Telekommunikation 04.02.2005, 18:36 Uhr

Mit drahtloser Technik aus dem deutschen DSL-Dilemma

VDI nachrichten, Düsseldorf, 4. 2. 05 -Breitbandboom allerorten – nur Haushalte in ländlichen Gemeinden und Teilen Ostdeutschlands können davon nicht profitieren. Sie werden nicht mit schnellen Internetzugängen via DSL versorgt. Dabei gibt es sie, die Alternativen zum Festnetzder Telekom. Mobilfunk und andere Funktechniken stellen bereits unter Beweis, dass sie in die Bresche springen können.

Die Klagen der Menschen reichen vom südlichen Schwarzwald über Halle an der Saale bis hoch in den tiefen Norden. „Bei uns gibt“s kein DSL – wer kann helfen?“, so hallen die Hilferufe durchs Internet. Privatpersonen, kleine Unternehmen, aber auch einige Mittelständler kommen nicht in den Genuss der breitbandigen Internetwelt. Der VATM, Branchenverband der Telekom-Konkurrenz, attestiert: „Bisher sind lediglich 6,5 % der deutschen Bevölkerung mit breitbandigen Diensten versorgt.“
Die Gründe hierfür sind vielschichtig: DSL-Anschlüsse mit Download-Geschwindigkeiten von 768 kbit/s und mehr sind nur im Abstand von 4 km zur nächsten Vermittlungsstelle möglich. Damit sind Haushalte in ländlichen Regionen, aber auch im Speckgürtel mancher Großstädte außen vor. In Ostdeutschland gibt“s ein anderes Problem: Dort setzte man in den 90er Jahren auf Glasfaser-Opal-Technik, die für die DSL nicht taugt. Mühsam will jetzt die Telekom hier die teure Infrastruktur mit Kupfer überbauen. Doch auch in Großstädten, dort, wo durch den DSL-Boom die Nachfrage immens groß ist, kommt es zu Engpässen.
Das muss anders werden, darin sind sich Politiker aller Couleur einig wie selten. Schließlich ist der Breitbandanschluss längst zum Standortfaktor geworden. „Besonders für kleine und mittelständige Unternehmen ist es ein Wettbewerbsnachteil, wenn die Anbindung fehlt“, erklärte unlängst der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement forderte: „Breitband für alle.“ Entsprechende Infrastrukturen müssten flächendeckend zur Verfügung stehen. Noch in diesem Frühjahr soll ein Breitband-Atlas präsentiert werden, der weiße Flecken brandmarkt.
Das Festnetz weiter ausbauen? Eine kostspielige Variante. Doch 2005 wird zeigen, dass auch andere Alternativen da sind. Davon ist Jürgen Grützner, Geschäftsführer des VATM, überzeugt. „Vor allem dezentrale Gewerbegebiete und kleinere Gemeinden mit weniger dichter Bebauung lassen sich per Funk dennoch wirtschaftlich mit breitbandigen Internetdiensten versorgen“, so Grützner. „Funk- und Drahtlostechnologien bieten sich überall dort an, wo der schnelle Internetzugang per DSL bisher nicht realisiert werden konnte.“
So stellten mobile Downloads über UMTS mit doppelter DSL-Geschwindigkeit den Nutzer nicht mehr auf eine Geduldsprobe. „Das Festnetz wird es in Zukunft schwer haben. Dafür werden wir sorgen“, erklärte auch Vodafone-Chef Jürgen von Kuczkowski Anfang dieser Woche gegenüber der Zeitschrift Focus. Konkurrent O2 wird auf der CeBIT 2005 eine UMTS-Surfstation für zu Hause vorstellen. Doch noch bieten die Netzbetreiber keine günstige Flatrate für das tägliche Surfen zu Hause an. Damit ist die dritte Mobilfunkfrequenz für das tägliche Surfen im Web zu teuer.
Für eine andere Alternative über eine UMTS-Variante steht hierzulande das Unternehmen Airdata. Am letzten Donnerstag wurde in Bensberg, einer Stadt im Speckgürtel des Kölner Großraums, die erste Basisstation für UMTS TDD oder auch portable DSL eingeweiht. Diese Technik ist für Datendienste prädestiniert, bringt es auf Geschwindigkeiten von 1 Mbit/s und eignet sich auch für die letzte Meile zum Kunden. „Wir können für Netzbetreiber und Internetdienstleister eine echte Alternative sein“, erklärt Airdata-Chef Christian Irmler.
Testinstallationen laufen bereits in Stuttgart und Berlin – rund um den Alexanderplatz, wo Viertel auch mit DSL-untauglichen Glasfasern ausgestattet wurden. Aber auch in Südafrika und Neuseeland setzt man auf diese standardisierte Variante. Große Fertiger aus China und Taiwan wie Flextronics und UTStarcom liefern Modems und PCMCIA-Karten.
In Bensberg jedenfalls sei jetzt über den Internetserviceproviders DNS:Net rund die Hälfte der Bevölkerung abgedeckt, so Irmler. „Die Entscheidung für diesen Ort fiel dank engagierter Bürger und Wirtschaftsförderer.“ Schließlich will Airdata nur dort investieren, wo „echtes Interesse“ vorherrsche – und das von möglichst vielen Nutzern.
Eine andere drahtlose Technik offeriert seit kurzem Motorola. Wie das US-Unternehmen Mitte Januar verkündete, habe man für den Breitbandfunk Canopy seit Ende November auch den Segen der deutschen und europäischen Behörden – nicht aber den der Amerikaner. „Die Europäer haben schneller erkannt, was sie damit tun können, die Amerikaner diskutieren noch über das den Typ des Funksignals“, so Tony Kobrinetz, Vizepräsident von Motorolas Wireless Broadband Group. Schließlich sendet Canopy in verschiedenen lizenzfreien Frequenzbereichen, dort, wo also auch WLANs und andere Techniken funken. Es soll sie allerdings nicht stören.
„Mit Canopy bringen wir Breitbanddienste kostengünstig in bislang schlecht erschlossene Regionen Europas“, wirbt Kobrinetz und führt als Referenz für das Motorola-System die irische Stadt Cork an. Dort versorgt der Internetdienstleister Amocon die gesamte Stadt drahtlos in Konkurrenz zu kabelbasierten DSL-Angeboten.
In Deutschland jedenfalls greifen längst Bürger und Unternehmen zur Selbsthilfe. So hat sich das nordhessischen Dorf Wichte eine Richtfunkstrecke zum mit DSL versorgten Nachbarort gebaut. In der Stadt Selm nahe Unna können Bürger und Firmen schon einen Blick in die Zukunft werfen. Auf ihre Initiative hin wurde ein Netz aufgebaut, das der kommenden Wimax-Technik ähneln soll.
Wimax – diese fünf Buchstaben trennen zurzeit in der Branche Optimisten von Realisten. Während sie für Menschen wie Airdata-Chef Irmler „ein pures Schlagwort“ sind, liebäugelt Arcor-Chef Harald Stöber mit dieser breitbandigen Funktechnik. „Wimax bringt uns im ländlichen Raum weiter.“
Noch allerdings befindet sich Wimax in der Standardisierungsphase. Die Arbeitsgruppen tagen. Verzögerungen sind trotz oder gerade wegen des immensen Interesses unterschiedlicher IT- und Telekommunikationsgiganten, nicht ausgeschlossen. Branchenbeobachter wie Arno Wilfert von der Unternehmensberatung Arthur D. Little warnen vor überzogenen Erwartungen. Mit ersten Produkten für Wimax sei erst 2007 zu rechnen. REGINE BÖNSCH

Ein Beitrag von:

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

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