Mobilfunk 02.03.2007, 19:26 Uhr

„Ich denke ausschließlich über Innovationen nach“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 2. 3. 07, rb – Friedrich Joussen, Chef von Vodafone Deutschland, ist stolz auf seine Marge von 40 %, doch er weiß auch, dass die Umsätze sinken. „Wachstum geht nur über Innovationen“, davon ist Joussen überzeugt. Grund genug, warum ihn genau dieses Thema am meisten umtreibt. Das Innovationsklima im Unternehmen, aber auch in Deutschland ist für ihn von zentraler Bedeutung.

Joussen: Die dritte Mobilfunkgeneration, sprich UMTS, wird sich dann durchgesetzt haben. Im Jahr 2010 wird die IP-Welt völlig im Mobilfunk eingezogen sein. Damit wandert die Intelligenz weg vom Netz, hinein in die Geräte. Die Handys, ihre Chips und alles, was dazugehört, werden immer mächtiger, die Anwendungsvielfalt steigt enorm. Das ist vergleichbar mit der IT-Entwicklung von 1980 bis 1990.

Wenn Sie heute ein Nokia-Handy kaufen, dann tun Sie es, weil Sie die Bedienung gut finden. Kein Mensch kauft dagegen einen Toshiba-PC, weil er sich gut bedienen lässt. Ob Nokia oder Vodafone – wir alle werden uns neue Plätze suchen müssen, wenn die Strukturen auch im Mobilfunk aufbrechen.

VDI nachrichten: Bieten Netzbetreiber wie Vodafone ihren Kunden dann nur noch den Zugang zum Netz?

Joussen: Nein, wir beherrschen sowohl das Thema Handy als auch das Thema Netz. Für einfache Bedienerführung können wir im Handy z. B. über das Portal Vodafone Live, aber auch im Netz sorgen. Schon heute wird Software, ohne dass der Kunde es merkt, auf das Handy gespielt, wenn er es anmacht. So etwas macht uns einfach besser als andere.

VDI nachrichten: Wer heute über Mobilfunk redet, spricht kaum noch über Technik, sondern mehr über Preise. Das zeigt vielleicht am prägnantesten E-Plus. Wie werden die sich in den nächsten Jahren entwickeln?

Joussen: Die Preise gehen runter.

VDI nachrichten: Die Preise sinken, die Umsätze auch – was setzen Sie dem entgegen?

Joussen: Sicher, wir werden Umsätze verlieren. Wenn Sie so groß sind wie wir und Margen von mehr als 40 % haben, dann ist das allerdings normal. Zum Vergleich: T-Mobile liegt bei rund 37 %, E-Plus bei 30 %, O2 bei 23 %. Wichtig ist Profitabilität. Wenn Sie profitabel sind, können Sie in neue Produkte investieren. Entscheidend bei einem Mobilfunkunternehmen ist, dass es eine klare Strategie hat.

VDI nachrichten: Wie sieht die bei Ihnen aus?

Joussen: Vodafone hat eine dreigeteilte Strategie. Der erste Punkt heißt: Verteidigung. Wir haben im internationalen Vergleich hohe Preise im deutschen Mobilfunk und noch relativ wenig Nutzung. Neue Anbieter können da mit Billigangeboten ziemlich schnell reingrätschen. Für uns heißt das: Minutenpreise selbst aktiv senken und die Menge der Minuten nach oben treiben.

Der zweite Punkt heißt: Kostenreduktion. Dabei müssen Sie sich ständig neu erfinden, schlau und nicht dumm sparen. Wir müssen uns verändern und das gemeinsam mit den Mitarbeitern und nicht gegen sie.

Wichtig ist, den Wechsel frühzeitig zu erkennen. Es hilft nicht à la Norbert Blüm zu sagen: „Die Rente ist sicher“ und 20 Jahre später steht man vor dem Desaster. Wenn Softwareentwicklung in Indien nur ein Drittel so viel kostet wie hierzulande, dann muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist, sie weiter in Deutschland zu entwickeln. Wir hatten keine Kostenprobleme in der IT und haben sie dennoch frühzeitig an EDS und IBM ausgegliedert.

VDI nachrichten: Frühzeitig Wechsel erkennen – das ist hierzulande sicher nicht so einfach …

Joussen: Die Deutschen sind ein Volk der Bewahrer und Genießer. Knapp 60 % der Bevölkerung wollen am liebsten nichts verändern. Darin liegt eine Gefahr. Wenn Sie wiedergewählt werden wollen, dann verhalten Sie sich wie Norbert Blüm. Ich muss nicht wiedergewählt werden. Wir machen das, was fürs Unternehmen und die Mitarbeiter richtig ist. Meine Verpflichtung ist es, frühzeitig die Weichen zu stellen und dann für Transparenz zu sorgen.

VDI nachrichten: Zurück zur Strategie: Wie lautet der dritte Punkt?

Joussen: Er heißt Wachstum und das geht nur über Innovationen. Wenn ich im Flugzeug sitze und Zeit zum Nachdenken habe, dann denke ich ausschließlich über Innovationen nach. Wie schaffe ich ein Klima, in dem Innovationen gedeihen und wie wähle ich die richtigen Innovationen aus?

VDI nachrichten: Hat Deutschland ein gutes Innovationsklima?

Joussen: Nein. Deutschland ist nicht gerade attraktiv für Menschen, die unternehmerisch tätig sein wollen. Das fängt bei den Hürden einer GmbH-Gründung an und geht bis zur mangelnden gesellschaftlichen Toleranz gegenüber Misserfolgen von Unternehmern. Also die zweite oder dritte Chance. Eine gute Innovationskultur lässt auch einen Fehler zu. Wichtig ist Mut, dass sich die Menschen etwas trauen.

VDI nachrichten: Wie hoch ist der Anteil von Vodafone Deutschland in Sachen Innovationen im Vergleich zum Gesamtkonzern?

Joussen: Hoch. Viele Innovationen kommen aus Deutschland. Wir haben allein im letzten Jahr 40 Patente angemeldet; wir motivieren Erfinder mit Anreizsystemen. Wenn bei uns jemand eine überzeugende Idee hat, bekommt er schnell ein eigenes kleines Budget.

VDI nachrichten: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob eine Innovation es wert ist, sich zu engagieren?

Joussen: Die Auswahl ist wohl das schwierigste. Bei Vodafone steckt dahinter ein richtiger Prozess. Erster Schritt: Geht das technisch überhaupt? Wir haben da auch schon Bauchlandungen erlebt. Zweiter Schritt: Geht es kommerziell? Gibt es einen Markt, eine Zahlungsbereitschaft? Der ortsgebundene Verkehrsinfodienst Passo funktionierte technisch wunderbar, aber niemand war bereit dafür zu zahlen. Und der dritte Punkt ist: Why we? Warum sollte Vodafone bzw. Deutschland das besser können als andere? Jede Innovation geht bei uns durch eine solche Prozedur. Ich bin auch im Board von Vodafone Ventures und schaue mir mehrmals im Jahr junge Unternehmer an. Vielleicht sollte man den Bergbau in Deutschland auch mal einer solchen Prozedur unterziehen …

VDI nachrichten: Und, was kommt an mobilen Innovationen auf uns zu? Sind das Dinge wie mobiles Fernsehen?

Joussen: Ja, auch. Das Thema Fernsehen auf dem Handy geht technisch, aber geht es auch markttechnisch? Wie wollen Sie in einem Markt, wo 50 und mehr Programme frei empfangbar sind, dafür Geld verlangen? Wir wollen solche Dienste und damit Glamour für unser Angebot, aber die wirklich großen Innovationen sind andere.

Eine davon ist Internet auf dem Handy. Wir sind heute nach Pageviews die Nr. 14 im deutschen Internet – hinter Ebay und Google natürlich. 400 Mio. € und 5 % unseres Umsatzes stammen schon aus Internetdiensten.

Der zweite große Wachstumsmarkt ist breitbandiger Mobilfunk. Laptops verdrängen PCs. Zur CeBIT werden wir Datenraten von 7,2 Mbit/s zeigen. Sie brauchen dann wirklich nur noch Mobilfunk. Wieso sollten Sie sich noch umständlich in drahtlose lokale Netze einbuchen? WLANs werden im öffentlichen Bereich verschwinden.

Außerdem bin ich überzeugt, dass RFID auf die Handys kommt – da haben wir einige Patente und wir arbeiten schwer bei der Standardisierung mit.

VDI nachrichten: Wie lange wird es noch die Trennung zwischen Arcor und Vodafone und damit zwischen Festnetz und Mobilfunk geben?

Joussen: Im DSL-Markt ist mit einer Marktpenetration von derzeit 37 % noch jede Menge Phantasie drin. Dort müssen in den nächsten Jahren erst mal Skaleneffekte erreicht werden und dann schauen wir weiter. Auf der Technikseite wird es dagegen schneller zu Kooperationen kommen.

VDI nachrichten: Sie haben viele Kooperationen mit Ebay, Yahoo, Microsoft u. a. angekündigt. Gleichzeitig warnt ihr oberster Chef Arun Sarin, dass die ITler den Mobilfunkern die Umsätze abgraben könnten. Wie passt das zusammen?

Joussen: Sie müssen kooperieren, denn letztlich können wir keine neue eigene Videocommunity à la Youtube aufziehen. Und, es spricht ja auch nichts gegen geteilte Umsätze. Wenn Yahoo in Großbritannien Anzeigen für Handys verkauft, dann bekommen sie davon 30 % und wir 70 %.

VDI nachrichten: Wie lassen sich im gesättigten deutschen Mobilfunkmarkt noch neue Kunden für Vodafone Deutschland gewinnen?

Joussen: Wir haben mehr als 2 Mio. Neukunden bei den Zuhause-Anschlüssen gewonnen, von denen 10 % keinen Festnetzanschluss mehr haben. Viele davon kommen aus dem Festnetz der Telekom. Hier sehe ich Potential.

VDI nachrichten: Wie sieht das mit Arbeitsplätzen bei Vodafone Deutschland aus? Suchen Sie zurzeit Mitarbeiter?

Joussen: Na klar, wir stellen nicht mehr massenhaft ein, aber gute Leute suchen wir immer. Dagegen werden einfachere Arbeiten auch outgesourct.

VDI nachrichten: Wenn ich jetzt frischgebackene Nachrichtentechnikerin wäre, warum sollte ich zu Vodafone gehen?

Joussen: Da würde ich mit unserem Markenversprechen antworten: „Make the most of now.“ Es gibt wenige Unternehmen, die so dynamisch und so herausfordernd sind. Wir sind eines der erfolgreichsten Unternehmen der letzten 20 Jahre. Es gibt kein Unternehmen, das so stark gewachsen ist wie wir. Es kann manchmal tough sein und nach acht Stunden haben Sie nicht immer Feierabend. Aber hier pocht das Leben, hier können junge Ingenieure Karriere machen.

VDI nachrichten: Also hat Mobilfunk auch noch in Deutschland eine Bedeutung und nicht nur in Indien und im Kongo, wie man nach der Mobilfunkmesse in Barcelona anfing zu glauben …

Joussen: Vittorio Colao, Europachef von Vodafone, sagt dazu immer: Alle Top-10-Internetunternehmen zusammen – solche wie Google und Ebay – haben einen geringeren Cashflow als Vodafone in Europa. Ich will damit nicht sagen, dass alles glänzend ist, aber wir müssen nicht in ein Büßergewand schlüpfen und deprimiert in der Gegend herumlaufen. REGINE BÖNSCH

Friedrich Joussen
übernahm im Oktober 2005 den Vorsitz der Geschäftsführung von Vodafone Deutschland und ist Mitglied im CEO-Council der Vodafone Group. Der Diplomingenieur für Elektrotechnik arbeitete zunächst in den USA und seit 1990 bei D2 Mannesmann. Nach der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone kam Joussen (43) zur heutigen Firma Voda- fone D2, wo er in den 90er Jahren maßgeblich den Erfolg von D2 prägte – 1997 bis 2000 als Marketing-Geschäftsführer. Von 2001 bis 2003 leitete der gebürtige Duisburger bei der Vodafone Group den Bereich „Global Product Management“. Er hält mehrere Patente und entwickelte die Twin-Card, die heute weltweit von Mobilfunkunternehmen eingesetzt wird. Er gilt als einer der Väter des Vodafone Live-Portals, über das der Mobilfunkbetreiber Internetzugang, Mobil-TV, -Musik und andere Dienste anbietet. Im November 2003 wurde er Chief Operating Officer (COO) und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung bei Vodafone Deutschland. Joussen wurde im Januar 2007 zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Vodafone-Tochter Arcor gewählt. rb

Ein Beitrag von:

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

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