Internet 08.09.2000, 17:26 Uhr

IT-Revolution am Ganges

Asiens Internetboom reißt Indien aus seiner Weltabgeschiedenheit ins globale Web-Zeitalter. Zwar fallen im Zuge der phänomenalen IT-Revolution im Land des Ganges die Jahrtausende alten Kastenschranken, doch die Kluft zwischen Reich und Arm wächst.

Surrende Roller, ratternde Karren und schellende Fahrradrikschas kämpfen sich durchs wogende Menschengewühl der Altstadt Delhis. Ein immenses Gedränge, schließlich ist fast jeder sechste Erdbewohner ein Inder! Statt Bollywood-Filme flimmert in den Shops heute meist CNN. Mitten in diesem Chaos eröffnete die Stadtverwaltung nun ein blitzsauberes Cybercafe. Davon soll es in Delhi bis Ende dieses Jahres 2000 geben, was kaum genügen wird, da heute Jung und Alt surft.
Fünfzehn Kilometer südlich, aber noch immer in Delhi, promeniert der Mittelstand im exklusiven Shopping-Mekka Ansal Plaza, wo es nur Markenprodukte gibt. Da wirbt ein Spruchband „India Internet World 2000“. An Asiens größter Internet- und User-Konferenz und Messe in Delhi vom 27. bis 29. September wird die jüngste Software und Technologie ausgestellt und über die globalen Trends vom Morgen diskutiert.
„Heute kostet ein Jahr unbegrenztes Surfen 484 DM, was 1998 noch das Achtfache war!“, freut sich Santanu Chatterjee. Der 39-jährige Tropenarzt aus Kalkutta ist einer der heute über 4 Mio. indischen Surfer, die vom bitteren Preiskampf der Internet-Provider profitieren. Wie Handy und Pager gehört heute das Internet zum Lifestyle des Mittelstandes, der täglich zu Hause oder im Cybercafe um die Ecke surft und mailt.

Bretterbuden werben für E-Mail-Service und Internet

Dieses Jahr überstürzen sich die Ereignisse: Am 9. Januar debütierte Popstar Remo Fernandes mit Indiens erster MP3 zum Gratis-Download, Online-Shopping im Supermarkt Fabmart oder Delhis Großhandelsmarkt Azadpur wird alltäglicher, und ab Dezember können sogar Eisenbahnfahrten per Mausklick gebucht und bezahlt werden.
Nach Indiens Metropolen Bangalore, Chennai (Madras), Delhi, Hyderabad, Kalkutta und Mumbai (Bombay) erfasst der Internetboom nun auch die Provinzstädte. An der staubigen Hauptstraße des Eisenbahnknotenpunktes Jhansi, 414 km südlich von Delhi, wirbt eine Bretterbude ebenso für E-Mail-Service, wie das winzige Büro in der Altstadt der heiligen Gangesstadt Varanasi seine zwei Computer zum Surfen anpreist. „Mit landesweit 30 Mio. Telefonanschlüssen kann sich die Zahl der Internet- und Computer-Benutzer bis 2003 höchstens vervierfachen“, warnt Ajit Balakrishnan, Chef des populären indischen Portals Rediff. Dabei kommen auf 1000 Inder bloß fünf PCs.
„Mit Faseroptik wird das Internet boomen!“, erklärt Atul Punj, Chef von Spectranet, der seit April zwischen Delhi und der Nachbarstadt Gurgaon ein 170 km langes 34-Mbit-Faseroptiknetz betreibt. Bis 2003 will Spectranet sein Netz auf 40 weitere Städte ausdehnen und die Kapazität auf 64 Mbit erhöhen.
„Statt mit Computern wird Indien dank unserem Netz bald mit Fernsehern surfen“, verspricht Atul Punj. Ebenso stieg im Sommer das milliardenschwere indische Konglomerat Reliance ins lukrative IT-Geschäft ein und verlegt nun in Mumbai ein 1000 km langes 64-Mbit-Faseroptiknetz. Wer nicht warten mag, dem bietet iPhone seit Anfang des Jahres Surfen mit dem Handy an.
Zweifellos schürt der unaufhaltsame Siegeszug des Internets Gegensätze, da die modernste Technologie nichts mit heiligen Kühen und asketischen Fakiren gemein hat. „Wir brauchen mehr als IT“, lamentiert der schillernde Spitzenpolitiker Laloo Prasad Yadav aus dem mausarmen indischen Bundesstaat Bihar, „da der IT-Boom nun südindische Bauern zum Selbstmord treibt!“
Damit spielt er auf den Konsumrausch der neuen Medien an, der zur Überschuldung und seit kurzem auch zum Familienselbstmord führt. Seit Monaten wächst Indiens digitaler Graben zwischen der aufgeschlossenen IT-Gesellschaft und der rückständigen Bevölkerungsmasse, da weder der progressive Surfer noch der reaktionäre Reisbauer den Lifestyle des anderen versteht. „Das Internet rettet auch Leben“, beschwört Santanu Chatterjee, der sich bei schwierigen Fällen im Netz über die jüngsten Erkenntnisse der Tropenmedizin informiert und Kollegen mailt.
Längst lassen sich auch IT-Multis wie Microsoft, Oracle und IBM in Hyderabad nieder, der blühenden Hauptstadt von Andhra Pradesh, wo Chandrababu Naidu, Chefminister des Bundesstaates, nun einen IT-Technologiepark aus dem Boden stampft.
Bei westlichen Investoren ist zwar Hyderabad ein IT-Geheimtip, doch Bangalore, die Hauptstadt des Nachbarbundesstaates Karnataka, ist weiterhin Indiens Silicon Valley. Bis 2005 will Karnatakas Chefminister S.M. Krishna die Boomtown in eine grüne IT-Traumstadt verwandeln, wenn der irre Verkehr sie bis dahin nicht erwürgt hat. Trotzdem werden laufend neue Joint-Ventures gegründet und verlagern Konzerne ihre Forschungsabteilungen hierher.
Längst zieht nicht mehr der Kostenfaktor, sondern die gut ausgebildeten, Englisch sprechenden und intelligenten Arbeitskräfte große IT-Firmen an. Schließlich hat Bangalore mit 70 Fachhochschulen und elf Universitäten erstklassige Kaderschmieden, weshalb Bill Gates die Südinder die „schlauesten Menschen der Erde“ nennt.

Für Gates sind Südinder die schlauesten Menschen der Erde

Noch Anfang der 90er Jahre wurden in Bangalore deutsche Telefonbücher abgetippt und auf billige CD-Roms gespeichert. Damals kehrten auch die ersten indischen IT-Profis aus den USA in ihre Heimatstadt zurück. Ihre innovativen Start-ups transformierten Bangalore seither in Indiens führendes IT-Zentrum.
Einer der Pioniere, Azim Hasham Premji, Chef des Mischkonzerns Wipro, ist inzwischen nach Siemens Indiens zweitgrößter Softwarehersteller. Nach seinem Börsengang im Januar wurde er über Nacht sogar der reichste Inder und nach Bill Gates der zweitreichste Mann der Welt. „E-Commerce-Softwareentwicklung ist heute unser Hauptgeschäft“, verrät der weißhaarige Ingenieur. Immer mehr indische Softwareentwickler stellen auf komplexere Programmierung um, so dass der letztjährige E-Commerce-Software-Umsatz von 30,6 Mio. DM in zwei Jahren auf 4,8 Mrd. DM geschätzt wird.
Die Geschäfte blühen. Indiens IT-Industrie wächst heute jährlich um 50 %, so dass ihre Produkte schon über ein Drittel der Gesamtausfuhr Indiens und 7,5 % des Bruttoinlandprodukts ausmachen. In den letzten Monaten werden die größten indischen Softwareunternehmen durch Akquisitionen und Beteiligungen in Übersee immer globaler, bewahren aber ihre Preisvorteile und sprichwörtliche Schnelligkeit.
„Mit Weltklasseprodukten sind wir kein indisches, sondern ein globales IT-Unternehmen“, argumentiert Subroto Bagchi, Gründer des IT-Consultant Mind Tree mit Filialen in den USA, Europa und Singapur. Die Expansion ins Ausland stärkt das IT-Selbstvertrauen der Inder und rüttelt nun an der IT-Vorherrschaft der USA.
„Täglich stoßen heute zwei Start-ups zu unserer Softwareindustrie“, bestätigt Dewang Mehta, Präsident der National Association of Software Companies, der Investitionen der USA, Australien und Großbritannien in Indiens IT-Sektor bis 2003 auf mindestens 6,5 Mrd. DM schätzt. „Sicher ist das Internet in Indien eine Goldbonanza, doch lange nicht jeder IT-Start-up wird es schaffen“, warnt Hotmail-Gründer Sabeer Bhatia, „da manche Ideen zu esoterisch sind!“
IT ist auch das Reizwort der indischen Jugend, da im Internet die Jahrtausende alten Kastenschranken fallen und das große Geld winkt. „Heute sind 47 % der Bevölkerung unter 20 Jahre alt“, summiert Santanu Chaterjee, „sie entdecken jetzt mit dem Internet den Konsummarkt.“ URS MÜLLER
Populäre Sites

Portale und Sites für indische Jugend

VDI nachrichten, 8. 9. 00 – Je mehr Inder surfen, desto mehr indische Portale und noch viel mehr Web-Sites werden lanciert. Allein 1999 registrierten Inder 4,5 Mio. neue Web-Sites! Bis Ende 2003 wird sich die Zahl der indischen Internet-User auf mindestens 23 Mio. knapp versechsfachen und 49 % werden der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre angehören. Daher richten alle Portale und Web-Sites ihr Marketing auf die selbstsichere wie aufgeschlossene, aber auch materialistische Jugend aus. Im Kampf um Marktanteile hat jedes Portal mit Suchmaschine eine eigene Strategie: Rediff schwört auf schnelle Internet-Zugriffsperformance und authentische News, Entertainment-Marktführer Hungama setzt auf Benutzerfreundlichkeit und Links, das Businessportal Indiainfoline lockt mit aktuellen Börsenkursen aus aller Welt. Autoritativ thront darüber das Branchenportal Itspace, das sich an Indiens über 300 000 IT-Fachleute und die jährlich mindestens 80 000 IT-Studenten richtet. um
Entertainment-Sites:
1. http://filmfare.com,
2. http://indianmasala.com,
3. http://femina.com,
4. http://indiafm.com,
5. http://bollywood.com
IT-Sites:
1. http://Itspace.com,
2. http://cyberwaveindia.com,
Business/Finanz-Sites:
1. http://indiainfoline.com,
2. http://icici.com,
3. http://ib-net.com,
4. http://indiadomain.com
E-Commerce-Sites:
1. http://rediff.com,
3. http://trade2gain.com,
4. http://fabmart.com
(Rangliste nach einer Meinungsumfrage bei über 3000 Usern in den sechs indischen IT-Ballungszentren)

Ein Beitrag von:

  • Urs Müller

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