Telekommunikation 25.12.1998, 17:20 Uhr

Konzentrationsprozesse im liberalisierten deutschen Telefonmarkt

Der Preiskampf tritt in seine zweite Phase, Internet und Telefonie wachsen zusammen und es kommt zu Kooperationen und Joint-ventures.

Nachdem in den Jahren vor 1998 in der Telekommunikation allenfalls ein eingeschränkter bzw. oligopolistischer Wettbewerb herrschte, begann im Januar 1998 die Entwicklung eines polypolistischen Wettbewerbs, mit dessen Dynamik wohl niemand in diesem Ausmaß gerechnet hatte. Ein gutes Bild über die Anzahl der Unternehmen, die nunmehr aktiv um die Gunst der Kunden werben, erhält man durch die vergebenen Lizenzen und „Netzzugangskennziffern“. Daraus ist zu entnehmen, daß sich neben der Telekom 133 Lizenznehmer der Klasse 3 und 115 Lizenznehmer der Klasse 4 (Stand 11. 12. 98) großteils bereits aktiv betätigen. Der Markteintritt der neuen Carrier war gekennzeichnet durch die Fokussierung auf ein relativ einfaches Produktspektrum. Zielsetzung war es, durch „me-too“-Produkte die Kundenwünsche nach „billiger telefonieren“ zu befriedigen. Der rasante Preisverfall seit Beginn diesen Jahres von z. T. mehr als 70 % war sicherlich das ausschlaggebende Moment dafür, daß fast alle neuen Anbieter Anfangserfolge erzielen konnten und die Deutsche Telekom fast 20 % im Bereich der Ferngespräche verloren hat. Erste Indikatoren für dieses Chancenpotential haben bereits in der ersten Jahreshälfte dazu geführt, daß ausländische Unternehmen sich verstärkt dem deutschen Markt gewidmet haben und Übernahmen oder die Bildung von Joint-ventures mit kleineren deutschen Start-ups auf unterschiedlichen Ebenen stattfanden. Als nachhaltig können die Anfangserfolge aller neuen Anbieter jedoch noch nicht bezeichnet werden, da in der Regel derzeit nur eine geringe Kundenbindung vorhanden ist und noch die Abneigung der Kunden vor einem vollständigen Wechsel zu einem alternativen Carrier besteht. So nutzen derzeit gut Vierfünftel der Kunden, die alternative Carrier nutzen, die Möglichkeit des Call-by-Call und haben somit keine vertragliche Bindung. Folgt man aktuellen Studien, so wechseln die Nachfrager durch die Vielzahl der verwirrenden Angebote immer häufiger den Anbieter und nutzen mehrere Carrier. Dieses Kundenverhalten sowie die Preisentwicklung haben bereits in 1998 erste Spuren bei allen Anbietern hinterlassen: Aufgrund der Einnahme-Ausfälle im Bereich der Fern- und Auslandsgespräche verzeichnete die Deutsche Telekom im dritten Quartal erstmals einen stagnierenden Umsatz (wenngleich das Ergebnis vor Steuern um 36 % anstieg). Die alternativen Carrier verzeichneten aufgrund des Preiskampfes einen starken Margendruck. Zusätzlich besteht die Unsicherheit der nachhaltigen Kundenbindung, die aber für den wirtschaftlichen Erfolg schon im nächsten Jahr notwendig sein wird. Die mit dem Preisverfall einhergehenden Margenrückgänge sind als eine Ursache für Umstrukturierungsmaßnahmen und Neuausrichtungen in der Branche anzusehen, die sich großteils in Unternehmenskäufen manifestieren: Durch die Akquisitionen können Unternehmen ihre Kundenbasis sprunghaft erhöhen und somit aufgrund von economies of scale die Margenrückgänge auffangen. Dieser Trend zeichnete sich in 1998 speziell auf Seiten der Mobilfunk-Service-Provider ab (z. B. Übernahme von Cellway durch Mobilcom). Darüber hinaus wurden Unternehmenskäufe auch zu Ausdehnungen des Produktportfolios, wie z. B. den schnellen Einstieg in das Internet-Geschäft, genutzt: So übernahm Mobilcom die Topnet AG. Kooperationen dienen auch dem schnellen Aufbau innovativer Techniken, was das Beispiel derBeteiligung der Deutschen Telekom an VocalTec belegt. Diese Transaktionen sind vor dem Hintergrund zu betrachten, daß für Marktteilnehmer die Notwendigkeit besteht, sich langsam auszudehnen, um mit umfassenden Produktangeboten und auf Basis einer breiten Kundenbasis langfristig im Markt bestehen zu können. Dieser Prozeß wird sich mit Sicherheit noch einige Jahre hinziehen, bis eine endgültige (und notwendige) Konsolidierung des Marktes stattgefunden hat. Insbesondere das Jahr 1999 wird dabei von hoher Bedeutung sein, da erfolgreichen Unternehmen durch die Schnelligkeit ihres Agierens Grundsteine für ihre langfristige Marktposition schaffen werden. Aus heutiger Sicht lassen sich folgende Tendenzen erkennen: 1. Die zum 1. 1. 99 angekündigten neuen Preistarife großer Anbieter zeigen bereits, daß der Preiskampf auf dem Festnetzmarkt in seine zweite Runde geht. Die hiermit verbundenen weiteren Margenrückgänge werden kleinere Carrier, die bisher mit einer geringen Anzahl von Point of Interconnection arbeiteten, zu erheblichen Investitionen in den Netzausbau zwingen, um bei weiter sinkenden Preisen positive Margen erwirtschaften zu können. Es wird sich bereits 1999 in Ansätzen zeigen, daß für das Festnetzgeschäft eine gewisse „kritische Masse“ benötigt wird, um mittelfristig dem Preiskampf standhalten zu können. Diese wird wie bereits 1998 im Service-Provider-Markt durch Unternehmenszusammenschlüsse bzw. -käufe aufgebaut werden. 2. Die Ausdehnung des Produktportfolios der Anbieter wird sich verstärken. Im Fokus wird dabei der Zusammenschluß von Internet- und Sprachtelefonie stehen. Da insbesondere der Aufbau von eigenen Kompetenzen in diesen Bereichen für die meisten Unternehmen zu zeitaufwendig ist und nur durch Schnelligkeit Markterfolge sichergestellt werden können, werden Akquisitionen die logische Folge sein. Darüber hinaus wird der Bereich des „Inhalteangebots“ und der Generierung von Mehrwertleistungen als Ergänzung zu den Basisdiensten ein weiterer Bereich für Zusammenschlüsse und Kooperationen sein. 3. Für das Angebot stärker kundenbezogener Leistungen anstelle der bisher angebotenen „mee too“-Standardprodukte ist der Ausbau weiterer Systeme/Plattformen notwendig. Da die Kosten hierfür sehr hoch sind, werden sich Produktionsgemeinschaften und Joint-ventures herausbilden, die alle in gleicher Weise von diesen Systemen profitieren. Insbesondere auf der City-Carrier- und Regional-Carrier-Ebene sind Gespräche hierzu bereits zwischen mehreren Unternehmen geführt worden. 4. Die Erschließung des direkten Endkundenzugangs wird darüber hinaus für viele Anbieter eine Kernstrategie zur Erzielung von Kundenbindung darstellen. Mit den im ersten Quartal 1999 durch die Regulierungsbehörde festzulegenden Preisen für den entbündelten Netzzugang wird eine Möglichkeit rechtlich abgesichert. Die zur Nutzung notwendigen Anschlüsse an die Hauptverteiler der Deutschen Telekom wird für viele Unternehmen die Kooperation mit alternativen Infrastrukturanbietern, zumeist City-Carriern, notwendig machen. Die weiteren Möglichkeiten der Erschließung des Endkundenzugangs über Point to Multipoint, bei dem die Entscheidung zur Frequenzvergabe noch aussteht, oder die Möglichkeit über Fernsehkabelnetze Telekommunikationsleistungen anzubieten, wie dies bereits in Berlin geschieht, lassen weitere Kooperationen auf technischer Ebene vermuten. Insbesondere der Verkauf des Fernsehkabelnetzes der Deutschen Telekom kann dazu führen, daß ein weiterer großer internationaler Carrier in den deutschen Markt eintritt. Aufgrund der aufgezeigten Tendenzen werden sich bereits zum Ende nächsten Jahres erste Konzentrationsprozesse auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt deutlich abzeichnen, die in zwei bis drei Jahren zu einer deutlichen Marktkonsolidierung führen werden. Die Deutsche Telekom wird dabei mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Marktanteile verlieren, weshalb sie selbst bereits angekündigt hat, sich zur Ausweitung ihrer Geschäftstätigkeit auf Unternehmensakquisitionen im Ausland zu konzentrieren.
MICHAEL SPÄTH/OLAV WILMS

Von Michael Späth/Olav Wilms
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