Seekabel 07.08.2009, 19:42 Uhr

Meilenstein für den schwarzen Kontinent: Ostafrika geht online  

Bisher gab es im Indischen Ozean kein einziges Unterseekabel für Datenkommunikation, das Süd- und Ostafrika mit dem Rest der Welt verbindet. Die Folge: Dieser Teil Afrikas hatte kaum Internetzugang. Jedes Bit wurde über Satellit geschickt und war damit sehr teuer. Dies ändert sich nun mit dem neuen Seekabel von Seacom gewaltig. Auch die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft 2010 aus Südafrika in alle Welt wird mit der neuen Ostroute sicherer. VDI nachrichten, Düsseldorf, 7. 8. 09, rb

Ende Juli in Mombasa, der größten Hafenstadt Kenias, nahe am Landungspunkt: Im Swahili-Kulturzentrum weiht Brian Herlihy, Chef des Seekabel-Konsortiums „Seacom“ mit bedeutungsschwangeren Worten den neuen Datenhighway ein: „Heute ist ein historischer Tag für Afrika und der Beginn eines neuen Kommunikationszeitalters zwischen dem Kontinent und dem Rest der Welt.“

Die Videokonferenz ist in Echtzeit mit hochaufgelösten Bildern über neueste Videotechnik von Cisco zu sehen – sowohl in Maputo (Mosambik), Dar es Salam (Tansania) und Johannesburg (Südafrika), hier in einem nagelneuen Rechenzentrum des südafrikanischen Providers Neotel.

Eine solche simultan übertragene Videokonferenz gab es noch nie hier in Ostafrika. Hauptdarsteller an diesem Tag: das neue Seekabel, das diese Übertragung erstmalig möglich machte.

Die neue Lebensader schlängelt sich 17 000 km auf dem Meeresgrund entlang der süd- und ostafrikanischen Küste, um das Horn von Afrika, durch den Golf von Aden, das Rote Meer, den Suezkanal und schließlich durch das Mittelmeer bis nach Marseille. „Der neue digitale Highway verbindet nun Südafrika mit Mosambik, Tansania und Kenia mit Europa und mit Indien“, zählt Herlihy auf.

„Vor drei Jahren haben wir mit diesem riesigen 600 Mio.-$-Projekt angefangen“, sagt der Chef von Seacom in breitem Amerikanisch. Seacom ist ein Konsortium, das fast ausschließlich von afrikanischen Investoren getragen wird. „Allein 15 Monate lang liefen die Vorbereitungen, um die beste Trasse für das Kabel entlang der Küste herauszufinden“, erinnert sich Herlihy.

Dazu untersuchten speziell ausgerüstete Schiffe mit Sonar an Bord Meter für Meter den Meeresgrund auf der 17 000 km langen Strecke. Die Crew prüfte die Bodenbeschaffenheit und legte fest, wo es rund 1 m in den Meeresboden eingepflügt werden muss. Dies ist oft im Flachmeer der Fall. Dort schrammen Anker und Fangnetze am Grund entlang und können das Seekabel beschädigen. Ab 1000 m Tiefe kann es auch auf dem Meeresgrund frei liegen.

„Dann wurde es exakt nach bestimmten Spezifikationen im amerikanischen New Hampshire und in Japan gebaut“, erzählt Herlihy. Im Falle von Seacom übernahm dies Tyco Telecommunications, einer der Branchenriesen im Geschäft mit Seekabeln. Zum Teil mit doppelter metallener Armierung, um die Kunststoffumhüllung des Glasfaserkabels zu schützen. Meter für Meter wurde es nach der Produktion in riesige Kabeltrommeln in den Bauch der Verlegeschiffe gewickelt. „Drei Schiffe waren im Einsatz, eines begann in Südafrika, eines kam von Norden und eines von Indien, auf der Höhe von Dschibuti haben wir das dann zusammengeschaltet“, beschreibt Brian Herlihy die wochenlange unermüdliche Verlegung.

Auch auf dem Meeresgrund ist das haarfeine Glasfaserkabel gut geschützt durch Pufferschichten aus Plastik oder Stahl, Kunststoffisolierung und mehrlagiges teergetränktes Nylongewebe. Dazu kommen im Abstand von mehreren 100 km Repeater, die die Signale aufnehmen und wieder verstärken, um so große Distanzen zu überbrücken. In Küstennähe ist es mit einer Doppelpanzerung aus Stahldrähten versehen und kann dann zu einer 70 cm dicken Leitung anwachsen.

Landungspunkt in Marseille: „Wir machen den europäischen Part für Seacom und schließen uns hier zusammen“, sagt Jens Leuchters. Der Chef für Deutschland und Österreich des Netzanbieters Interoute deutet auf eine Karte und zeigt auf das eigene Glasfasernetz mit rund 56 000 km. Ganz Europa ist durchzogen mit Strängen in Richtung Südosten sowie Nordafrika und in die Türkei.

Rund acht Wochen ist es her, dass Seacoms Seekabel mit dem Lichtwellenleiterkabel von Interoute in Marseille auf Transportebene zusammengeschaltet wurde. Spleißen nennt man das im Fachjargon – das Brot- und Buttergeschäft der Kabelverleger – ob an Land oder auf hoher See. Experten löten die Glasfaser in einer Muffe zusammen, die danach versiegelt wird, damit kein Schmutz oder Spritzwasser von außen eindringen kann. Die physikalische Verbindung steht.

Dann kommt das Durchmessen der Verbindung. „Ein Spleiß bedeutet immer, dass sich die Dämpfungswerte erhöhen, das Signal abschwächt und die Kapazität runtergeht“, erklärt Leuchters. Danach folgt das Beschalten der Glasfaser mit aktivem Equipment. Hier am Landungspunkt wandeln Laser und Multiplexer die elektrisch übermittelten Sprach- und Datenpakete in optische Lichtsignale um.

„Jetzt können wir unsere Dienste direkt Telekommunikations- oder Geschäftskunden in Nairobi oder anderswo in Süd- und Ostafrika anbieten“, freut sich Interoute-Chef Leuchters. Ein Meilenstein für Afrika. „Wir nehmen die Datenautobahn in Europa so selbstverständlich hin, Ostafrika war bis dahin ein großer weißer Fleck.“

Das sieht Herlihy ähnlich. Ostafrikanische Geschäftskunden waren bisher allein auf den Satellit angewiesen – zu horrenden Preisen. „Bis zu 3000 $ hat eine MByte-Leitung monatlich gekostet, um die Daten auf die Reise um die Welt zu schicken, mit dem Seekabel geht dies nun für unter 600 $.“ Laut Seacom-Chef ist es rund 90 % billiger, 1 MByte über das Seekabel zu transportieren als über den Satellit. Dies liegt auch an der bislang knappen Kapazität, die in Ostafrika z. B. auf 2 GByte begrenzt war, und nun mit dem neuen Seekabel auf 60 GByte hochschnellt. „Wir stellen eine Übertragungsrate von 1280 Gbit/s für die nächsten 5 bis 10 Jahre in Süd- und Ostafrika zur Verfügung.“

Dass damit nur der erste Schritt getan ist, süd- und ostafrikanische Länder und hier vor allem Geschäftskunden ans Netz zu bringen, ist ihm klar. „Was nützt unsere internationale Transportkapazität, wenn keine Glasfaser zumindest in den größeren Städten, geschweige denn auf dem Land selbst liegt?“ Für die meisten Afrikaner wird es noch lange dauern, bis es passable Internetverbindungen zu erschwinglichen Preisen gibt.

Doch für ein weltweites Ereignis kommt das neue Seekabel gerade recht: die Fußball-WM 2010 in Südafrika. Überall im Land nehmen modernste Stadien langsam Gestalt an. Spektakulär und futuristisch erheben sie sich aus den städtischen Skylines wie z.B. in Kapstadt, Durban oder Port Elizabeth. „Neben den Geschäftskunden ist die Weltmeisterschaft ein wichtiger Treiber für uns“, bestätigt Jens Leuchters von Interoute. „Wir stellen mit einigen anderen Anbietern das Transportnetz, damit es keine Verzögerung bei der Bildübertragung gibt.“

Walter Zornek, Projektleiter für das Fifa-Großevent von Media Broadcast, hat bereits Erfahrung vorort. Der französisch-deutsche Mediendienstleister stemmte bei der kleinen Weltmeisterschaft, dem Confederations-Cup des Weltverbandes Fifa, die Übertragung zwischen den vier Stadien Bloemfontein, Pretoria, Rustenburg und dem bislang kleinen Sendezentrum im Ellis Park Stadion Johannesburg. Der Sieg Brasiliens über die USA wurde beim Confed-Cup schließlich via Kabel auf der Westseite Afrikas und via Satellit in alle Herren Länder übertragen.

„Damit werden wir 2010 zur WM nicht mehr auskommen“, ist Zornek überzeugt. Die Nachfrage nach hochaufgelösten Bildern wird 2010 stärker sein. Noch kann Zornek die Nachfrage seiner internationalen TV-Kundenschar nicht kalkulieren. „Gegen Ende des Jahres ist klar, welches Team wann in welcher Runde aufeinandertrifft, dann erwarten wir Reservierungen für die Übertragungswege.“ NIKOLA WOHLLAIB

Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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