Im Interview 30.03.2012, 11:59 Uhr

IBM-Deutschland-Chefin: „Das ist eine einmalige Position, die wir haben“

Seit fast einem Jahr ist Martina Koederitz Geschäftsführerin der IBM Deutschland. Im Interview mit den VDI nachrichten spricht Sie über die Ausrichtung des Konzerns, Talentförderung, die Frauenquote, die Bedeutung von Hardware und Grundlagenforschung.

VDI nachrichten: Frau Koederitz, kürzlich ging durch die Presse, dass IBM im Rahmen des Programms Liquid angeblich einen Stellenabbau in Deutschland plant. Sie haben das als „spekulativ“ zurückgewiesen. Warum hat die Stellungnahme etwas gedauert?

Koederitz: Das Thema Collaboration ist nicht neu. Wir arbeiten als IBM seit Jahrzehnten daran, wie sich die Arbeitsplatzumgebungen gerade auch in unserer Industrie mit ihrem Geschäftsmodell entwickeln. Wir sind führend, wir haben 2001 den Employability Award bekommen. IBM hat ja bereits in den 80er-Jahren angefangen, Heimarbeitsplätze zu entwickeln, und wir waren das erste Unternehmen, das Shared Desk eingeführt hat. Wir sind heute ein durch und durch mobil und damit modern ausgerüstetes Unternehmen – zum Wohle unserer Mitarbeiter und unserer Kunden. Mein Team arbeitet im Vertrieb und im Service, d. h. vorwiegend vor Ort beim Kunden und dort entscheidet sich unser Erfolg. Deshalb legen wir auch weiterhin Wert darauf, neue Technologien zu erproben. So können wir die Arbeitsumgebung auch in Zukunft intelligenter, smarter und flexibler gestalten.

Sie hatten gegenüber einer Nachrichtenagentur gesagt, dass „im Moment“ kein Stellenabbau geplant sei, was heißt das?

In unserer Branche leben wir mit ständigen Veränderungen. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise im betrieblichen Umfeld kaum über iPads gesprochen. Die Aufgabenstellung in unserer Industrie ist, moderne Technologien und moderne Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen, um besser zu werden. Bei IBM verfolgen wir damit zwei Ziele: erstens, uns im Unternehmen zu vernetzen. Zweitens wollen wir die Flexibilität und Mobilität unserer Mitarbeiter unterstützen. Das erwarten die Menschen von ihrem Arbeitgeber – schon heute und mehr noch in Zukunft.

VDI nachrichten: Sie haben gesagt, Sie hätten nie gezögert, wenn sich eine Chance geboten hat. IBM hat weltweit etwa 25 % Frauen in Führungspositionen. Ist die IT-Industrie besonders geeignet für Frauen?

Es sind viel zu wenige Mädchen bzw. Frauen in den MINT-Fächern an den Schulen und Universitäten. Da fängt der Engpass schon an. Die Informations- und Kommunikationstechnik ist aber ein Innovationstreiber und Wettbewerbsfaktor. Da geht es um Fragestellungen, wie bauen wir Lösungen für den Gesundheitssektor, oder wie entwickeln wir intelligente Lösungen für die zukünftige Energieversorgung oder Mobilität? In unserer Branche lassen sich Beruf und Privatleben sehr gut integrieren, deswegen werbe ich so dafür und betone, dass erstens diese Branche wichtig ist, gerade am Standort Deutschland. Sie wird für uns ein differenzierender Faktor sein. Und zweitens, dass wir hier auch Talente brauchen, die die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven mitbringen, um die Aufgaben, die vor uns liegen, mit einem vielfältig erfahrenen Team angehen zu können.

Ist trotzdem eine Frauenquote nötig?

Talentmanagement fängt beim Einstellen von Frauen an. Deshalb konzentrieren wir uns als Unternehmen auf den gesamten Prozess, Talent frühzeitig zu identifizieren und zu entwickeln, Mitarbeiter zu binden und zu fördern. Und wir sehen Talente auch breiter. Vielfalt und Gleichstellung sind im Unternehmen nicht zuletzt durch die Internationalität kulturell verankert. Thomas Watson sen. hat bei IBM bereits 1934 Equal Pay eingeführt – lange vor einer gesetzlichen Regelung.

Versuchen Sie schon früh, Talente für die Themen zu begeistern?

Ja, wir sind an zahlreichen Universitäten aktiv und wir sind stark engagiert im Bereich Duale Hochschule. Im Rahmen unseres Firmenjubiläums im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise die Aktion „Manage your identity“ ins Leben gerufen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen an Schulen und diskutieren dort mit Schülerinnen und Schülern darüber, was es heißt, sich als Individuum in einer digitalen Welt zu bewegen. So soll auch Verständnis für die Industrie erzeugt werden. Dadurch, dass es so leicht geworden ist, Zugang zu Know-how, Wissen und Information über das Internet zu bekommen, fehlt vielen das Verständnis, wie komplex eigentlich die Welt dahinter ist. Die Nachwuchsförderung setzt übrigens mit unserem Programm „KidSmart“ auch schon im Kindergartenalter an.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so schwierig in Deutschland, Frauen für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge zu gewinnen?

Einerseits haben wir wohl bisher aus den technischen Professionen heraus nicht die richtige Ansprache formuliert und wir waren vielleicht gesellschaftlich noch nicht so weit in der Bereitschaft von Frauen, technische Berufe zu ergreifen. Wenn ich jetzt in meinen Talentpool schaue, ist es schön zu sehen, dass bei den jüngeren Führungskräften der Anteil der Frauen schon deutlich höher ist. Wir sind als Standort Deutschland sehr technisch geprägt, das zeichnet uns ja auch aus.

Deshalb ist unser Bedarf vielleicht auch höher als in anderen Märkten. In unserer Branche gibt es zwei Zugänge: Technologie und Transformation. Wenn wir die Aufgabenstellungen sehen, die im transformatorischen Bereich anliegen, kann man sich auch vorstellen, dass dort andere Qualifikationen eine Rolle spielen. Dafür brauche ich nicht unbedingt den Ingenieur oder Informatiker mit Fokus auf die Technik, sondern jemanden mit Prozess- und Business-Verständnis und auch mit Industrieexpertise. Hier liegt eine sehr gute Chance für Frauen.

Seit vielen Jahren fokussiert sich die IBM nicht mehr nur auf IT-Lösungen, sondern zunehmend auf Business-Lösungen. Welche Rolle spielt in dieser „neuen“ IBM noch das Hardwaregeschäft?

Wir sind heute tatsächlich zunehmend in den Fachabteilungen der Unternehmen zu finden. Dennoch haben wir knapp 20 % unseres Umsatzes weltweit letztes Jahr in unserer Technologiesparte gemacht. Eine digital hypervernetzte Welt braucht eine zuverlässige Infrastruktur. Und wir haben uns vorgenommen der Technologie- und Transformationspartner unserer Kunden zu sein. Dazu gehören neben Software und Services dann auch Server-, Storage- oder differenzierte Cloud-Lösungen, die wir anbieten.

Dabei leistet sich IBM auch solide Grundlagenforschung, die ja zunächst kaum mit konkreten Lösungen in Verbindung steht.

Das ist der Kern unserer Unternehmenskultur. Wir sind letztes Jahr 100 Jahre alt geworden und sind auch im 21. Jahrhundert an der Spitze der innovativen Unternehmen der Branche. Weil wir ein nachhaltiges, nach intern und extern entwickeltes, Innovationsmanagement haben und jedes Jahr 5 Mrd. $ bis 6 Mrd. $ in unsere Forschung investieren. Und das sehr breit gestreut: Materialwissenschaften, Chemie, Nanotechnologie, Supercomputing – um nur einige Beispiele zu nennen. Wir sind im 19. Jahr in Folge Patentweltmeister und haben fünf Nobelpreisträger in unseren Reihen. Viele der so entwickelten neuen Errungenschaften waren Meilensteine. Sie führten zu innovativen Produkten, die richtungweisend für die IT, aber auch für andere Bereiche waren und sind.

Haben Sie Beispiele?

Ein Beispiel ist das Projekt Battery500, eine Lithium-Luft-Batterie, die die Reichweite eines Elektroautos auf zirka 800 km erhöhen kann. Das ist ein wunderbarer interdisziplinärer Teamansatz, bei dem Forscher aus allen eben genannten Bereichen zusammengekommen sind und die Technologie für einen Prototypen erarbeitet haben. Damit würden batteriebetriebene Automobile alltagstauglich und das größte Hindernis für ihre Akzeptanz aus dem Weg geräumt. Ob wir allerdings als IBM daraus ein Produkt machen oder ob wir das in Kooperationen mit Kunden dem Markt zur Verfügung stellen, das ist eine andere Frage, die die Zukunft beantworten wird.

Ein anderes Beispiel war Watson, der spektakulär die Quizshow Jeopardy gewann, aber sicherlich noch für höhere Aufgaben geeignet ist?

Watson hat ja mehrere Elemente: Er versteht natürliche Sprache und interpretiert Begriffe in ihrem Kontext. Er kann außerdem in Echtzeit aus diesem Verständnis eine Analyse der vorhandenen Daten vornehmen und er kann schließlich eine entsprechende Hypothese und deren Wahrheits-Wahrscheinlichkeit ableiten. Das kann man dann auf komplexe Systeme, z.  B. den Straßenverkehr, anwenden. Die Forschung des Watson-Technology-Centers soll künftig z.  B. helfen, in Deutschland Staus zu vermeiden. Zum Thema Verkehrsmanagement: Da haben wir in Stockholm oder London schon positive Erfahrungen gesammelt. Für eine reife Industriegesellschaft wie die unsere ist das ja ein ganz wichtiges Thema: Wie können wir Mobilität effizienter und ressourcenschonender machen und wie kann Technologie dabei helfen?

Welche Rolle spielt das Labor in Böblingen für die IBM?

Böblingen hat auf der einen Seite nach wie vor die Mission der Prozessor-Technologieentwicklung. Zum Beispiel waren unsere Forscher und Ingenieure maßgeblich an der jüngsten Z-Prozessor-Generation beteiligt. Aber wir haben das Labor auch gestärkt im Bereich der Software- und Serviceentwicklung. Es hat eine ganz starke Mission im Bereich Linux, Web und Portale.

Primär für den deutschen Markt oder weltweit?

Es ist ein Labor im weltweiten Kontext. Natürlich versuchen wir den Standort zu nutzen, um in bestimmte Kooperationsprojekte zu gehen. Wir sind bei Industrieprojekten mit von der Partie, z. B. bei Green eMotion von der EU, wir sind auch Partner bei dem Spitzencluster E-Mobilität Südwest. Auf der anderen Seite haben wir Industrieteams und das Institute for Business Value. Das ist eine globale Organisation, in der wir Trends in der Industrie erforschen. Hier in Deutschland kulminieren drei wichtige Themenkomplexe: die Gesundheitsdiskussion, die Energiewende und alle Fragen rund um die Mobilität der Zukunft.

Sehen Sie diese Verbindung von Technologie und Anwendungen als Alleinstellungsmerkmal der IBM?

Ja, ganz gewiss. Nehmen Sie als Beispiel das City Operations Center für Rio de Janeiro. Das ist eine Lösung, die in Rio de Janeiro im Einsatz ist, um die Menschen dort vor Naturkatastrophen besser zu schützen. Dabei werden eine Fülle von Messdaten erhoben, sodass Sturmböen und starke Regenfälle 48 Stunden im Voraus präzise angezeigt werden und die Verantwortlichen bessere Entscheidungen treffen können. Solch ein Projekt zeigt: Wir haben als IBM die einzigartige Möglichkeit, neben der Technologie auch die Grundlagenforschung, die Software und die Erfahrung mit komplexen Systemen in solche Projekte einbringen zu können. Das ist schon eine einmalige Position, die wir als IBM haben.

Ein Beitrag von:

  • Claudia Burger

    Claudia Burger

    Redakteurin VDI nachrichten
    Fachthemen: Karriere, Management, Arbeitsmarkt, Bildung, Gesellschaft, Arbeitsrecht

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

    Leiter Content Management im VDI Verlag. Studierte Elektrotechnik in Duisburg und arbeitet seit seiner Schulzeit jounalistisch. Nach Volontariat und Studienabschluss Redakteur der VDI nachrichten u. a. für Mikroelektronik, Hard- und Software, digitale Medien und mehr.

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