Informationstechnologie 07.01.2000, 17:23 Uhr

Kleine Plastikkarte mit Grips

Über 1 Mrd. intelligenter Plastikkarten mit oder ohne Prozessor – so genannte Smart-Cards – sind weltweit im Umlauf und sorgen für ein Geschäftsvolumen von insgesamt 1,2 Mrd. Dollar. In den nächsten Jahren wird der Markt weiter zulegen, die Anwendungsbereiche jedoch sollen sich deutlich verändern.

Jürgen Nehls hat eine traurige Nachricht für alle, deren Portemonnaies schon durch die Fülle von Magnetstreifenkarten und Smart-Cards überquellen: ,,Ich rechne nicht damit, dass wir bald nur noch eine Universalkarte in der Tasche haben werden“, schätzt der Geschäftsführer beim führenden Hersteller für Smart-Cards, Giesecke & Devrient in München. Eine weltweite Multifunktionskarte werde es nicht geben. Es sei kaum vorstellbar, dass hoheitliche Ausweisdaten etwa auf einer Kreditkarte gespeichert werden dürfen.
Sicher hatte der französische Journalist Roland Moreno anderes im Sinn als die Verstopfung von Brieftaschen, als er vor gut 20 Jahren die Patente zur Integration einer Prozessorschaltung in eine Plastikkarte anmeldete. Heute ist die Zahl der Anwendungen dieser Technologie in so genannten Smart-Cards unüberschaubar geworden. Elektronische Geldbörsen zur Bezahlung von Fahrpreisen, Personenkennung im Gesundheitswesen, Zugangsausweis, GSM-Identifikation, EC-Card oder die jüngste Variante in Form der kontaktlosen Chipkarte, wie etwa die Airplus-Card von Lufthansa – ein Ende der Vielfalt ist nicht abzusehen.
Die Marktforscher von Frost & Sullivan rechnen für 2004 bereits mit weltweit 4 Mrd. Plastikrechtecken, die einen Umsatz von 2,5 Mrd. Dollar generieren sollen. Die Londoner Konkurrenz von Ovum visioniert sogar 6 Mrd. intelligenter Kunststoffkärtchen zum gleichen Zeitpunkt. Smart-Cards unterscheiden sich von Magnetstreifenkarten durch einen eigenen Speicherchip und/ oder Mikroprozessor. Die wichtigsten Anbieter der Kartenchips sind Infineon, Motorola und ST Microlectronics.
Bei Smart-Cards ist ein direkter Zugriff auf die gespeicherten sensitiven Daten kaum möglich. Nur der Kartenprozessor ist mittels eines kryptischen Algorithmus“ in der Lage, auf diese Daten zuzugreifen oder sie zu verändern. Alle Transaktionen werden von der CPU auf der Karte (PC-on-a-Card) ausgeführt, nachdem an den Außenkontakten über das Lesegerät Strom angelegt wurde. Zuvor muss sich der Benutzer meist mit der PIN (Personal Identification Number) ausweisen. Der Vorteil: Alle Informationen liegen nur auf der Karte. Um Transaktionen auszuführen, ist eine sicherheitskritische Verbindung zu einer externen Datenbank nicht nötig.
Neben der intelligenten Form der Smart-Card gibt es auch reine Speicherchipkarten mit einem nichtflüchtigen Speicher, wie etwa die bekannten Telefonkarten. Von ihnen wird nur abgebucht. Sie gehören mit knapp 70 % zu den meistverbreiteten Karten. Nach Prognosen der Auguren von Frost & Sullivan werden sie ihre marktbeherrschende Stellung behalten, jedoch im Jahr 2004 nur noch knapp die Hälfte der eingesetzten Karten ausmachen. Statt dessen sollen vor allem Sicherheitsanwendungen sowie Bank- und Finanztransaktionen deutlich zunehmen.
Als fortschrittlichste Variante gilt derzeit die kontaktlose Chipkarte, wie das elektronische Ticket Airplus von Lufthansa. Sie ist für alle Anwendungen ideal, bei denen große Menschenmengen zu bewältigen sind, etwa bei Fahrausweisen oder Eintrittskarten. Der Inhaber braucht noch nicht einmal seine Brieftasche zu öffnen – es reicht, die Karte mit der eingebauten Antenne wenige Zentimeter an der Lesestation vorbeizuführen. Die Daten werden über ein moduliertes, hochfrequentes Magnetfeld übertragen.
Die notwendige Energie erhält der von Philips und Hitachi entwickelte Mifare-Prozessor induktiv über eine eingebaute kleine Spule. Vorteil: Im Gegensatz zu herkömmlichen mechanischen Systemen gibt es keine Verschleißteile mehr. Wegen der daraus resultierenden Kostenvorteile prognostizieren die internationalen Hersteller, dass der Absatz dieser Karten sich bis 2002 auf rund 200 Mio. DM verfünffacht.
Seit 1996 bewirbt Sun die lernfähige Java-Chipkarte. Laut Patrice Peyret, zuständiger Direktor bei Sun, ,,lassen sich mit der Java-Card verschiedenste Funktionen erfüllen, auch solche, die zum Ausgabezeitpunkt noch gar nicht absehbar waren, denn dank des plattformunabhängigen Java wird es möglich, neue Anwendungen nachträglich auf die Karte zu laden“. Seit Ende 1999 rüstet auch Microsoft Karten mit einer eigenen Windows-Version (Smartcard-OS) aus.
Innerhalb der jeweiligen Nutzungssegmente der Karten zeichnet sich eine Standardisierung ab. Am weitesten ist man im Bankbereich, wo heute etwa 100 Mio. Karten im Einsatz sind. Inzwischen haben sich 90 % aller Bank-Card-Aussteller de facto auf das Proton-Format verständigt, das auf dem CEPS-Standard (Common Electronic Purse Specification) basiert. Daneben existiert noch das Visa-Cash-Format.
Parallel dazu etabliert sich für das Home-Banking ein zweiter Kartenstandard. HBCI (Home Banking Computer Interface) heißt die Karte, mit der man sich am heimischen PC für Geld-Transaktionen identifizieren muss. Für Peter Keßler, Referent für Kartensysteme beim Niedersächsischen Sparkassenverband, ,,geht der Trend in den nächsten Jahren in Richtung PC-Kartenleser“.
Künftig wird wohl ein HBCI-Smart-Card -Reader (Floppy-Disk-ähnlicher Adapter) genauso zur Ausstattung des PCs zählen, wie CD-Laufwerk oder Drucker. Oder der Reader ist – ähnlich wie in Arztpraxen für die Krankenkassenkarten – in die Tastatur integriert. Der Oberpfälzer Keyboardhersteller Cherry hat bereits eine Tastatur mit HBCI-Zulassung durch eine Reihe führender Häuser für Home Banking Client Software im Sortiment. Trotz zunehmender Verbreitung in Europa, wo nach Frost & Sullivan rund zwei Drittel aller Smart-Cards im Einsatz sind, werden sie in den USA bislang kaum genutzt. Peter Keßler vermutet, dass ,,dies mit anderen Zahlungsgewohnheiten wie Schecks und Kreditkarten zusammenhängt“.
Im Zusammenhang mit Geldgeschäften ist die Sicherheit ein relevantes Thema. Für Zdenek Böhm vom Siemens-Bereich Transaction Network Applikation ,,ist die Kartensicherheit bereits heute durch intelligente Verschlüsselungsverfahren sichergestellt“. Dies sei natürlich keine 100 %ige Sicherheit. Es wäre zwar denkbar, die Verschlüsselungssysteme der Smart-Card zu durchbrechen, aber nur durch technisch aufwendige und kartenzerstörende Methoden – etwa mittels Elektronenmikroskop – ließen sich Daten oder gar die PIN aus dem Chip lesen.
,,Uns ist bisher kein erfolgreicher Manipulationsversuch mit Bankingkarten bekannt geworden“, versichert Sparkassen-Referent Keßler. Doch man will künftig ganz auf Nummer Sicher gehen: ,,Die Zukunft gehört den biometrischen Verfahren“, verkündet Christian Treinies, Sprecher von Giesecke & Devrient. Der Fingerabdruck des Inhabers wird mit dem auf der Karte abgelegten verglichen. Vorteil: Die PIN kann man dann getrost vergessen. EDGAR LANGE
Ein Ende ist nicht abzusehen: Smart-Cards – Plastikkarten mit Chips oder elektronischem Speicher – erobern immer mehr Anwendungsfelder.
Geld-on-Chip: Anwendungen wie die Geldkarte sollen den Herstellern von Smart-Cards auch in Zukunft steigende Umsätze und ein Wachstum um 20 % bescheren.
Sicherheitsanwendungen sind der Zukunftsmarkt für Smart-Cards und sollen bis 2004 Marktanteile auf Kosten der Telefonkarten hinzugewinnen.

Ein Beitrag von:

  • Edgar Lange

    Freier Fachjournalist in Düsseldorf. Schreibt vor allem über IT-Themen.

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