Silicon Valley 02.07.1999, 17:22 Uhr

„Leben an einem unglaublichen Ort“

Brutkasten der der Welt von morgen. Jetzt kommen die ersten TV-Dramen und Seifenopern aus dem Tal der Internet-Tüftler.

Ein lichtstarker Overhead-Projektor ersetzt die Gesangbücher. Am aufgeklappten Notebook-PC des Organisten, neben dem Altar, blinkt ein Funkmodem. „Lord, I lift your name on high“, preist die Gemeinde mit kraftvollem Gesang den Herrn.
Diskret hat sich der Kirchenmusiker am Keyboard während der Predigt ins World Wide Web eingeklinkt. Niemand stört sich daran. Nicht einmal der Pastor Tim Isbell. „Larry“, sagt er, „ist einfach unglaublich vielseitig. Er ist eine Stütze der Gemeinde.“
Sonntagsandacht à la Silicon Valley, in der protestantischen „New Life“-Kirche in Cupertino. Aber der 44-jährige Organist Larry Wall betreut nicht nur das Online-Angebot der Kirche. Denn der bildschirmblasse Hausmann, vierfacher Vater aus Mountain View, gilt nicht nur als eine Stütze der Kirchen-, sondern auch der internationalen Computergemeinde.
Wall hat die weitverbreitete Programmiersprache „Perl“ entwickelt und zählt zu den bekanntesten Vorkämpfern der weltweiten „Open-Souce“-Bewegung. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, das im kommerzfreien Raum entwickelte Betriebssystem Linux als Alternative zu Windows NT von Microsoft durchzusetzen.
Wall hat gerade eine internationale Open-Source-Konferenz mitorganisiert, die am selben Wochenende stattfand. Jetzt bereitet er sie von der Kirche aus per Internet nach.
Kein Problem für Pastor Tim Isbell. Der kennt den Streß, unter dem seine Schäfchen im Silicon Valley sogar noch an diesem Sonntag stehen, an dem im High-Tech-Tal die Sonne vom knallblauen Himmel strahlt. Denn bevor der gelernte Ingenieur im Hauptberuf die New Life-Church übernahm, stand er mehr als zehn Jahre lang als Topmanager im Dienst des Chip-Riesen National Semiconductor im Nachbarort Santa Clara. Später gehörte Isbell dann zum Gründer-Team von Cadence, einem führenden Hersteller von Chip-Design-Tools. 1992, als mehrfacher Millionär, stieg der Hobby-Pfarrer schließlich auf Vollzeit-Seelsorger um: „Für das Silicon Valley“, findet der Pastor, „ist mein Werdegang eigentlich ziemlich normal. Immer mehr Menschen hier machen mehr als eine Karriere.“
Superchips hin, Internet her: Das Lebensgefühl im Silicon Valley wird von Menschen geprägt, die nicht nur die Zukunft, sondern auch sich selbst dauernd neu erfinden. Noch zu Beginn der 90er Jahre steckte der High-Tech-Korridor, der sich südlich von San Francisco über mehr als 80 km bis hinunter nach San Jose erstreckt, in der Krise. Mehr als 40 000 Beschäftigte, hauptsächlich in der Chipindustrie, verloren damals ihren Job. Doch ähnlich wie Hollywood schaffte das Silicon Valley kurzfristig die Wende.
Denn im Silicon Valley entwickelte sich ab 1994 die globale Internet-Wirtschaft und sorgte für einen Boom der Technologiebörse, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Allein 1997 wurden dort rund 3500 Firmen gegründet und mehr als 50 000 neue Arbeitsplätze geschaffen.
Risikokapitalgeber, deren Büros sich in grünen Parkanlagen an der Sand Hill Road in Menlo Park reihen, investierten im vergangenen Jahr die Rekordsumme von insgesamt 4,55 Mrd. Dollar. Auf insgesamt mehr als 450 Mrd. Dollar wird inzwischen der Marktwert der Technologiefirmen geschätzt, die sich rund um die Bucht von San Francisco angesiedelt haben.
Als Symbolfigur für die Wiedergeburt des Silicon Valley gilt der gerade mal 39 Jahre alte Steve Jobs. 1989 wurde der Mitgründer von Apple Computer in Cupertino von seinen eigenen Managern aus dem Unternehmen gedrängt. Vor zwei Jahren dann kehrte Jobs, inzwischen Boß des Digitalfilmstudio Pixar in Richmond am Ostufer der Bucht, zu Apple zurück. Als „Interims-Chef“ hat er den angeschlagenen Computerhersteller mit harter Hand und den bonbonfarbenen iMac-Computern wieder in die Gewinnzone geführt. „Wer sich vor dem Scheitern fürchtet“, lautet die Devise des Computerpioniers, „der kommt nicht weit.“
Kämpfernaturen wie Jobs, der seine Karriere als Computerbastler hinter dem hellgetünchten Doppelgaragentor seines Elternhauses in Cupertino begann, haben den Mythos des Silicon Valley begründet.
So schreiben derzeit denn auch mindestens fünf amerikanische Top-Autoren an Büchern über das Phänomen Silicon Valley. Selbst Hollywood hat neuerdings entdeckt, wieviel dramatischer Stoff sich hinter den futuristischen Spiegelglas-Fassaden des Silicon Valley verbirgt. Abendfüllend wurde er fürs Fernsehen verfilmt: „The Pirates of Silicon Valley“, so der Titel des Doku-Dramas über Steve Jobs und Bill Gates, das der Kabelsender TNT im Juni in den USA ausstrahlte.
In „Buck“s“ Restaurant in der ländlichen Millionärsgemeinde Woodside, hinter dessen uriger Holzfassade sonst Internet-Entrepreneure beim Lunch gehetzten Wagniskapitalisten ihre Geschäftsideen unterbreiten, trafen sich vor kurzem Star-Regisseur Robert Altman und der Cartoonist und Drehbuchautor Garry Trudeau („Doonesbury“) zum Arbeitsfrühstück. Sie bereiteten dort den Pilotfilm für eine ganze TV-Serie für das amerikanische Fox-Network vor, Arbeitstitel: „Killer App“ – wie in „Killer Application“, wie Computeranwendungen bezeichnet werden, die den Software-Markt im Sturm erobern.
Aber werden sie sich auch den Schattenseiten des Sonnentals widmen? Endlosstaus auf der „Schnell“-Straße 101, überteuerte Gewerbemieten und Wohnraumkosten – das sind hier die anderen Dauerthemen neben Geld und Erfolg.
Auch für Larry Wall. Der weltweit bekannte Software-Guru lebt mit seiner Familie in einem bescheidenen Holzbungalow am Rande von Mountain View, im Zentrum des Silicon Valley. „Anderswo in den USA“, sagt seine Ehefrau Gloria, 37, „hätten wir uns allein von Larrys Buchtantiemen schon ein größeres Haus leisten können. Doch davon können wir hier nur träumen.“
Aktueller Durchschnittspreis für ein bescheidenes, 150-m2-Eigenheim ohne Keller in der Nachbarschaft: eine halbe Mio. Dollar. Aber warum zieht sich die Teleworker-Familie nicht einfach aufs Land zurück? „Wegen der einzigartigen Nachbarschaft zu Leuten, mit denen uns dieselben Interessen verbinden“, erklärt Larry Wall.
„Wie in jedem Umfeld, wo es auf Schnelligkeit ankommt“, hat dazu AnnaLee Saxenian festgestellt, Autorin von „Regional Advantage“, einem Standardwerk über das Silicon Valley, „zählt auch hier immer noch die persönliche Begegnung.“
Gesponsort von der German American C Chamber of Commerce (GACC), erscheint in Kalifornien inzwischen sogar ein spezieller Online-Newsletter für deutsche Gründer und Geschäftsleute, „Silicon Valley for Germans““ (www.germany-usa. com). Auch die Deutsche Telekom fördert das geschäftliche „Networking“ im Valley. Sie gehört zu den Gründungssponsoren des Silicon Valley World Internet Center in Palo Alto.
In diesem Digirati-Treff, der in einer restaurierten Scheune neben der Stanford-Universität untergebracht ist, treffen sich deutsche Wissenschaftler und Investoren mit Forschern und Entrepreneuren aus dem Silicon Valley.
Zu den Stammgästen beim Donnerstags-„Pub“ gehört auch Horst Salzwedel, 50, wenn er nicht gerade in Thüringen weilt.
Schon 1971 hat es Salzwedel, mittlerweile einer der führenden Fachleute für Satellitenkommunikation weltweit, zum Studium nach Stanford verschlagen. Seit er eine Professur für System- und Steuerungstheorie an der Technischen Universität Ilmenau übernommen hat, pendelt Salzwedel zwischen Thüringen und dem Silicon Valley, wo er Firmen wie Cadence berät.
„Aber heimisch“, sagt der umtriebige Professor, fühle er sich „eher in Kalifornien“. Im High-Tech-Tal, so Salzwedel, sei der gesamte Dienstleistungsbereich „auf Leute wie mich eingestellt, die oft ziemlich ungewöhnliche Arbeitszeiten haben. In Palo Alto kann ich noch kurz vor Mitternacht in die Buchhandlung gehen, wenn ich einen Fachaufsatz nachschlagen muß.“
Ungewöhnliche Arbeitszeiten hat auch Christine Sakelarios. Während über der Bucht von San Francisco die Sonne aufgeht, robben sich zu den Kommandos von Chris Sakelarios gestandene High-Tech-Managerinnen auf den Ellenbogen durch Schlammkuhlen auf dem baumumstandenen Gemeindesportplatz oder schwitzen beim gemeinsamen Dauerlauf, um sich für den bevorstehenden Arbeitstag zu stählen.
Bis 1996 trainierte die zierliche Leichtathletin noch amerikanische Olympioniken. Dann sah die schwarzhaarige Trainerin im wachsenden Silicon-Valley-Streß ihre Geschäftschance. Nun drillt sie zwei Dutzend körperbewußte Angestellte und Freiberufler, die in der ersten Morgendämmerung zum „Boot Camp“-Trainingslager in Redwood City antreten.
Eine von ihnen ist Mary Tate, 40, die anschließend zum Elektronikgiganten Hewlett-Packard (HP) in Cupertino fährt. „Zwölf bis 14 Stunden“, keucht die Marketing-Fachfrau nach mehreren Platzrunden, „habe ich heute noch vor mir.“

Dienstleistungen im Silicon Valley: mobiles Fitneß-Studio

Neben dem Sportplatz parkt ein 13 m langer Sattelschlepper. Auf seiner Außenwand prangt in leuchtendem Gelb das Logo von Excite. Die Firma aus Redwood City, die eine der erfolgreichsten Suchmaschinen im Internet betreibt, ist für ihr Anti-Streß-Programm bekannt: Die Excite-Mitarbeiter dürfen Haustiere mitbringen und kurven auf Fahrrädern durchs Gebäude .
Chris Sakelarios hat das Unternehmen als Sponsor für ihre Geschäftsidee gewinnen können. In dem Lkw-Container befindet sich das mobile Sportstudio „Fitneß 2 U“, in dem vier Kunden gleichzeitig trainieren können. Nach dem morgendlichen „Boot Camp“ steuert sie High-Tech-Firmen, die sich keinen Fitneß-Keller mehr leisten wollen. Statt dessen lassen sie lieber ihren Trainer-Truck anrollen. Die frühere Hochleistungssportlerin freut sich auf den Arbeitstag im Silicon Valley, als sie die Zugmaschine startet: „Hier habe ich es die ganze Zeit mit Menschen zu tun“, erklärt Chris Sakelarios, „die an ihre Grenzen gehen.“
Das tun auch die Mitarbeiter der 1996 gegründeten Firma Extreme Networks. Im flachen Zweckbau am Rande von Cupertino ist die Botschaft unübersehbar. Im Eingangsbereich liegen Bücher und Zeitschriften über Extremsport aus. Dahinter, im typischen Startup-Chaos aus Computerkisten, Kabeln und eilig zusammengezimmerten Büro-Trennwänden, sorgen Rucksäcke, Sportflaschen und Skibrillen in der Firmenfarbe Purpur für sportliche Farbtupfer. Das kleine Unternehmen mit rund 220 Beschäftigten stellt sogenannte Layer 3 Gigabit Switches her, die Daten-Verteilerkästen für die jüngste Generation superschneller Firmennetzwerke. Im April hat der jungenhafte Firmengründer Gordon Stitt, 39, sein Unternehmen erfolgreich an die NASDAQ-Börse gebracht.
Im Silicon Valley wird hart um Spitzenleute gerungen, erklärt Stitt. Deshalb sei bewußt ein Firmen-Image aufgebaut worden, das die für die Region charakteristische Faszination für Geschwindigkeit und Extremsport widerspiegelt: „Viele unserer Mitarbeiter“, erklärt Stitt, „betätigen sich in der Freizeit als Snow-Boarder, Mountainbiker, Fallschirmspringer oder Steilwandkletterer. Am Wochenende fahren sie in die Berge oder zum Surfen nach Santa Cruz.“ Und trotz aller Klagen über die negativen Begleiterscheinungen des Booms, so Stitt, bleibe die Region auch im Freizeitbereich weiterhin konkurrenzlos: „Wir leben hier an einem unglaublichen Ort in einer unglaublichen Zeit.“
GERD MEISSNER
Oszilliert zwischen alter und neuer Welt: Der Ilmenauer Professor Horst Salzwedel im Valley.
Der Mythos Hewlett Packard einst und heute: Aus der kleinen Garage wurde ein weltweites Unternehmen.
Stanford University: Noch immer Brutstätte und Gravitationsfeld des Silicon Valley.
Verdient sich ihren Lebensunterhalt mit dem Bewegungsbedürfnis der Computer-Sklaven: Christine Sakelarios vor ihrem mobilen Fitneßzentrum.

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