre man heute noch beschäftigt.

VDI nachrichten: Anderes Thema: Wie wichtig ist aus Ihrer Perspektive in der aktuellen Situation die Verantwortung von Managern?

Broß: Sie ist ohne Zweifel groß. Aber die Manager hängen auch von den politischen Rahmenbedingungen ab. Wir haben zurzeit eine hochinteressante Entwicklung. Der Trend zum Outsourcing und zum Offshoring ist hinlänglich bekannt. Zum ersten Mal in unserer Volkswirtschaft wandern auch relativ intelligente Dienstleistungen ins Ausland ab. Dass bestimmte Arbeiten z. B. in China gemacht werden, sind wir gewöhnt, aber dass nun auch Weißkittel, qualifizierte Softwareingenieure, freigesetzt werden, ist eine völlig neue Entwicklung. Dafür die Unternehmen zu geißeln, ist falsch und kurzsichtig. Wir leben nun mal in einer globalen Welt.

Mihatsch: Was können wir tun, um diesen Prozess aufzuhalten oder umzukehren? Wir müssen Ideen schneller in Produkte umsetzen. Diese Produkte müssen ein wettbewerbsfähiges Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen, wobei die „Leistung“ unserer Produkte durchaus gut oder sehr gut ist. Die Preise und damit die Kosten sind das Problem der Wettbewerbsfähigkeit. Spätestens hier kommt dann der Einwand: „Wir sind doch Exportweltmeister.“ Entscheidend ist aber, wo die Wertschöpfung anfällt, denn dort entstehen die Arbeitsplätze. Da sieht es dann bei vielen Produkten in zunehmendem Maße schon nicht mehr gut für uns aus. Außerdem, aber dieser Punkt kann sich erst mittel- bis langfristig auswirken, müssen wir das Thema gute und effiziente Ausbildung angehen.

VDI nachrichten: Aber die Menschen auf der Straße sind schlicht verunsichert. Sie haben Angst ihre Arbeit zu verlieren.

Mihatsch: Ich glaube, dass wir uns zurzeit in einem Teufelskreis aus Verunsicherung und Vertrauensverlust befinden. Dies spürt man in vielen Gesprächen.

VDI nachrichten: Wie kann die Industrie dem begegnen – ohne die Schuld immer wieder auf die Politik zu schieben?

Broß: Nur mit Redlichkeit und Offenheit. Nicht nur die Politik, auch die Industrie hat Kommunikationsprobleme. Otto Normalverbraucher kann nicht mehr nachvollziehen, was da passiert, und ist im Grunde mit einer hochkomplexen „Globalisierungswelle“ allein gelassen.

VDI nachrichten: Mit welchen Aussagen könnten Sie dem ganz normalen Ingenieur Mut machen?

Broß: Wir sind immer noch ein Hochtechnologieland mit allen Vor- und Nachteilen. Das heißt aber auch, eine gute Ausbildung und stetige Weiterbildung sind die beste Voraussetzung für einen Arbeitsplatz.

Mihatsch: Die Situation ist nicht schön, aber wir haben durchaus die Möglichkeit unsere Probleme zu beheben. In verschiedenen Bereichen und Nischen sind wir sehr gut.

Broß: Zum Beispiel im Werkzeugmaschinenbau, im Software-Engineering und anderen vorher genannten Bereichen.

Mihatsch: … und natürlich sind wir in der Automobiltechnik immer noch Spitze. REGINE BÖNSCH

Dr. Peter Broß

– ist seit 2003 Geschäftsführer des Bundesverbandes Informationstechnik, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom)

– arbeitete bei der Bundespost und im Postministerium, gilt als einer der Väter der ersten Postreformen

– war Geschäftsführer von Mannesmann Eurokom

– war Geschäftsbereichleiter „Technologie und Netz“ in der Kirch-Gruppe und Technischer Geschäftsführer bei Premiere  

– studierte Nachrichtentechnik in Stuttgart

Dr. Peter Mihatsch

– steht als Mr. Handy für die erste private Mobilfunklizenz, das D2-Netz, die Gründung von Mannesmann Mobilfunk (heute Vodafone D2) und Arcor

– war Mitglied der Geschäftsführung der Kirch-Holding

– übernahm als eine Art Trouble-
shooter für etwas mehr als ein Jahr den Aufsichtsratsvorsitz bei Toll Collect

– arbeitet als selbstständiger Berater, sitzt in mehreren Aufsichtsräten und im Board der britischen Beteiligungsgesellschaft 3i

– studierte Elektrotechnik in München und arbeitete am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und bei Standard Electronic Lorenz (ITT)

Von Regine Bönsch
Von Regine Bönsch

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