Bildungssoftware 16.11.2012, 19:55 Uhr

Microsoft geht in die Bildungsoffensive

Microsoft inszeniert sich als Bildungsalternative zum klassischen Lernen. Die Werbestrategen des Konzerns erwiesen dem großen Universalgelehrten in Berlin mit der Präsentation der „Humboldt-Box“ eine historische Reminiszenz: ein dem humboldt’schen Bildungsideal verpflichteter US-Softwarekonzern, der sich mithilfe der Informationstechnologie dem weltweiten Analphabetismus entgegenstellt.

Microsoft-Konzernchef Steve Ballmer

Microsoft-Konzernchef Steve Ballmer

Foto: Werkfoto

In die deutsche Hauptstadt war Konzernchef Steve Ballmer höchstpersönlich gekommen, um die neue Version der Lernsoftware „Schlaumäuse“ aus dem Hause Microsoft vorzustellen. Ganz neu ist das Programm für die Vier- bis Fünfjährigen freilich nicht. Denn bereits seit 2003 wirbt man dafür.

„Wir möchten, dass die Kinder mithilfe von intelligenten Technologien möglichst früh in die Wissensökonomie einsteigen“, betonte Ballmer. Dann legte der Nachfolger von Bill Gates den verbalen Turbogang ein. Der Konzernchef sieht das Zeitalter des papierbasierten Lernens durch E-Learning-Konzepte weiter auf dem absteigenden Ast.

„Clevere Lernsoftware soll die Kinder aktivieren, neue Inhalte zu entdecken und aus eigener Motivation heraus zu lernen“, sekundierte Maria Böhmer, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

Lernsoftware: Microsoft und Wissenschaft gehen Hand in Hand

Den notwendigen Flankenschutz erhält der Computerkonzern auch durch die Wissenschaft. So beginne das frühkindliche Lernen bereits vor der Geburt, betonte Gerd Mannhaupt, Experte für frühkindliche Bildung an der Universität Erfurt. Er vertritt die These, wonach die Kleinsten bereits in den ersten drei Jahren das notwendige sprachliche Rüstzeug für das ganze Leben erlernten. „Wenn Kinder in die Schule kommen, sollten sie bereits perfekt sprechen können.“

Offen bleibt indes die Frage, welchen Beitrag gerade ein profitorientierter Computerkonzern wie Microsoft gegen den weltweit grassierenden Analphabetismus sowie regionale Sprach- und Bildungsdefizite zu leisten vermag. Etwa stellt sich diese Herausforderung im Angesicht der mangelnden Sprachförderung von Migranten in Deutschland. „Gute Computerprogramme sind besser als das Lernen in Kleingruppen“, gibt dazu Gerd Mannhaupt von der Universität Erfurt zu bedenken.

Microsoft: Lernsoftware „Schlaumäuse“ basiert auf Windows 8

Immerhin, das Lernprogramm „Schlaumäuse“ offeriert jenseits von passivem Medienkonsum tatsächlich einige nützliche Funktionen. Die Software lässt den Nutzern viele Wahlmöglichkeiten. Korrekte Sprachfunktionen, Hörbücher und Spiele bieten viel Lob und Bestätigung, um den eigenen Wortschatz sukzessive zu erweitern. Aber Microsoft wäre nicht Microsoft, wenn hier nicht die hauseigenen Produkte ins Spiel kämen.

Denn schließlich basiere das interaktive Lernen auch auf dem kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellten neuen Betriebssystem, sagte Steve Ballmer vor zahlreichen Gästen: „Unsere Produkte mit dem neuen Betriebssystem Windows 8 sorgen für ein neues Nutzererlebnis.“ Passend dazu gibt es neben dem Windows-App Store – etwa mit der Nasa-Flugsimulation über den Mars – auch die neuen Endgeräte dazu, wie das neue Microsoft-Tablet Surface. Den Markt für das mobile Internet dominieren bislang aber andere Spieler.

Mit „Office 365 für Education“ bietet Microsoft den Bildungseinrichtungen nun ein kostenloses Basisangebot für E-Mail, Instant Messaging, Sprach- und Videochat. Schüler können sich über Skydrive organisieren. Lehrer können über das Produkt „Windows Intune“ PC-Arbeitsräume und die gesamte IT-Infrastruktur verwalten.

Im Vergleich zu Google, Apple & Co. könne sich Microsoft im Bildungssektor deshalb durch ein größeres Produkt- und Serviceportfolio sowie ein starkes Partnernetz kurz- bis mittelfristig durchsetzen, sagt Marktanalyst Axel Oppermann von der Experton Group, einem IT-Beratungsunternehmen. „Ferner ist die aggressive Preispolitik ein Erfolgsfaktor.“

Microsoft: Mit Bildungssoftware frühzeitig nachwachsende Käuferschichten akquirieren

Dennoch scheint Microsoft den Anschluss an die digitale Ära verpasst zu haben. Mit aller Macht vollzieht das Flaggschiff des „gewöhnlichen IT-Zeitalters“ deshalb den radikalen Schwenk in die Welt der interaktiven Touchscreens und Kachelsymbole. „Die Schlaumäuse passen gut dazu“, sprach Steve Ballmer das Wort des Tages in gekonntem Deutsch mit leicht amerikanischem Akzent aus.

Fazit: Der Kampf um nachwachsende Käuferschichten wird auch mithilfe des humboldt’schen Bildungsideals ausgefochten. Aber es scheint fraglich, ob sich die Nutzer im Computerbiotop von Windows 8 bei Microsoft ähnlich wohlfühlen wie in einem Kindergarten der Marke Ikea. „Für Microsoft ist der gesamte Bildungssektor von grundlegender Bedeutung“, gibt Marktanalyst Axel Oppermann zu bedenken.

Durch eine Positionierung von Produkten, Services und der damit verbundenen Sozialisierung auf die hauseigenen Technologien, so Oppermann, lege der Konzern heute den Grundstein für seinen künftigen Erfolg im Konsumentenmarkt und in den Anwenderunternehmen. „Hier hat Microsoft insbesondere gegenüber Google und Apple einen jahrzehntelangen Vorsprung – der jedoch schnell kleiner wird“, fasst der IT-Experte zusammen. 

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