Mobilfunk 27.06.2008, 19:35 Uhr

Mit Berta in die mobile Zukunft reisen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 27. 6. 08, rb – In Frankfurt diskutieren noch bis heute Abend Top-Manager der weltweiten Mobilfunkbranche über die nächste Netzgeneration, die Next Generation Mobile Network (NGMN). Sie könnte Long Term Evolution, kurz LTE, ähneln. Eine schnelle breitbandige Technik, die noch nicht endgültig standardisiert ist. Doch schon jetzt führt Ericsson sie interessierten Netzbetreibern für wenige Wochen als Live-Demo in seiner Deutschlandzentrale vor.

Berta sieht schon besser aus als Big UI. Ein Handy ist Berta zwar immer noch nicht, aber zumindest vorne – dort wo ihr Display den Betrachtern neue schnelle und vor allem mobile Anwendungen zeigt – kann sich das Gerät sehen lassen. Internet, Musikvideos, Präsentationen – das alles erscheint in rasender Geschwindigkeit auf dem Display, das von Ericsson-Technikern immer mal wieder mit Staubtüchern gereinigt wird.

Hinten dagegen sieht es bei Berta noch mau aus: Dort müssen kleine Lüfter die programmierbaren Logikchips kühlen. Später, wenn hier Asics stecken, wäre das nicht mehr nötig. Doch schon jetzt steht fest: Berta wird es so als Produkt nicht geben. Das taschenbuchgroße Gerät und seine Doppelgänger dienen einzig und allein der Demonstration von kommender Mobilfunktechnik, von LTE.

Long Term Evolution oder kurz LTE, so heißt der nächste große Schritt in mobilen Netzen. Eine spezielle Art der Modulation, intelligente Antennentechnik und mehr machen aus den drei Buchstaben einen wahren Datenturbo. Gegenüber UMTS und dessen Weiterentwicklung HSDPA (siehe Kasten) bietet LTE Download-Geschwindigkeiten von 100 Mbit/s und mehr. Im Upload sollen es 50 Mbit/s sein.

In der Düsseldorfer Deutschland-Zentrale hat Ericsson ein komplettes LTE-Netz, das mit 2,6 GHz funkt, aufgebaut. „Hier geben sich seit ein paar Wochen deutsche und europäische Netzbetreiber die Klinke in die Hand“, erzählt Christoph Bach, deutscher Leiter Radio, Core und IMS-Netzwerke des weltgrößten Mobilfunkausstatters.

„Berta schafft es auf 25 Mbit/s im Download“, berichtet Bernd Müller vom Produkt und Services Sales Support stolz und lässt ein neues Musikvideo auf dem Display erscheinen. Zum Vergleich: Dauert der Download eines MP3-Songs bei UMTS über 1 min, so sind es bei LTE nur noch 0,15 s, ein Film könnte in weniger als 4 min heruntergeladen werden. Über die UMTS-Weiterentwicklung HSDPA würde das noch 87 min dauern.

Ihre Signale empfängt Berta von kleinen Antennen, die sich in einem runden Tisch verstecken. Im LTE-Testcenter ist die Sendeleistung gering eingestellt. Schließlich könnten die neuen Funksignale die aktuelle Mobilfunktechnik stören. Bach deutet auf einen der drei großen Bildschirme, die hier aufgebaut sind: „Da sehen Sie, dass das auch wirklich über die Luftschnittstelle kommt.“ Kein Fake also, kein verstecktes Kabel dahinter, sondern Mobilfunk live.

Das wird erst recht deutlich, wenn die Besucher einen Blick in die Abstellkammer nebendran erheischen dürfen. Dort, wo sonst Kartons und anderes lagern, ist Big UI, der große Bruder von Berta, aufgebaut. Kaum vorstellbar, dass auch er mal eines Tages ein Handy, ein Chip in einem PC oder einer Fotokamera sein könnte. Schließlich ist das User Interface (UI) beinahe genauso groß wie die Basisstation nebendran. Fotografieren darf hier niemand.

Big UI kommt zum Einsatz, wenn es darum geht, wirklich große Datenberge live, hochauflösend und möglichst noch parallel zu übertragen – wie bei grafisch anspruchsvollen Onlinespielen. Eine Anwendung, die einen entscheidenden Vorteil von LTE gegenüber aktuellen UMTS-Techniken besonders deutlich macht: die geringe Latenzzeit oder, anders gesagt, die geringe Verzögerung, mit der Datenpakete verpackt, übertragen und wieder entpackt werden. „30 ms sind gut“, weiß Bach und lässt interessierte Besucher Autorennen gegeneinander spielen. Reaktionszeiten auf Festnetzniveau, das wird hier deutlich. Ein Vorteil, den nicht nur Gamer, sondern auch Internet-Telefonierer zu schätzen wissen.

Ob LTE tatsächlich für die kommende, die vierte Mobilfunkgeneration steht, das diskutieren zurzeit die Unternehmens- und Technikchefs der internationalen Mobilfunkunternehmen in Frankfurt. Technologieempfehlungen, Geschäftsmodelle und Vorteile für private und geschäftliche Nutzer stehen hier auf der Agenda.

Die großen Netzausstatter – von Alcatel Lucent über Nokia Siemens Networks und Motorola bis hin zu Ericsson und dem Testspezialisten Rohde &Schwarz – jedenfalls haben ihr LTE-Equipment nach Frankfurt mitgebracht. Auch Berta ist dabei. Da hier allerdings kein Live-Netz aufgebaut ist – so der Stand vor Redaktionsschluss -, müssen Simulationen helfen.

Dennoch: Spannend wird es für alle, die sich mit LTE beschäftigen, allemal in den nächsten Wochen und Monaten. Noch sind Teile des Standards festzuzurren. „In Deutschland kommt es in der zweiten Jahreshälfte 2009 zur Vergabe von viel Spektrum“, kündigte Iris Henseler-Unger, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, letzte Woche auf der Euroforum-Konferenz Telekommarkt Europa an. Man darf gespannt sein, welche Frequenzen dann für LTE gedacht sind. Ähnlich sieht es in anderen Teilen der Welt aus.

Erst danach wird LTE in Mobilfunknetze eingebaut. Ab 2010 dürften hier und da Nutzer in den Genuss von LTE kommen. Dann erwarten Marktforscher von ABI-Research einen explosionsartig steigenden Bedarf. Schon in den ersten drei Jahren nach der Einführung von Long Term Evolution erwarten sie weltweit 32 Mio. Abonnenten. „Wir rechnen mit jeweils 12 Mio. LTE-Anwendern in Asien und Westeuropa sowie mit 8 Mio. in Nordamerika“, sagt ABI-Analystin Nadine Majaro.

Doch zuvor gibt es für Berta und Big UI viel zu tun. Ab August gehen sie mit dem LTE Experience Center auf Reise. Asien könnte das Ziel sein, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schließlich ist LTE keine deutsche, keine europäische, sondern eine weltweite Sache. Und gerade in Asien, wo bereits heute das mobile Internet und 3-D-Spiele auf dem Handy sich durchsetzen, ist der Hunger nach schnellen Mobilfunkverbindungen groß. REGINE BÖNSCH

 

Ein Beitrag von:

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

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