Die Verlockung ist groß 07.01.2000, 17:24 Uhr

Kinderleicht bestellt – aber wer bezahlt?

Per Mausklick kann im Web rund um die Uhr bestellt werden. Doch nicht jeder Kunde kann bezahlen. Konzerne können sich vor säumigen Schuldnern schützen. Gründer hingegen sind in ihrer Existenz bedroht.

Im Internet ist der Weg in die Selbständigkeit vergleichsweise kurz. Eine gute Idee vorausgesetzt, reicht ein relativ geringes Startkapital, um sich auf eigene Füße zu stellen. Größe und Finanzkraft allein sind im E-Commerce keine Garanten für den Erfolg. Die Zauberwörter lauten Geschwindigkeit und Kundenorientierung. Und doch haben Cyber-Kaufhäuser, hinter denen Konzerne stehen, einen großen Vorteil gegenüber kleinen Start-ups: Sie sind weniger abhängig von der Zahlungsmoral ihrer Kunden. „Wir haben verschiedene Methoden, um uns vor säumigen Schuldnern zu schützen“, erklärt Sabine Hauck, Pressesprecherin bei Quelle, Nürnberg. „Bei Neukunden führen wir zunächst eine Bonitätsprüfung durch. Außerdem tauschen wir Adressen von schwarzen Schafen mit anderen Versandhäusern aus.“ Und: „Die erste Bestellung ist finanziell limitiert. Man kann nicht gleich für 10 000 DM bestellen.“

Am Ende steht dem säumigen Schuldner eine Klage ins Haus

Ein ähnliches Bild bei Karstadt, Essen. „Am Anfang der Online-Kaufmöglichkeiten haben sich noch Leute den vermeintlichen Spaß gemacht, auf fremden Namen oder mit falscher Adresse zu bestellen“, erinnert sich Svea Kordt, Pressesprecherin im Bereich Neue Medien. „Das Problem hat sich aber inzwischen weitgehend erledigt. Zum einen hat die Zahl der Fälle von sich aus abgenommen, zum anderen führen wir jetzt umfangreiche Adress- und Bonitätsprüfungen durch.“ Bei Neckermann ist die Situation vergleichbar.
Sollte es dennoch einmal zu Zahlungsverzögerungen oder gar -ausfällen kommen, verschicken die Versandhäuser zunächst zwei Mahnungen. Bleiben diese ohne Erfolg, übernimmt ein beauftragtes Inkasso-Unternehmen den Fall. Von hier aus werden abermals Mahnungen verschickt. Wird die Rechnung wieder nicht beglichen, folgt eine Klage. „Wie auch immer das Verfahren am Ende ausgeht – der Kunde kauft garantiert nie wieder bei uns ein“, so Kordt. Der Name werde gespeichert.
Dank der Vorsichtsmaßnahmen im Vorfeld der Geschäftskontakte bleibt der Anteil der Problemfälle nach übereinstimmender Auskunft der Versandhäuser im „unteren, einstelligen Prozentbereich.“
Gründern hingegen fehlt es an der Möglichkeit, viel Geld in Recherchen zu investieren. Eine einzige Bonitätsauskunft kostet beispielsweise bei Creditreform für Nicht-Mitglieder 400 DM. Adressprüfungen sind sehr zeitaufwendig, nach außen gegeben ebenfalls kostspielig. Außerdem sind Gründer nicht in starke Informationsnetzwerke eingebunden. Sie haben keinen Einblick in die „roten Listen“ etablierter Kaufhäuser. Ähnlich wie viele Handwerksbetriebe sind sie durch säumige Schuldner in ihrer Existenz bedroht. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin hat unterdessen am Dienstag den Bundestag aufgefordert, den im Juni eingebrachten Gesetzentwurf zur Bekämpfung der schlechten Zahlungsmoral schnell zu verabschieden. Nach Angaben ihres Pressesprechers Hans-Hermann Lochen zielt der Vorstoß zwar im wesentlichen auf Werksverträge ab, durch geplante Modifikationen im allgemeinen Schuldrecht, etwa der Erhöhung der Verzugszinsen, wären aber auch Fälle im Online-Handel berührt.
Es gibt zwar noch keine Erhebungen über die genaue Anzahl der schwarzen Schafe unter den Online-Kunden. Experten wie Gerti Hönings, Geschäftsführerin von Bürgel Inkasso, Offenbach, oder Markus Nowak, Referent E-Commerce beim Deutschen Multimedia-Verband (DMMV) in Düsseldorf, gehen aber davon aus, dass die Zahlungsmoral im Web sich nicht von der im konventionellen Bereich unterscheidet.
Offensichtlich verführt der schnelle Klick nicht automatisch zum unüberlegten Kauf. Online-Gründer stehen also nicht einer größeren Herde schwarzer Schafe gegenüber. Im Vergleich zur Konkurrenz können sie sich aber weniger gut wehren. Hier fehlt den Entrepreneuren doch das Geld.
Nach Einschätzungen des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Köln, könnte sich die Situation für kleine Online-Händler sogar noch weiter verschlechtern. „Noch haben sie mit einer relativ kleinen Zahl Zahlungsunwilliger zu kämpfen. Wenn sich der Trend zum E-Commerce aber auf breiter Front durchsetzt, wird sich ihr Anteil aber vergrößern“, ist Pressesprecher Hubertus Pellengahr überzeugt. „Noch kaufen hauptsächlich Fachleute über das Internet ein.“
Erik Parkner, Unternehmenssprecher der Softline AG (www.softline.de), kann ebenfalls noch keinen „signifikanten Unterschied“ in der Zahlungsmoral von Offline- und Online-Kunden entdecken. Der Software-Händler in Offenburg verkauft seine Produkte seit 1997 auch über das Web und generiert damit derzeit bereits rund 10 % seines Gesamtumsatzes. Der Schwerpunkt des Softline-Geschäfts liegt allerdings im Business-to-Business-Bereich. Bei der Bezahlung haben die Kunden die Wahl zwischen Kreditkarten, dem Lastschriftverfahren und der Rechnung – letzteres gilt jedoch nur für bereits registrierte Kunden. Nach Angaben von Parkner hat Softline seinen Internet-Umsatz im dritten Quartal dieses Jahres gegenüber dem Vorjahresquartal um satte 500 % steigern können.
Noch höhere Zuwachsraten verzeichnet NetTie.de (www.nettie.de). „Wir legen monatlich um rund 100 % zu“, erklärt Geschäftsführer Martin Fischer. Allerdings auf vergleichsweise niedrigem Niveau: NetTie.de ist ein Webshop für Designer-Krawatten, exklusive Hemden, Gürtel und Uhren und kann von Millionen-Umsätzen nur träumen – zumal das Business-to-Consumer-Geschäft erst seit April 99 existiert. Der Versand erfolgt bei NetTie.de ausschließlich gegen Vorkasse (Kreditkarte, Lastschrifteinzug) oder per Nachnahme. Eine Lieferung gegen Rechnung ist nur für bekannte Kunden möglich. „Wir sind gebrannte Kinder“, sagt Fischer und berichtet von Uhren für 2500 DM, die in der Anfangszeit, als er diese Vorsichtsmaßnahmen noch nicht eingeführt hatte, nicht bezahlt worden seien. Als besonderes Problem beim Verkauf via Web sieht er „die vielen Fake-Bestellungen“.
Von relativ geringen Auftragsschnitten versucht Confaxx (www.druckertinte.de) in Hamburg zu leben. Bei dem Online-Versand für Druckerzubehör liegen sie meist zwischen 50 und 100 DM. „Die Zahlungsmoral ist schlecht“, klagt Geschäftsführer Ingo Tietgens, „10 % der Kunden zahlen grundsätzlich nicht.“ Trotzdem liefert die Firma ausschließlich mit Rechnung. Fast schon resigniert fügt Tietgens hinzu: „Es gibt keine Möglichkeit, sicher an mein Geld zu kommen – außer per Nachnahme, aber da machen die Kunden nicht mit, weil ihnen das zu teuer wird.“ Tietgens bezieht die Zahlungsausfälle in die Kalkulation ein. Wie lange er sich das leisten kann, weiß er nicht: „Im Internet ist die Konkurrenz heftig. Und alle Preise sind im freien Fall. Da stellt sich die Frage, wer das am längsten durchhält.“

Versuche zum Eintreiben von Kleinstbeträgen oft vergeblich

Für das Eintreiben von Kleinstbeträgen bis 100 DM sieht Gerti Hönings, Geschäftsführerin von Bürgel Inkasso, nur geringe Chancen. Jedenfalls im Internet-Handel. „Da sind zu viele Nachforschungen anzustellen und wenn wir den Schuldner ausfindig gemacht haben, behauptet der dann, nicht er habe die Ware bestellt, sondern sein minderjähriger Sohn.“ Im E-Commerce gebe es noch zu viele Unklarheiten und Unsicherheiten. „Wir haben das Eintreiben von Kleinstbeträgen aus Internet-Geschäften schon abgelehnt.“
Aber die Bürgel-Frau hat einen Tipp: Sie empfiehlt den Anbietern, die Seriosität der Kunden vor der Warenlieferung zu überprüfen. Das müsse nicht zwingend über eine kostenpflichtige Auskunftei geschehen. Auch ein einfaches Telefonat sei möglich. „Und ein Anruf dient ja obendrein dem Kundenservice.“ ST. ASCHE / J. THOMMES
Bestellungen im Internet gehen heute kinderleicht von der Hand. Experten befürchten: Je mehr Kunden sich am E-Commerce beteiligen, um so größer wird der Anteil voreiliger Bestellungen. Die Zahl offener Rechnungen wird steigen.

Von St. Asche/J. Thommes
Von St. Asche/J. Thommes

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