Mobilfunk 13.07.2001, 17:30 Uhr

Heimlicher Start der deutschen Funktechnik

Deutschland hinkt beim digitalen Bündelfunk im Vergleich zu anderen europäischen Staaten hinterher. Dabei ist der Markt mit vier Mio. potentiellen Nutzern – mehrheitlich in betriebsinternen Netzen – durchaus attraktiv.

Die Premiere war kein Grund zum Feiern: Als Dolphin Telecom Ende Juni sein digitales Funknetz für den professionellen Mobilfunk in den Regionen Hamburg, Rhein/Main, Rhein/Ruhr und Berlin einschaltete, geschah das nahezu unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit.

Staatssekretärin Erika Romberg, Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie des Landes Berlin, hob zwar zum Netzstart in der Bundeshauptstadt die Bedeutung des digitalen kommerziellen Funknetzes als „Motor für die wirtschaftliche Entwicklung der Region Berlin-Brandenburg“ hervor. Ihr Optimismus reichte jedoch nicht, um anwesenden Vertretern aus Unternehmen und Verbänden aus dem Bereich des Professionellen Mobilfunks die Skepsis zu nehmen.

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Schließlich ist es erst einige Wochen her, dass Netzbetreiber Dolphin Telecom in Deutschland rund 460 Mitarbeiter entlassen musste. Grund dafür sind laut Geschäftsführer Herber Kaysen „Turbulenzen an der Börse, die auch anderen Unternehmen in der Branche zu schaffen machen.“

Infolge dieser weltweiten Entwicklungen im Telekommunikationsgeschäft kümmert sich die kanadische Muttergesellschaft lieber um die bereits erfolgreichen Tochtergesellschaften in England und Frankreich: Die haben bereits schon eine digitale Infrastruktur nach dem Tetra-Standard aufgebaut und können ihre Kunden lukrative Diensteangebote machen. Prominente Namen auf der Kundenliste wie die Lebensmittelkette Tesco oder das Warenhaus Woolworth unterstützen ihre Logistik mit Diensten von Dolphin. Bis Ende 2000 hatte Dolphin in England immerhin schon 50 000 Kunden, die ein weitgehend flächendeckendes Netz nutzen können.

Die Leistungsmerkmale von Tetra gehen weit über den bisherigen analogen PMR (Professional Mobile Radio) hinaus: Zusätzlich zu Funktionen wie Gruppenruf, Rufaufbau auf Knopfdruck oder auch die Kommunikation zwischen zwei Endgeräten bietet Tetra die Übertragung hochvolumiger Datenpakete mit Bewegtbildern und die Verschlüsselung sensibler Daten.

Hinzu kommen nach dem aktuellen Stand der Technik auch mobiler Internetzugang und WAP-Services. Damit können die Nutzer bestenfalls ihre gewohnten Büroanwendungen auf einem mobilen Terminal nutzen. Dass diese Funktion heute bereits mehr ist als reine Definition, demonstrierten Nokia und Dolphin Anfang April. Über ein Funkgerät hatten Anwender Zugriff auf das Yahoo WAP-Portal.

Wie bei GSM beschreibt der TetraStandard auch den nahtlosen Übergang zwischen den Netzen der Betreiber, so dass der Tetra-Nutzer im Prinzip weltweit zu erreichen sein soll. Die ITU in Genf hat auch bereits die Länderkennzahlen festgelegt: für Deutschland gilt die Tetra-Vorwahl 262 festgelegt, für Frankreich gilt die 208.

Die deutsche Dolphin ist jedoch noch Monate davon entfernt Services wie in England oder Frankreich anbieten zu können. Sie startet gerade mit einer nicht genannten Anzahl „freundlicher Nutzer“. Die Muttergesellschaft TIW will für den flächendeckenden Ausbau in Deutschland kein Geld zur Verfügung stellen, daher konzentriert sich Dolphin auf die Ballungszentren.

Zudem muss sich der Ausbau der analogen Netze auszahlen: In das von der T-Mobil übernommenen Chekker-Netz hat Dolphin rund 5 Mio. DM investiert. Ein Abschalten dieses Netzes ist auf absehbare Zeit nicht geplant, obwohl die Lizenzen für den Betrieb Ende 2005 auslaufen. Kaysen setzt auf das Verständnis des Regulierers. Das Chekker-Netz habe mit rund 14 000 Kunden ein stabile Basis, die auch bereit sei, auf digitalen Dienste umzusteigen.

Insgesamt rechnen die Experten in den nächsten zehn Jahren mit rund 4 Mio. Teilnehmern für die Tetra-Netze im deutschen Markt. Größte Gruppe sollen nach dieser Einschätzung die bisherigen Betreiber und Nutzer von industriellen Betriebsfunkanlagen sein, die bisher überwiegend auf der Basis herstellerspezifischer Systeme aufgebaut waren. Zielgruppe sind aber auch die klassischen Nutzer des analogen Betriebsfunks wie Taxi- und Busunternehmen. D. WENDELN

www.dolphin.de

Technik hinter Tetra

Europas digitaler Bündelfunk

Tetra steht für Terrestical Trunked Radio. Hinter den fünf Buchstaben verbirgt sich ein vom ETSI festgelegter europäischer Standard für Bündelfunk mit einer Datenübertragungsrate für Daten und Sprache von 28 800 bit/s. Bündelfunk, der Nachfolger vom Betriebsfunk, sendet im Bereich zwischen 410 MHz und 430 MHz. Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) senden in einem Band zwischen 380 und 400 MHz. Mehrere Funkkanäle werden dabei in einer Übertragungsstrecke zusammengefasst (Frequenz-Multiplexing) und die Übertragung kann sowohl paket- als auch leitungsvermittelt erfolgen. Im Gegensatz zum herkömmlichen Betriebsfunk werden die verfügbaren Funkkanäle von verschiedenen Kunden benutzt, ohne dass eine Mithörmöglichkeit durch Dritte besteht.

Tetrapol, die von den Franzosen unter Führung von AEG Matra entwickelte Bündelfunkvariante, hat trotz der Namensähnlichkeit mit Tetra technisch wenig zu tun. Kanalzugriffszeiten, Modulation, Systemsteuerung und anderes unterscheidet sich. Die beiden Systeme sind inkompatibel. rb

 

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