Software 27.11.1998, 17:20 Uhr

Microsoft sucht Strategie gegen Linux

Ein kurz vor der Comdex bekanntgewordenes internes Dossier enthüllt, daß Microsoft die Bedrohung durch Linux als offene Plattform sehr viel ernster nimmt als bisher zugegeben wurde.

Die jüngst erfolgte Umbenennung des angekündigten Netzbetriebssystems NT 5.0 in „Windows 2000“ ließ schon auf gewisse Schwierigkeiten mit der rechtzeitigen Fertigstellung und Positionierung des neuen Flaggschiffs aus Richmond schließen. Das interne Memorandum, das jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, zeigt, daß der amerikanische Software-Hersteller noch mehr Probleme hat.
Zwar sieht sich Microsoft auf dem Desktop-Markt mittel- und langfristig durch Linux nicht gefährdet – in Richmond kennt man die konservative Haltung der Endnutzer: „Desktops umzustellen ist schwierig, und wer hier als Herausforderer antritt, muß einen beträchtlichen Zusatznutzen mitbringen“, und da Linux sich an fachlich versierten Anwendern orientiere, werde es „niemals die vom durchschnittlichen Endnutzer geforderte Leichtigkeit der Handhabung liefern“. Doch „die größte Gefahr für Microsoft, die von Linux ausgeht, richtet sich gegen den NT-Server“, heißt es in dem Papier. „Linux stützt sich auf Standard-PC-Hardware und ist aufgrund der Modularität des Betriebssystems auf kleineren Systemen lauffähig als NT.“
Das freie Betriebssystem ist in Richmond auf Herz und Nieren untersucht und verglichen worden. Ergebnis: „Linux ist ein echtes Betriebssystem und ein überzeugender Entwicklungsprozeß.“ Es ist jedoch weniger das Produkt selbst als vielmehr das Umfeld, in dem es entstehen konnte, das die Microsoft-Entwickler beunruhigt. Die Idee der „Open Source Software“ (OSS), des freien Zugangs zu den Quelltexten, bedroht das Geschäftsmodell des Weltmarktführers. Sie werde immer attraktiver und vermittele Anwendern „den Eindruck von Zukunftssicherheit“. Microsoft bestreitet nicht, daß das Dossier authentisch ist, spielt seine Bedeutung jedoch herunter. Der Marketingleiter des Unternehmens, Edmund Muth, beschreibt es als Anregung zur internen Diskussion, die nicht die offizielle Position von Microsoft gegenüber der freien Softwareszene darstelle. Verfaßt wurde das Memorandum „Open Source Software – eine (neue?) Entwicklungsmethodik“ von Vinod Valloppillil, einem Stabsmitarbeiter der Betriebssystemgruppe bei Microsoft. Erstmals wird darin zugegeben, daß Linux im Begriff ist, als offene PC-Betriebssystemplattform eine ähnliche Bedeutung zu erlangen, wie sie heute die offenen Internetstandards für die Telekommunikation innehaben. Das Internet sei bereits ein „dramatisches“ Beispiel dafür, „daß OSS-Projekte kommerzielle Qualität erreichen oder übertreffen können“. Und nicht nur das. „Das Internet stellt ein ideales, weithin sichtbares Schaufenster für die OSS-Welt dar.“ Es ist eine weltweit verteilte Entwicklungsumgebung mit Projekten, „deren Größe und Komplexität bislang die unangefochtene Domäne kommerzieller, wirtschaftlich organisierter und motivierter Entwicklungsteams war“. Die Fähigkeit der freien Software-Szene, zu derart umfangreichen Entwicklungsprozessen „die kollektive Intelligenz von mehreren tausend Einzelpersonen über das Internet zu bündeln und abzuernten, ist einfach erstaunlich“.
Im Vergleich dazu beleuchtet das Memorandum die Schwächen des eigenen Hauses: So gäbe es „krasse Unterschiede“ in den Entwicklungspraktiken der einzelnen Projekte die verschiedenen Teams nutzen keine einheitlichen Entwicklungswerkzeuge und Datenbanken, und die Entwickler haben keinen Zugriff auf eine zentrale Bibliothek, in der Bugs registriert sind, und schon gar nicht auf den Quellkode anderer Projekte. Beklagt wird insbesondere die fehlende, projektübergreifende Kommunikation. Die hausinterne Parzellierung schließt konstruktive Zuarbeiten und spontane Entwicklergemeinschaften, wie sie in der Open-Source-Welt üblich sind, weitgehend aus.
Dort können sie sich bilden, weil die Entwickler häufig in Universitäten und Forschungseinrichtungen beheimatet sind und, was den Stand der Wissenschaft betrifft, an der Quelle sitzen. Weitere Unterstützung kommt von Linux-Distributoren wie RedHat, SuSe und Caldera. Kürzlich hat sich selbst IBM in den Kreis der Förderer eingereiht. Das Unternehmen will seine Electronic-Commerce-Anwendungen über den WWW-Server „Apache“ – eine OSS-Entwicklung – abwickeln und hofft, von dessen enormer Marktdurchdringung profitieren zu können im Gegenzug beteiligen sich IBM-Entwickler aktiv an der Weiterentwicklung des Servers. Zu einer vergleichbaren Öffnung hat sich Microsoft bislang nicht entschließen können. Doch allem Anschein nach ist der Software-Hersteller mit seinem Unternehmenskonzept an einem kritischen Punkt angelangt. Die proprietäre Verknüpfung von Betriebssystem, grafischer Nutzeroberfläche und Anwendungsschnittstellen ist zwar eine ausgefeilte Form der Kundenbindung, aber sie erhöht künstlich und zu Lasten der Zuverlässigkeit die Komplexität. Was effektiv als Barriere gegen externe Weiterentwicklungen wirkt, aus denen eine Konkurrenz erwachsen könnte, isoliert die eigenen Entwickler und damit auch die Kunden von Innovationen, die in immer rascherem Tempo anderswo hervorgebracht werden.
Der Grund für den Erfolg von Linux ist, analysiert Valloppillil, daß die Grundbausteine und technischen Protokolle nicht proprietär, sondern frei verfügbar sind. Deshalb steht der Weltmarktführer nun vor dem ungewohnten Problem, es nicht mit einem konkurrierenden Unternehmen zu tun zu haben, sondern eine Idee bekämpfen zu müssen. „Um zu verstehen, wie wir uns im Wettbewerb gegen Open Source Software behaupten können, müssen wir statt einer Firma die Entwicklungsprozesse ins Visier nehmen.“ Das bedeute insbesondere, daß die gegen kommerzielle Rivalen bewährten FUD-Taktiken aus dem Waffenarsenal des Marketing nicht greifen. FUD steht für „Fear, Uncertainty and Doubt“ und bezeichnet Praktiken, das bessere Produkt eines Wettbewerbers durch das gezielte Streuen von Gerüchten über angebliche Mängel und Unzulänglichkeiten zu diskreditieren. Ein vielzitiertes Beispiel lieferte Microsoft Anfang der neunziger Jahre, als es das konkurrierende DR-DOS von Digital Research ausschaltete, indem es Kunden bei der Installation von Windows 3.1 auf DR-DOS durch eine kurze Fehlermeldung verunsicherte, daß bestimmte Features möglicherweise nicht verfügbar wären.
Stattdessen skizziert das Dossier eine Gegenstrategie, die auf das „Hijacking“ der Entwicklungsprozesse hinausläuft: Man baue erweiterte Funktionalitäten in die Standardprotokolle oder Dienste ein und nehme sie als Ausgangspunkt zur Markteinführung neuer, proprietärer Protokolle. Das ist die „Strategie der Verwässerung von Standards“, wettert Eric Raymond, Linux-Entwickler und einer der führenden Köpfe der freien Softwareszene: „Wir haben schon erlebt, wie Microsoft dieses Spielchen spielt.“

 

Von Richard Sietmann

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