Internet 16.09.2005, 18:40 Uhr

Hightech zwischen Eisschollen  

VDI nachrichten, Ammasivik/Grönland, 16. 9. 05 – Ende 2005 ist es für viele Inuit soweit. Dann haben fast alle Bewohner Grönlands Mobilfunk und schnelles Internet. Das Handy gibt Sicherheit beim Fischen und Jagen im rauen Klima Grönlands. Neben der traditionellen Lebensweise geht es jedoch vor allem um bessere Bildungs- und Berufschancen sowie aufkeimendes Tourismusmarketing via Internet. Auch E-Business spielt auf der weltgrößten Insel im hohen Norden eine zunehmende Rolle, da fast alles zum Leben eingeführt werden muss.

Soweit das Auge reicht, nur menschenleere Urlandschaft. Nebelschwaden ziehen über die schneebedeckten Höhenzüge in der Ferne. Ab und zu durchbricht ein Wasserfall die moos- und flechtenbedeckten Hügel Südgrönlands.

Kapitän Stefan Magnusson durchpflügt seit Stunden den glatt daliegenden Lichtenau Fjord. Immer wieder ziehen Eisberge in spektakulären Blau-Schattierungen vorbei. Nach 15 Jahren Transportschifffahrt würdigt er ihnen keinen Blick mehr. Für den 48-Jährigen sind sie nur gefährliche Hindernisse, die er schnell hinter sich lassen will.

„580 PS“, sagt Magnusson knapp. Das gibt der Motor seines neuen Schiffs „Blue Ice“ her. Hier wird nicht getrödelt, es geht um das Ankommen.

Ganz am Ende des Fjords liegt Ammasivik. Zwei Hände voll bunter Holzhäuschen schmiegen sich in eine Bergkuhle. Sie sind Heimat für 59 Einwohner. Vor zwei Jahren waren es der grönländischen Statistik nach noch 71. Auf diese Zahl stützt sich Frank Gabriel. Denn der Technikvorstand von Tele Greenland, Grönlands staatlichem Telekommunikationsunternehmen, setzt gerade den Beschluss der Selbstverwaltungs-Regierung um. Demnach bekommen „alle Dörfer ab 70 Einwohner Mobilfunk und ab 1. 12. schnelles Internet „, so Gabriel.

Nieselregen und eisiger Wind halten die drei Wannen voll Dorsch am Anleger frisch. Wo sonst nur alle zwei Wochen das Postschiff festmacht, liegt jetzt die „Søkongen“. An Bord des Schiffs ist die tonnenschwere Ausrüstung für Mobilfunk und Internet.

Allein die ungewöhnliche Ladung, macht Grant Clifford, Rollout-Chef bei Tele Greenland, und Kalervo Toivonen, Installations-Supervisor von Siemens Finnland, zum Dorfgespräch.

Wieder und wieder hieven die grönländischen Techniker mithilfe eines Krans ADSL-Equipment, GSM-Basisstation und Mobilfunkantennen auf den mitgebrachten Six-Wheel-Drive – dazu Koaxialkabel samt schwerem Stahlgehäuse, das vor extremer Kälte, Schnee und Eis schützen soll. Mit dem Gefährt geht es über Blaubeerbüsche rund 100 m hinauf zum orangefarbenen Containerhäuschen.

In Hausnummer 1328 gab es bis vor kurzem nichts als ein Bett, einen Tisch und eine Küche. Eine notdürftige Behausung für Techniker von Tele Greenland, die, per Helikopter abgesetzt, die Versorgungsader des südwestgrönländischen Kommunikationsnetzes warten: Eine 1500 km lange Richtfunkstrecke zwischen der nordwestlichen Stadt Uummannaq über die Hauptstadt Nuuk bis hin nach Nanortalik ganz im Süden.

Alle 70 km hängt wie hier in Ammasivik eine Parabolschüssel an Masten. Darüber lief bisher nur die Telefonie, weil die grönländischen Städte und Dörfer aufgrund des rauen Klimas nicht über Kupferkabel miteinander verbunden sind. Bald läuft darüber auch das schnelle Internet.

Angenehme Wärme gibt das neue GSM- und ADSL-Equipment im Containerhäuschen ab. So viel, dass für Temperaturen von -20° C bis +20° C schwere Aggregate, die den Wärmeaustausch regeln und die Technik vor Kälte und gleichzeitig Überhitzung schützen, außen angebracht wurden. „418 kbit/s“, murmelt der 36-jährige Clifford. „Das ist ok“, sagt der Elektrotechniker aus Schottland, der vor drei Jahren nach Grönland kam. Gerade testet er mit der Mess-Software auf seinem Laptop die Übertragungskapazität.

Auch Siemens-Installationschef Toivonen ist zufrieden. Routiniert legt der grönländische Techniker Kabel zur neuen GSM-Mobilfunkantenne am Richtfunkmast, um danach Software auf die Basisstation aufzuspielen. „Leute auf unser Equipment zu schulen, ist für mich was ganz Neues“, sagt der 52-jährige Finne. Alles läuft nach Plan. Nur zwei Tage braucht das Team pro Station.

Bisher hatten sie auch Glück mit dem Wetter. Kommt Sturm auf, dann wird aus einer Vier-Stunden-Überfahrt schon einmal ein Höllentrip von 16 Stunden. Kein ungefährlicher Job, das wissen alle. Deswegen ernten Clifford, Toivonen und ihre Mannschaft in den abgelegenen Dörfern für Internet und Mobilfunk besonderen Beifall.

Beides will auch Ellen Frederiksen nicht mehr missen. Die 45-jährige Direktorin der Schule von Qassiaruk, einem südgrönländischen Dorf mit 110 Einwohnern und 16 Schülern, weiß: „Die jungen Menschen brauchen die Technik, um nicht vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.“

Ihre drei Söhne spielen wie andere Jugendliche am Computer Counterstrike, simsen mit ihren Freunden und bestellen über das Internet DVDs. „Letzte Woche kam “Troja“ mit dem Postschiff“, freut sich der 17-jährige Hendrik Frederiksen.

Jeder in der fünfköpfigen Familie hat seinen eigenen PC und ein Mobiltelefon. Das ist nicht ungewöhnlich in Grönland. 41 000 der insgesamt 57 000 Bewohner haben ein Handy. „Viele bekommen ihren ersten PC zur Konfirmation“, so die Schuldirektorin.

Mit dem Internet ist die energische Inuit jedoch nicht zufrieden. „56 kbit/s online, das ist zu langsam, um einen Traktor für die Schaffarm meines Mannes zu bestellen und vorher Preisvergleiche anzustellen.“ Auch ihre Überweisungen machen die Frederiksens online, weil die Bank vier Bootsstunden entfernt ist.

Frank Gabriel rechnet fest damit, dass „40 % aller grönländischen Haushalte bis Ende des Jahres schnellen Internetzugang haben“. Weil das neue technische Übertragungsverfahren ADSL2+ weniger Strom braucht und inzwischen preisgünstiger ist als handelsübliches DSL-Equipment, hat er sich dafür entschieden. Dazu kommt, dass der 43-jährige Technikchef dann auch Fernsehen, Internet und Sprache aus einer Hand anbieten kann. Drei weitere Kanäle könnten die Grönländer dann zusätzlich zum staatlichen Fernsehen empfangen.

Auch Kapitän und Rentierfarmer Magnusson braucht die neue Technik. Neben einer isländischen, einer grönländischen Handy- und einer Satellitennummer steht auch eine Adresse für Internettelefonie auf seiner Visitenkarte. Doch die wichtigste Internetanwendung ist für ihn, für Technikchef Gabriel und viele Inuit nach wie vor die Wettervorhersage. „Der deutsche Wetterdienst ist sehr beliebt“, hört man in Grönland. NIKOLA WOHLLAIB

www.siemens.dk
www.tele.gl

Von Nikola Wohllaib
Von Nikola Wohllaib

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