Informationstechnologie 23.02.2001, 17:28 Uhr

IBM und die Frage nach der Schuld

Edwin Black hat mit „IBM und der Holocaust“ viel Staub aufgewirbelt. Der deutsche Historiker Karl Heinz Roth hält das Buch trotz wissenschaftlicher Schwächen für einen großen Fortschritt in der Aufarbeitung der NS-Wirtschaftsgeschichte.

Der Computer-Konzern IBM hat ein ernsthaftes Problem. Vor exakt zwei Wochen ging beim Bundes-Bezirksgericht des New Yorker Stadtteils Brooklyn eine Sammelklage von fünf Überlebenden des Nazi-Terrors ein. Darin heißt es, die deutsche Tochtergesellschaft von IBM, die Deutsche Hollerith Maschinen Gesellschaft (Dehomag), habe wesentlich und wissentlich mit dem Verkauf ihrer Lochkarten-Maschinen an deutsche Behörden dazu beigetragen, den Völkermord in den Konzentrationslagern zu organisieren. Es stellt sich nun die Frage, ob IBM tatsächlich wusste, dass die Hollerith-Datenverarbeitungstechnik zur Registrierung von Millionen Opfern und zur Erstellung von Deportationslisten eingesetzt wurde.
Der amerikanische Autor Edwin Black, dessen Eltern unter dem Nazi-Terror zu leiden hatten, will nun mit seinem Buch „IBM und der Holocaust“ beweisen, dass der amerikanische Konzern sehr wohl von den Gräueltaten wusste. In seinem Streben nach weltweiter Marktführerschaft habe der IBM-Konzern das Verlangen der Nationalsozialisten nach immer mehr Möglichkeiten zur Erfassung und Klassifizierung ihrer Gegner und Opfer befriedigt. Auch auf die Erkenntnisse Blacks stützt sich die Anklage von Michael Hausfeld. „Ohne IBM´s Unterstützung hätte Hitler die Juden und andere Minderheiten nicht so schnell und effektiv identifizieren, zusammen bringen, sie als Sklavenarbeiter verwenden und schließlich vernichten können“, ist sich der Anwalt sicher. Ob es darum ging, einzelne Personen zu identifizieren und zu enteignen oder darum, Züge zwischen Konzentrationslagern hin-und herfahren zu lassen – Dehomag habe die technische Lösung geboten, meint Black, und IBM zu Geschäften verholfen, die dem Mutterkonzern rund 10 Mrd. Dollar eingebracht haben sollen.
Die Verantwortlichen bei IBM behaupten indes, nur wenig über die Arbeit der Dehomag zu wissen. „Die meisten Dokumente wurden während des Krieges zerstört oder gingen verloren“, heißt es aus dem Unternehmen. Die noch existierenden Unterlagen seien Historikern zu Forschungszwecken bereit gestellt worden. Das aber bestreitet Black, der bei seinen Recherchen rund 20 000 Dokumente wälzte. Aus den Arbeitsberichten der Dehomag-Techniker ginge eindeutig hervor, dass die Mutterfirma sowohl über den Zweck der Konzentrationslager als auch über die Verwendung ihrer Maschinen informiert war.
Aus Kreisen angesehener Wissenschaftler erhält der Autor Rückendeckung. Der Bochumer Historiker Norbert Frei spricht in der Süddeutschen Zeitung von einem „seriösen Werk“. Bei allen Problemen, die die starke Konzentration auf ein eng eingegrenztes Thema mit sich brächten, bedeuteten die Erkenntnisse von Edwin Black einen großen Fortschritt, konstatiert Karl Heinz Roth gegenüber den VDI nachrichten. Gemeinsam mit Götz Aly hatte der Bremer Historiker 1984 in dem Buch „Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus“ den Daten-Missbrauch der Nazis bereits ausführlich beschrieben. „Black bietet eine ganze Reihe an neuen Informationen, die uns damals nicht zugänglich waren. Eine neue Erkenntnis ist die Akzeptanz der Dehomag-Aktivitäten durch die IBM-Leitung in den USA. Die Zentrale muss also tatsächlich über die Vorgänge in den KZ´s informiert gewesen sein. Das hat Black sehr breit recherchiert.“ Dass die Hollerith-Maschinen über das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt bis in die Konzentrationslager hinein benutzt wurden, hatten auch Aly und Roth ermittelt. „Aber wir haben es nicht so detailliert belegen können wie der Autor es jetzt getan hat. Das deckt sich auch mit Informationen, aus denen hervorgeht, dass das Bankenwesen sehr viel weiter in das KZ-System verstrickt war, als wir bislang wussten.“
Black habe sich bei seinen Ermittlungen allerdings zu sehr auf den Fall IBM konzentriert und klammere den Kontext fast gänzlich aus, bemängelt Roth. Historisch-wissenschaftlich seien die Recherchen nicht abgesichert, weil der Autor nicht vergleichend vorgegangen sei. „Der deutsche Rüstungsmarkt war ungeheuer attraktiv. Black sagt nicht, wie andere ausländische Großunternehmen sich gegenüber dem NS-Regime verhalten haben.“ Der Amerikaner habe mit seinem Buch aber wichtige Themen aufgeworfen, die zu einer Neubeurteilung der Wirtschaftsgeschichte in den 30er und 40er Jahren führen müssten. Roth: „In welchen Punkten haben die Unternehmen gegen die Interessen der eigenen Regierungen gehandelt? Wo haben sie eigene Strategien verfolgt? Bis wann haben sie eine Weltherrschaft der NS-Diktatur für möglich gehalten? Diese und andere Fragen gilt es nun zu beantworten.“ IBM entpuppe sich womöglich als nur eines von vielen Beispielen weit reichender Kooperationen, die bis hin zur Massenvernichtung führten. WOLFGANG SCHMITZ
Literatur: Edwin Black; IBM und der Holocaust; Propyläen, 2001, 700 S., 59,90 DM.
Götz Aly, Karl Heinz Roth Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus Fischer Taschenbuch Verlag, 2000, 175 S., 18,90 DM.

Von Wolfgang Schmitz
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