Informationstechnologie 14.07.2006, 19:22 Uhr

Irans dorniger Weg ins Informationszeitalter  

VDI nachrichten, Teheran, 14. 7. 06, moc – Iran – die Region zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf versetzt derzeit mit ihrer Atompolitik die ganze Welt in Unruhe. Doch das Land mit der jüngsten Bevölkerung weltweit ist auch ein Land im Aufbruch, das sich fit macht fürs Informationszeitalter – und dabei auf die Hilfe deutscher Wissenschaftler und Unternehmen setzt.

Die gewaltigen Bergflanken des Elbrusgebirges hinter dem grünen Küstenstreifen spiegeln sich im Kaspischen Meer. Hier in Nooshar, einer wohlhabenden Enklave am Wasser, kaum drei Autostunden vom Teheraner Smog entfernt, hat die iranische Zentralbank ihr Ausbildungszentrum. Frauen im dunklen Tschador, Männer in Business-Anzügen sitzen vor ihren Laptops, machen sich mit den Möglichkeiten des E-Learning vertraut, testen neue IT-Anwendungen.

Der Iran, der die Welt derzeit vor allem mit seiner Atompolitik in Atem hält, macht sich auf ins Informationszeitalter – und Fachleute aus der ganzen Welt helfen dabei. In diesem Fall sind es eine Professorin und Studenten der Fachhochschule Gelsenkirchen und IT-Spezialisten der Firma Henkel.

In Nooshar präsentieren sie Mitgliedern der Universität Teheran und Vertretern der iranischen Wirtschaft Arbeitsergebnisse eines deutsch-iranischen Entwicklungsprojekts, das sich mit den Themen Content-Management, E-Learning und Business Intelligence beschäftigt.

„Wir wollen uns ansehen“, so Hussein Haghighat vom iranischen Industry Management Institute, „wie deutsche Hochschulen mit der Industrie kooperieren. Daraus kann der Iran für seine Entwicklung lernen.“

Henkel-Manager Heiko Held sieht das ähnlich: „Wir können der iranischen Wirtschaft mit unserem Kooperationsbeispiel zeigen, wie man gemeinsam Praxisprobleme löst.“ Held und das FH-Team arbeiten seit vielen Jahren im Bereich E-Learning erfolgreich zusammen.

Doch noch gibt es im Iran ein großes Gefälle zwischen denen, die mit der modernen IT-Welt vertraut sind und denen, in deren Leben sie kaum eine Rolle spielt. Verlässt man die Zentren, kann man glücklich sein, einen Internetzugang mit 64 kbit/s zu finden.

Im Ausbildungszentrum der Zentralbank jedoch ist alles auf neuestem Stand. Auch Haghighat und seine Kollegen würden auch in einem westlichen Unternehmen nicht auffallen, mit ihren teuren Handys und den neuesten Laptops. Auch an der Universität Teheran sind die deutschen Wissenschaftler und Studenten überrascht von der modernen Infrastruktur. „Hier gibt es mehr, als wir an unserer FH haben“, so ein mitgereister Student aus Gelsenkirchen. „Vom Allerfeinsten“, bewundert er die Übertragungsgeschwindigkeiten von 100 Mbit/s.

Überall jedoch spürt man, wie sehr der Iran unter dem amerikanischen Embargo leidet: Der Export von amerikanischer Software wurde bereits 1995 vom damaligen Präsidenten Bill Clinton verboten, auch US-Hardware ist selten zu sehen. Koreanische Produkte bestimmen den Markt.

Doch auch in Sachen Software wissen sich die findigen Iraner zu helfen. Viele Varianten der verbotenen Software geistern unter dem Begriff „Stolen Source“ durch die Islamische Republik. Findige IT-Fachleute stürzen sich auf Opensource-Produkte oder Software aus fernöstlichen Regionen und arbeiten sie für ihre Bedürfnisse um.

Diese Praxis führt bisweilen zu einer etwas verzerrten Wahrnehmung der elektronischen Welt. „Iraner haben noch nicht verstanden, dass IT-Dienstleistungen und Software Geld kosten“, so Shabnam Tabatabaee. „Am liebsten haben sie Beratung zum Nulltarif“, so die leidvolle Erfahrung der Chefin des IT-Beratungsunternehmens Avajang Services.

Zugleich wächst aber auch die Erkenntnis, dass es an technischer Infrastruktur und Kenntnissen fehlt, um international mithalten zu können. Das, so Tabatabaee, „hat so etwas wie eine iranische Technik-Know-how-Sammelleidenschaft“ ausgelöst. Mittlerweile findet sich im Iran auch eine der weltweit größten Blogger-Szenen.

Dabei sucht das Land zumindest in Sachen Informationstechnologie bewusst den internationalen Anschluss: „Die vergangenen fünfundzwanzig Jahre müssen wir (Iraner) im Hinblick auf die Revolution in der Telekommunikation sehen und auf die Vernetzung und das Näherrücken der Welt, deren Einflüsse auch in der iranischen Gesellschaft spürbar sind“, so Ex-Vizepräsident der Islamischen Republik, Mohammed Ali Abtahi.

Dass die Welt näher rückt, kann man überall im Land sehen: VW, Mercedes und Renault bauen Montagehallen, in der Golfregion entstehen neue Raffinerien und moderne Containerhäfen. Zudem kommen die Botschaften aus der westlichen, glitzernden Konsumwelt via Internet oder Satellitenfernsehen in die persischen Wohnstuben.

Deutschland, dessen Exporte in den Iran sich der 4-Mrd.-€-Grenze nähern, ist größter Handelspartner des Landes. Anlagenbauer, Banken und Mobilfunkanbieter stehen – in Erwartung neuer Geschäfte – in den Startlöchern.

Diejenigen aber, die im Land sind, kennen die Probleme. Ausländische Firmen suchen oft vergebens nach qualifiziertem Führungsnachwuchs auf dem iranischen Markt.

Dennoch erwartet die Industrie „Schübe in großem Stil“ bei Liefergeschäften und Direktinvestitionen, so Karsten Keilhack, der für eine deutsche Kanzlei im Investoren-Paradies Kish arbeitet. „Wir müssen gerüstet sein, wenn der Boom beginnt.“

Doch bevor es so weit ist, muss noch einiges geschehen: Und an diesem Punkt setzt das Entwicklungsprojekt an, das das Hochschulteam zusammen mit den IT-Fachleuten von Henkel in den Iran brachte. Bei diesem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderten Projekt geht es um Technologietransfer, Anpassung elektronischer Werkzeuge und darum, den Nährboden für die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und iranischer Wirtschaft zu schaffen.

Es sei an der Zeit, sagt Bibi Seydeh Eshaghzadeh, Personalleiterin der iranischen Zentralbank, dass Unis und Betriebe „mehr kooperieren und Berührungsängste abbauen“. Auch Ali Moeini, Dekan der Uni Teheran, schwärmt in höchsten Tönen von deutschen Hochschul-Industrie-Netzwerken.

Doch die Begeisterung, solche im eigenen Land zu installieren, hält sich in Grenzen. Deshalb war es auch ein Teil des Projekts, in Deutschland bewährte Modelle vorzustellen und sie auf ihre Übertragbarkeit zu prüfen. Der iranische Konferenzteilnehmer Bahram Ebrahimi brachte es auf den Punkt: „Einerseits muss sich die iranische Bildungslandschaft gegenüber der iranischen und internationalen Wirtschaft öffnen, andererseits gilt es, unsere Kultur, in der nun mal der Islam eine gewichtige Rolle spielt, zu bewahren.“

TEJA FINKBEINER/ EDDA PULST

Edda Pulst ist Professorin für Wirtschaftsinformatik an der FH Gelsenkirchen. Ihre Arbeitsgebiete sind Anwendungen moderner IT-Werkzeuge wie Contentmanagement, Collaboration, Data-Warehouse, E-Learning, Wissensmanagement und Portale im kulturübergreifenden Einsatz.

Teja Finkbeiner ist Journalist. Er beobachtet als freier Autor die IT-Szene im In- und Ausland.

Von Teja Finkbeiner/Edda Pulst
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