Informationstechnologie 03.08.2001, 17:30 Uhr

IT-Standort Deutschland: Land der Denker, Tüftler und Verlierer?

Schadenfreude über die Pleiten am Neuen Markt? „Unangebracht und gefährlich“, kritisiert Ulrich Dietz, Vorstandschef der GFT AG. Im folgenden Beitrag erklärt er, warum es so wichtig ist, dass Gründer auch einmal scheitern dürfen, ohne gleich mit Häme überkübelt zu werden.

Was ist eigentlich die sogenannte Neue Ökonomie? Was fasziniert die Öffentlichkeit so sehr an diesem Begriff? Nun, ich denke, dass es vor allem das explosionsartige Wachstum der Informations-, Kommunikations- und Medienbranche ist, die personifiziert von vielen Jungunternehmern seit Mitte der 90er Jahre die Medien im Bann hält. Endlich machte sich eine ganze Generation von Hochschulabsolventen auf, das Heil in der Selbständigkeit zu suchen. Firmengründungen gab es fast täglich. Nach jahrzehntelanger Abstinenz war auch endlich genügend Startkapital in Form von Venture Capital und Eigenkapital mittels Börsengang vorhanden.

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Das war sie, die Neue Ökonomie – Hilf Dir selbst, dann hilft Dir der Börsengott!

Vision und Businessplan von echten Gewinnen und fetten Bilanzen, das hatte es so schon lange nicht mehr gegeben. Das ideale Umfeld, um jungen Leuten mit guter Ausbildung, gleichgültig welcher Couleur und akademischer Herkunft ein Sprungbrett zu verschaffen. Intershop-Gründer Stephan Schambach war und ist das Paradebeispiel. Unbelastet von theoretischem Ballast baute er ein Unternehmen auf, begleitet nur von dem Mut, Neues zu wagen.

Das war einmal. Heute wird die Neue Ökonomie zu Grabe getragen. Aber nicht mit Trauergesang, nein, mit Schadenfreude und fast zynischem Jubel stürzt die Presse ihre Helden von gestern vom Sockel.

Ähnlich wie es aufstrebenden Künstlern oder unserer Fußball-Nationalmannschaft hier zu Lande geht, stimmt ein Chor von Bedenkenträgern, angefangen bei den akademischen Würdenträgern und enttäuschten Investoren, das Lied der ewigen Besserwisser an: „Das haben wir ja gewusst, dass das nicht funktioniert!“

Was mich dabei bestürzt ist, dass genau dieses Bild in der Öffentlichkeit einer neuen Generation von jungen Leuten die Botschaft vermittelt: „Lass das mal lieber sein mit dem Unternehmertum, da fällst du nur auf die Nase, das Risiko ist viel zu groß.“

Eine positive Vorbildfunktion geht hiervon nicht aus. Genau diese Vorbildfunktion müssen Unternehmer aber haben dürfen, um andere zu inspirieren, um anderen den Mut zu geben, mit ihren Innovationen und Ideen an die Öffentlichkeit zu gehen, sie dem Markt anzubieten und bei eintreffendem Erfolg auch Mal „der Held“ zu sein.

Ich halte die Lust am Probieren und Tüfteln für das wichtigste Element einer Wachstumspolitik. Man muss experimentieren dürfen – in der Naturwissenschaft wie in der Wirtschaft. Das entspricht doch unserer evolutionären Natur. Wenn man das tun darf, dann muss man aber auch scheitern dürfen. Man muss Fehler machen dürfen, um aus diesen Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen, und den nächsten Versuch besser machen zu können.

Es stimmt mich immer wieder nachdenklich wie wenig wir dieses Grundprinzip jeglichen Lernens, des Trial and Error, verinnerlicht haben. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es in Deutschland genau anders herum ist. Wehe dem, der eingefahrene Prozesse in Frage stellt, der neue Wege gehen will. Warum? Weil es den anderen ein lebenslanges Lernen und eine stetige Dynamik aufzwingt – und das ist unbequem. Wissen wir denn nicht seit Joseph Schumpeter, dem großen Volkswirt, dass wirtschaftliches Wachstum stets „kreative Zerstörung“ bedeutet?

Kreativ, weil Neues entsteht. „Zerstörung“, weil alte Strukturen zerbrechen. Wer Marktwirtschaft will, der muss dies in Kauf nehmen, ja, er muss es wollen, muss es sogar fördern.

Und genau hier unterscheidet sich Deutschland von den USA. Wir lassen weder großartig experimentieren und scheitern, noch fördern wir junge Innovatoren bei der unternehmerischen Umsetzung ihrer Ideen.

Deshalb lachen wir anscheinend so gern und schadenfreudig, wenn die so genannten Vorzeigeunternehmen am Neuen Markt ins Straucheln geraten – und blenden dabei die konjunkturellen Gründe hierfür geflissentlich aus. Dass gleichzeitig ein Konzern wie DaimlerChrysler in den USA in diesem Jahr mehr Verluste verbucht, als alle Unternehmen des Neuen Marktes zusammen, das interessiert niemanden.

Solange Theorie nicht in Verbindung mit empirischem Experiment gebracht wird, darf es uns nicht verwundern, dass ein Land, aus dem Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, Heinz Nixdorf, einer der ersten Computerpioniere und Wernher von Braun, der Erfinder der bemannten Raumfahrt, kommen, seine jungen Forscher und seine jungen Unternehmer an andere Volkswirtschaften verliert. Dort dürfen sie nämlich experimentieren und auch einmal scheitern, ohne verspottet und verhöhnt zu werden.

Wir könnten sehr wohl auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnik ein Land der Hochtechnologie sein, wenn wir denn nur wollten. Dazu müssten aber die politischen Entscheidungsträger den kausalen Zusammenhang zwischen Bildung und Leistung sowie Technologie und Wirtschaftswachstum verstehen.

Solange in unseren Bildungssystemen die Bezahlung der Lehrkörper nicht qualitätsorientiert geschieht, solange der „Unternehmer“ von den Gewerkschaften immer noch als Ausbeuter dargestellt wird, solange macht es für Leistungsträger in diesem Land einfach keinen Spaß, innovative Produkte zu entwickeln oder das Risiko beim Aufbau eines Unternehmens zu tragen.

In Deutschland gibt es heute im IT-Bereich – mit Ausnahme von Siemens und SAP – kein einziges Unternehmen mehr, das über eine weltweit führende Technologie verfügt. Das bedeutet: weder Betriebssysteme, noch Datenbanken, noch Sicherheitstechnologien kommen aus einem der technologisch führenden Länder diese Erde.

Das ist nicht gut, das ist sogar gefährlich! Und warum ist das so?

Amerikanische IT-Unternehmen liefern einen erheblichen Teil ihrer Produkte an staatliche US-amerikanische Unternehmen. Das heißt, wir erleben dort neben der massiven Forschungsförderung an den Universitäten eine quasi post-universitäre Förderung durch den Staat. Auf diese Weise sind in den letzten 20 Jahren Unternehmen, wie Oracle, Sun Microsystems oder auch Motorola und viele andere stetig und meist sehr profitabel gewachsen.

Für Deutschland bedeutet dies: Es ist schön, dass es eine Initiative D21 gibt, aber es gibt mehr zu tun, als zu diskutieren. Wir müssen hier erheblich von Seiten des Staates in die Zukunft, respektive in moderne Informationstechnologien, investieren: in die Entwicklung von digitalen Bürgerdiensten, in die Nutzung von digitalen Anwendungen bei Verwaltungen, Militär und staatlichen Organisationen. Nur durch die Nutzung, durch das Trial and Error, entstehen Innovationen.

Wir dürfen uns nicht von den vielen Miesmachern die jungen aufstrebenden Unternehmen kaputtreden lassen. Man muss den Firmen, wie Intershop, Brokat oder Pixelpark, helfen, die Krisen zu überstehen. Nicht durch Geld, sondern durch Aufträge und den Mut, diesen Firmen zu vertrauen. Produkte zu verwenden, die eben nicht die Sicherheit von zig Tausenden von Installationen aufweisen. Nur so entstehen weitere Unternehmen wie SAP. Und gerade die braucht dieses Land so dringend. ULRICH DIETZ

Ulrich Dietz

gründete 1987 die Gesellschaft für Technologietranser, St. Georgen (Schwarzwald), als Anbieter integrierter IT-Lösungen. Der Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau gehört dem Hauptvorstand des Bitkom an, des Branchenverbandes der IT- und Telekommunikationsbranche. Die GFT AG ist seit Juni 1999 am Neuen Markt notiert. Im Geschäftsjahr 2000 setzte das Unternehmen mit rund 800 Beschäftigten 86,5 Mio. Euro um. mav

Ein Beitrag von:

  • Martin Volmer

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaft, Konjunktur, Wirtschaftspolitik.

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