IT-Sicherheit 17.11.2000, 17:27 Uhr

Handys, die wandelnden Wanzen

Handy-Verbot in wichtigen Konferenzen, das fordern einige Experten. Schließlich können die Kommunikations-Winzlinge dank einiger technischer Features leicht zu kompletten Abhöranlagen werden. Tricks, die Wirtschaftsspione sich längst zunutze machen.

Für mehr und mehr Menschen wird der Traum von der ständigen Erreichbarkeit dank eines Handys wahr. Mit immer günstigeren Angeboten überschwemmen die Mobilfunkunternehmen den Markt. Selbst unter Kindern und Jugendlichen gilt bisweilen als „uncool“, wer nicht im Besitz eines kleinen Mobilfunkgerätes ist.
Doch könnte der Traum zum Albtraum werden, denn mit der neu gewonnen Freiheit büßen Handybesitzer einen Teil ihrer Privatsphäre ein und können leicht zum gläsernen Menschen werden. Besonders Manager und Führungskräfte in verantwortlichen Positionen laufen Gefahr, Opfer von Bespitzelung und unliebsamen Lauschangriffen zu werden.
Die größte Gefahr geht nach Angaben des Dresdner Lehrstuhlinhabers für Informations- und Kodierungstheorie, Prof. Andreas Pfitzmann, von dem Komfortmerkmal der „automatischen Rufannahme“ aus, das in vielen neuen Handymodellen integriert ist. Ist diese Funktion aktiviert, nimmt das Handy nach kurzem Klingeln den eingehenden Anruf an und schaltet das Mikrofon frei. Ursprünglich sollte das Komfortmerkmal dem Angerufenen die Entgegennahme des Anrufs z. B. während einer Autofahrt erleichtern. „Wenn es einem Böswilligen gelingt, extern das Mobiltelefon so zu programmieren, dass es sich auch ohne Klingelsignal frei schaltet, so könnte ihm das Handy als Wanze dienen, ohne dass der Handybenutzer dies bemerkt“, warnt Pfitzmann.
Doch auch das ausgeschaltete Mobiltelefon könnte seinem Besitzer zum Verhängnis werden, wie der Sicherheitsberater und Herausgeber der Zeitschrift „Datenschutz und Datensicherheit“ Dirk Fox warnt. Jedes Handy stelle aus technischer Sicht eine komplette Abhöranlage dar, die der Nutzer mit sich herumträgt. Fox: „In Fachkreisen kursieren Gerüchte, dass die nach Ausschalten im Handy verbleibende Restenergie dazu genutzt werden könne, eine Verbindung zu dem Gerät herzustellen.“
Zwar bestreiten die Herstellerfirmen dieses Gerücht, jedoch räumen sie ein, dass geringe Ströme z. B. zur Versorgung des Weckmoduls oder der internen Uhr auch nach Abschalten des Telefons im Gerät fließen. „Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt es sich, ein Handyverbot in wichtigen Konferenzen einzuführen“, fordert Fox.

Kriminelle profitieren von Schnittstellen für Strafverfolger

Prinzipiell ist das Abhören von Mobiltelefonen ebenso leicht möglich wie von Festnetzanschlüssen, bestätigen die beiden Experten. „Die Netzbetreiber müssen für so genannte Bedarfsträger – das sind die deutschen Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste – Abhörschnittstellen zur Verfügung stellen. Da wäre es doch erstaunlich, wenn ausländische Geheimdienste, Wirtschaftsspione oder Mitglieder der organisierten Kriminalität nicht ebenfalls auf die Idee kommen würden, diese Schnittstellen für sich zu nutzen“, meint Pfitzmann.
Mittels eines Imsi-Catchers, so benannt nach der temporären Identität, die Handys bei der Kommunikation mit der Basisstation aussenden, ist es außerdem möglich, bereits auf der Funkstrecke abgehende Gespräche mitzuhören. Diese rucksackgroßen Geräte geben sich gegenüber den Mobiltelefonen als Basisstation aus. Da sie ein stärkeres Signal als die regulären Sendestationen aussenden und sich in der näheren Umgebung des zu Bespitzelnden befinden, nimmt sie das Handy als Ersatzbasisstation.
Der Imsi-Catcher fängt alle Daten ab, die das Handy sendet und leitet sie, nachdem er sie auf einem Medium zwischengespeichert hat, ohne zeitliche Unterbrechung an die richtige Basisstation weiter. Hierdurch ist es für das Opfer nahezu unmöglich, eine derartige Abhörmaßnahme zu entdecken oder gar zu verhindern. Die Anschaffungskosten für Imsi-Catcher liegen im unteren fünfstelligen Bereich. „Das zahlen Wirtschaftsspione und Geheimdienste doch aus der Portokasse“, so Pfitzmann.
Auch Bewegungs- und Kommunikationsmuster können aussagekräftige Informationen über den Handybesitzer preisgeben. „Die Netzbetreiber können einzelne Mobiltelefone bis zu einer Genauigkeit von wenigen Metern lokalisieren. Zur genauen Positionsbestimmung ist es beispielsweise möglich, den Handybesitzer mittels zweier Richtantennen anzupeilen oder die Laufzeitverzögerung zwischen Sender und den verschiedenen Empfangsantennen zu bestimmen. Auch die Auswertung des Signalpegels kann zur Positionsbestimmung dienen“, erklärt der Mobilfunkexperte.
„Selbst im Standby-Modus senden die Handys regelmäßig eine kurze Kontrollnachricht ans Netz, damit dies weiß, dass das Handy noch da und empfangsbereit ist“, erklärt Pfitzmann. Anhand dieser Zuordnung zu den Sendezellen sei es technisch möglich, Bewegungsmuster zu erstellen, die in Städten bist auf wenige hundert Meter, in ländlichem Gebieten bis auf wenige Kilometer genau bestimmbar seien.
Indes beabsichtigt die US-amerikanische Fernmeldebehörde FCC, ab Oktober 2001 in den USA nur noch solche Mobiltelefone zuzulassen, in denen ein satellitengestütztes GPS-Ortungssystem (Global Positioning System) integriert ist. Hierdurch wäre eine genaue Positionsbestimmung im Falle eines Notrufs möglich. Doch jede technische Errungenschaft birgt Risiken, und so wäre es denkbar, dass auch Unbefugte die Ortskoordinaten, die das Handy in sich trägt, zu Überwachungszwecken abrufen.
Skeptisch äußert sich auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Dr. Joachim Jacob: „Der Schutz der Privatsphäre im Bereich der Telekommunikationsüberwachung ist in Deutschland gesetzlich grundsätzlich vernünftig geregelt. Nach meinen Erkenntnissen aus Kontrollen prüfen die Netzbetreiber verantwortungsvoll, dass nur berechtigte Stellen die erbetenen Daten erhalten. Ich würde mir jedoch wünschen, die Sicherheit der Übertragungsprotokolle weiter zu verbessern, so etwa durch den Einsatz von Verschlüsselungsverfahren.“
Kritik übte Jacob ebenso wie die Datenschutzbeauftragten der Länder an dem Vorhaben der Bundesregierung, die Speicherfrist für Verbindungsdaten von 80 Tagen auf ein halbes Jahr zu erhöhen. Durch die verlängerte Datenvorhaltung würden neue Risiken geschaffen. Zudem könne man nicht alle Nutzer von Telekommunikationsdiensten als potentielle Kriminelle behandeln.
Eine Gefahr der flächendeckenden Bespitzelung seitens staatlicher Stellen könne Jacob zwar ausschließen. Vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen zur Telekommunikationsüberwachung halte er es jedoch für erforderlich, dass hierzu Berichtspflichten an das Parlament festgelegt werden, „um Informationen darüber zu bekommen, inwieweit diese Eingriffe in das Telekommunikationsgeheimnis tatsächlich erforderlich waren“. JÜRGEN WAHL

Ein Beitrag von:

  • Jürgen Wahl

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