Mobilfunk 08.12.2006, 19:25 Uhr

Menschenverachtende Handyteilefertigung in Asien  

VDI nachrichten, Berlin, 8. 12. 06, rb – Während hierzulande in Kamp-Lintfort Kapazitäten zur Fertigung von Handys brachliegen und abgebaut werden, macht eine niederländische Untersuchung auf verheerende Zustände bei einigen asiatischen Handyzulieferern aufmerksam.

Vergiftungen mit Chemikalien, unzureichende Schutzkleidung, Dumping-Löhne von rund 9 Cent je Stunde bei bis zu 13-Stunden-Schichten: Solche unhaltbaren Missstände bei einigen asiatischen Handyzuliefern prangert eine 100-seitige Studie der niederländischen Organisation Stichting Onderzoeg Multinationale Ondernehmingen (Somo) an. Seit den 70er-Jahren forscht Somo über Arbeitsbedingungen und Umweltverhalten multinationaler Konzerne für Auftraggeber wie u. a. die EU-Kommission.

Für die Studie „The High Cost of Calling: Critical Issues in the Mobile Phone Industry“ wurden die Arbeitsbedingungen von Lieferanten in China, Thailand, den Philippinen und Indien untersucht.

Sie stellen Einzelkomponenten wie z. B. Acryl-Linsen oder Mikrofone für Handys her. Solche Zulieferer arbeiteten oft als Subunternehmer für Auftragsfertiger, die wiederum ein gesamtes Handy dann an einen großen Vertragspartner von Nokia oder Motorola lieferten. Durch die Studienergebnisse geraten somit auch die Top-5-Handy-hersteller Nokia, Motorola, Samsung, LG und Sony Ericsson unter Beschuss.

„Die schlimmsten Arbeitsbedingungen fanden wir bei diesen Lieferanten von Einzelkomponenten“, sagt Joseph Wilde, Co-Autor der Studie. So mussten z. B. Arbeiterinnen beim chinesischen Zulieferer Hivac Startech mit Werk in Shenzhen, Acryl-Linsen für Motorola-Handys mit einer Lösung polieren, die die giftige Substanz n-Hexan enthält. Weder für Schutzkleidung noch ausreichende Belüftung sorgte Hivac Startech, so dass einige Arbeiterinnen mit Vergiftungen in eine Klinik mussten.

Schwere Vorwürfe erhebt die Studie auch gegen das thailändische Unternehmen Namiki, ein Zulieferer des weltgrößten Handykonzerns Nokia.

Arbeiterinnen bekamen ebenfalls keine Schutzkleidung, sondern nur Milch, um ihren Körper von Bleirückständen zu reinigen. Dies sind nur zwei Beispiele von vielen in der aktuellen Somo-Studie.

„Wir nehmen die Studienergebnisse sehr ernst, auch wenn es nur zwei von Hunderten unserer Zulieferer weltweit betrifft“, sagt Susan Allsopp, Pressesprecherin bei Nokia. Laut Allsopp wurde Namiki sofort kontaktiert, daraufhin habe der thailändische Zulieferer Dokumente vorgelegt, die die Somo-Vorwürfe entkräften. Dennoch habe man eine Nokia-Crew vor Ort geschickt, um „das Unternehmen weiter zu checken und direkt mit dem Management zu sprechen“, so Allsopp.

Die gesamte Überprüfung dauere noch an. Zudem gäbe es pro Jahr rund 100 Ad-Hoc-Besuche von Nokia-Teams bei mehreren 100 Zulieferern weltweit. Darüber hinaus müsste jedes potenzielle Unternehmen einen 80 Punkte-Katalog erfüllen, um Zulieferer für Nokia zu werden.

Auch Motorola hat solche Anforderungskataloge und reagierte auf die Studienergebnisse. „Hivac Startech ist kein direkter Zulieferer von Motorola“, sagt Mark Durrant, Kommunikationsleiter für Europa, den Mittleren und Nahen Osten sowie Afrika für den US-Handykonzern. „Die stellen aus der zweiten Reihe Einzelkomponenten für einen unserer Vertragszulieferer her.“ Laut Motorola ließ man Hivac Startech von einem „unabhängigen Audit-Team“ überprüfen. „Einige der Vorwürfe stimmten“, so Durrant. Die Prüfcrew bleibe weiter an dem Fall dran.

Laut Somo-Autoren greifen die Anforderungskataloge der Handykonzerne an ihre Zulieferer zu kurz. Autor Wilde weist in diesem Zusammenhang auf die hochkomplexen Lieferketten in der Branche hin. Vielfach arbeiten gerade die Lieferanten von Einzelkomponenten im Dunkeln.

Der Vorwurf: Die Top-5-Handyhersteller greifen hier nicht proaktiv ein, sondern verließen sich lediglich auf Nicht-Regierungsorganisationen, die Vorfälle meldeten. Dies reicht aber bei Weitem nicht aus, um durchschlagende Erfolge beim Arbeitsschutz in der gesamten Lieferkette zu erzielen.

Auch der anhaltende Preisdruck in der Branche spielt eine große Rolle für die Arbeitsbedingungen. Laut Somo-Studie und Analystenmeinungen müssten die Preise weiter fallen und sich von derzeit 40 $ pro Mobiltelefon auf 25 $ zu bewegen, um aufstrebende Märkte wie China und Indien mit billigen Einsteiger-Handys zu versorgen. In China hätten diese Marke bereits einige Zulieferer erreicht, so Wilde im Somo-Report.

Motorola produziere darüber hinaus in diesem Jahr 6 Mio. Handys für rund 30 $ das Stück, um einen Vertrag mit der GSM Association zu erfüllen. Diese hatte zum „3GSM-World Congress 2006“, dem größten Branchenevent der Mobilfunkindustrie im Februar dieses Jahres in Barcelona, ein Programm vorgestellt, das Handys für aufstrebende Märkte zu besonders niedrigen Preisen bereitstellt. NIKOLA WOHLLAIB

Die vollständige Studie „The High Cost of Calling: Critical Issues in the Mobile Phone Industry“ gibt es online: www.somo.nl/html/paginas/pdf/High_Cost_of_Calling_nov_2006_EN.pdf

 

Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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