Mobilfunk 20.07.2001, 17:30 Uhr

Java macht das Handy bunter

Ausführbare Programme in Java bringen in Zukunft Spiele, geschäftliche und private Anwendungen auf das Handy und machen es individuell. Das Herunterladen im Mobilfunknetz dauert kaum länger als eine Minute.

Handy-Besitzer kennen die Situation: Das Telefon zeigt einen verpassten Anruf an – doch die angegebene Nummer sagt einem überhaupt nichts. „Kein Problem“, meint Varetis, „die haben wir gleich.“ Zwei, drei Tastendrücke, und Sekunden später tauchen Namen und Adresse des Anrufers auf dem Display auf. Java macht“s möglich.

Was die deutsche Varetis AG in Singapur auf einem Vorab-Muster des neuen Java-Handys SL 45i von Siemens zeigte, ist keine Zukunftsmusik. Denn schon bald will der Betreiber internationaler Telefon- und Adressdatenbanken mobilen Kunden in 12 europäischen Ländern diese Hilfe anbieten. Allerdings nicht in Deutschland, denn da ist die Suche nach den zu einer Telefonnummer gehörenden Adressdaten verboten. Varetis-Manager Brüntrup sieht aber gute Chancen, mit der Software wenigstens die Suche nach Hotels oder anderen Adressen und Telefonnummern zu erleichtern.

Die von Sun Microsystems entwickelte Java-Technologie dringt erst langsam in die Mobiltelefone vor. Seit Juni ist der Communicator 9210 von Nokia im Handel. Im August wird Siemens als erstes klassisches Handy sein Modell SL 45i auf den Markt bringen. Der Branchendritte spielt damit den Vorreiter.

„Nächstes Jahr wird jedes Handy Java beherrschen“, glaubt Avi Marinstrauss von der in den USA und Israel ansässigen Firma Mobilitec, die sich auf mobile Content-Workflow-Lösungen, also die Übermittlung und Abrechnung von mobil abrufbaren Inhalten, spezialisiert hat. Weil Java-Spiele nur 80 kByte bis 100 kByte groß sind und andere Anwendungen kaum mehr als 120 kByte benötigen, ist das Herunterladen der Applikationen keine aufwändige Angelegenheit, meint Marinstrauss.

„Jeder Student lernt Java, es läuft überall und auf allen Betriebssystemen“, schildert Dirk Hofmann, Global Marketing Manager Smart Devices bei Siemens, die Vorzüge der Programmiersprache. Für die Handykunden bedeutet das: „Ein Gerät mit Standardausstattung kann sehr schnell individuell spezifiziert werden“, sagt Hofmann.

In ein bis eineinhalb Minuten kann der Kunde die Programme auf sein Handy laden, die er gerne haben möchte. „Ein Netzbetreiber könnte z. B. fünf bis zehn Spiele zum freien Download anbieten“, beschreibt der Siemens-Mann eine von vielen Möglichkeiten. Zusätzlich zu diesen Consumer-bezogenen Angeboten werden Geschäftskunden ihr Handy dank Java als E-Mail-Client oder zur zur Anlagensteuerung nutzen können.

Wireless Java erleichtert auch das Herunterladen von Stadtplänen, das Ersteigern von Konzertkarten und kann selbst den Erlebniswert von Spielen auf dem winzigen Handydisplay steigern. „Es gibt bereits Spiele, bei denen die Handybeleuchtung und der Vibrationsmelder einbezogen sind“, führt Hofmann kurz vor. Bei Explosionen flackert das Licht, das Handy vibriert. Eine Spiele-Schnittstelle macht“s möglich.

Dass Java auch unerwünschte Programme wie Viren und Ausspäh-Software auf das Handy bringen kann, bestreitet Siemens-Manager Hofmann nicht. „Aber wir haben mit unserer Sandbox dafür gesorgt, dass es nur wenige Schnittstellen zur Telefonsoftware gibt“, bekräftigt Hofmann. Niemand könne auf das Adressbuch zugreifen. Ein abgestürztes Java-Programm würde nicht auch das Handybetriebssystem zum Absturz bringen.

Für Netzbetreiber, Service-Provider und Handy-Hersteller sollen Java-fähige Handys zur Geldquelle werden. „Erfahrungen aus Asien zeigen, dass mit Klingeltönen, Bitmaps und Anwendungen Geld verdient werden kann“, weiß Hofmann. Aber auch individuelle Aboservices oder die einfache Buchung eines Mietwagens ohne die langwierige Eingabe von Nutzerdaten wie in den heutigen WAP-Diensten könnten neue Umsätze generieren.

Nicht zuletzt profitieren die Telefonhersteller von Java. Spezifische Bedienoberflächen aktueller Spiele- und Serviceangebote werden erst im Laden oder beliebig vom Kunden aus dem Mobilfunknetz heruntergeladen. So entfällt das logistisch aufwändige Aufspielen der kundenspezifischen Software beim Hersteller, die Ware kann an beliebige Distributoren ausgeliefert werden. Angesichts sinkender Produktionszahlen ist das sicher kein Nachteil. FRIEDHELM WEIDELICH

Ein Beitrag von:

  • Friedhelm Weidelich

    Technikjournalist Friedhelm Weidelich schreibt seit vielen Jahren über Verkehrsinfrastruktur, Eisenbahnen und Fahrzeugbau für verschiedene überregionale Zeitungen, Online-Medien und Fachmagazine.

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