Mobilfunk 03.05.2002, 17:34 Uhr

Melodien für Millionen statt Gepiepse

Das schnöde „Klingelingeling“ als Handyton ist passé, es lebe der mehrstimmige, der polyphone Alarm. Bis zu 16 Stimmen gleichzeitig sorgen jetzt auch hierzulande für einen neuen Sound aus dem Mobiltelefon.

Die aktuellen Chart-Hits als Handy-Klingelton? Beileibe kein Spleen mehr von Kids auf den Tokioter Straßen, sondern auch in Deutschland ein bedeutender Marktfaktor. Herunterladbar aus dem Internet oder über den i-mode-Dienst von E-Plus können Melodien auf entsprechend ausgestattete Handys ein Klangerlebnis der anderen Art bieten. Inzwischen haben hierzulande fast alle Handy-Hersteller Geräte mit polyphonen Klingeltönen angekündigt.
Polyphon bedeutet mehrstimmig, das heißt, die Qualität der Töne unterscheidet sich in der Anzahl der vom Gerät wiedergegebenen Instrumente. Grundlage ist derzeit in den meisten Fällen das Format Midi (Musical Instrument Digital Interface). Diese Dateien sind bedeutend kleiner als digitale Audio-Formate wie etwa MP3 oder wav und eignen sich deshalb besonders für speicherlimitierte mobile Geräte wie Handys oder auch Organizer.
Aktuelle Handys unterstützen die Wiedergabe von 16 Stimmen, sind also 16-polyphon. Neben dem Soundchip – Alcatel setzt z.?B. auf einen eigenen „Handy-Synthesizer“, andere greifen etwa zum Yamaha-Produkt – sorgt der eingebaute Lautsprecher für Qualitätsunterschiede der einzelnen Handys.
Die Crux: Die Handy-Branche konnte lange Zeit keinen Konsens über einen Format- und Übertragungsstandard erzielen die Klingeltöne waren zwischen den Geräten der einzelnen Hersteller nicht kompatibel. Bislang ist es eher Smartphones wie Nokias Communicator oder Triums Mondo vorbehalten, qualitativ bessere Audio-Dateien im wav-Format wiederzugeben. Andere wie etwa Siemens kochten ihr eigenes, proprietäres Süppchen.
Dabei ist die Entwicklung in Richtung Musik-Entertainment seit längerem vorgezeichnet – insbesondere von Firmen aus Asien. So platzierte Sony als erster Anbieter ein Mobiltelefon mit einem integrierten MP3-Player am Markt – aufgrund des hohen Preises allerdings mit bescheidenem Erfolg. Panasonic zeigte mit dem GD 92 schon vor zwei Jahren ein Handy, mit dem jedes beliebige Geräusch als wav-Datei aufgenommen und als Klingelton im Gerät gespeichert werden konnte. Heute wollen alle dabei sein: „Klingeltöne in CD-Qualität werden in Zukunft ein Muss für alle Hersteller sein“, so Alexander Sigle, Product Marketing Manager von Motorola.
Beim Klingelton-Download hat Nokia frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt. Das Geschäft mit dem Down-
load im Internet boomt, aber eben fast ausschließlich Melodien für die finnischen Handys. Nokias „Smart Messaging“, das den Versand von Tönen und Logos per SMS ermöglichte, wurde vom Marktführer bis Ende 2000 streng unter Verschluss gehalten.
Die Konsequenz: Nokias Marktanteile stiegen insbesondere bei der jungen Klientel exorbitant; zugleich formierte sich der Wettbewerb. Die Zweckgemeinschaft Alcatel, Ericsson, Motorola und Siemens lancierte mit EMS (Enhanced Messaging Service) eine De-facto-Konkurrenz. Nokia rudert mit der Offenlegung der Smart-Messaging-Spezifikationen zwar dagegen, doch lediglich Samsung konnte noch als Lizenznehmer gewonnen werden.
Noch im Laufe des Jahres sollen Endgeräte auf den Markt kommen, die MMS (Multimedia Messaging) unterstützen, das den mobilen Versand und Empfang von Klingeltönen wie auch Bild- oder Video-Dateien auf eine breite Basis stellen wird. Einher mit MMS wird auch die Implementierung von SP Midi (Scalable Polyphony Midi) gehen, was u. a. die Abstimmung der Dateien auf verschiedene Endgeräte bieten soll.
Schließlich wissen alle in der Branche um den Trend zur Personalisierung beim Handy und dessen wirtschaftliche Bedeutung. Polyphone Klingeltöne, so heißt es unisono, bilden dazu ein wichtiges Entertainment-Feature. Manch asiatischer Hersteller hat schon die Zukunft in der Tasche: So stellte LG Electronics – in Asien eine feste Handy-Größe, hierzulande noch ein New-
comer – auf der CeBIT das G5200 vor, das 40-stimmig Melodien wiedergeben kann. M. SCHECHTEL

Ein Beitrag von:

  • M. Schechtel

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