Mobilfunk 26.11.1999, 17:23 Uhr

Handys rund um die Uhr

Seit einem Jahr produziert Motorola in einem neuen Werk in Flensburg. Ein ungewöhnliches Schicht-Modell, von den Mitarbeitern gewünscht, organisiert die Arbeit neu und soll die Produktion steigern.

Die Zwölf-Stunden-Schicht sei anfangs ganz schön hart gewesen, stellt Jessica Conrad fest. „Abends bin ich todmüde und falle nur noch ins Bett“, sagt die junge Mitarbeiterin im Flensburger Handy-Werk von Motorola. Aber wie eine Kollegin, die ein paar Meter weiter am Ende der Produktionsstraße die Funktionen der Handyserie M-3188 testet, kommt sie mit dem neuen Schichtmodell gut klar. Seit Anfang November wird an zwei der zwölf Produktionsstraßen zwei Tage lang zwölf Stunden gearbeitet. Nach Abzug der Pausen sind es netto 10,58 Stunden, danach gibt es zwei freie Tage. Es folgen drei Arbeitstage und drei Ruhetage.
So geht das werktags wie am Wochenende, jeweils von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr und von 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr. Ob das Familienleben und der Kontakt zum Freundeskreis leiden? „Nein, man muss sich eben darauf einstellen“, sagt die junge Frau freundlich, neben sich den CD-Player, den sie bei der Funktionskontrolle der Handys leise einschalten darf. Das Betriebsklima scheint zu stimmen.
Auch Bent Schöning, ein gelernter Zahntechniker, der sich „in Folge der Gesundheitsreform“ erst vor kurzem bei Motorola beworben hat, fühlt sich wohl. Er prüft in einem kleinen Holzkasten die Displaybeleuchtung und testet mit geübten Handgriffen die Tasten und einzelne Funktionen des Handys. Als Hahn im Korb unter den vielen Frauen in der Produktion fühlt er sich nicht. „Jeder macht so seine Arbeit“, sagt Schöning.
Die fast 2500 Mitarbeiter des Mobiltelefonwerks, das Anfang Oktober 1998 für eine halbe Milliarde DM in Betrieb ging, haben den neuen Arbeitsrhythmus selbst bestimmt. 160 Mitarbeiter, erzählt Bent Andersen, hätten fünf Alternativen entwickelt. „In einer geheimen Abstimmung stimmten 75 % dem Sieben-Tage-Schicht-Modell zu“, erklärt der Betriebsleiter mit leicht dänischem Akzent. Bei Motorola trägt Andersen den Titel „Director of Operations and Site Manager“.
Und auch das Schichtmodell, für das die schleswig-holsteinische Landesregierung eine Sondergenehmigung erteilte, ist typisch Motorola, sagt der Manager. Die Mitarbeiter, die einen weiten Weg in das neue Werk an der Husumer Straße haben, würden die seltener gewordene Anreise zum Arbeitsplatz schätzen. Nur noch 172 Arbeitstage hat das Jahr, und davon gehen 21 Urlaubstage ab.
Andersen will mit dem neuen Modell die Mobiltelefonfertigung ankurbeln. Auf der Folie mit dem Stichwort Volumensteigerung, die in dem nüchternen Konferenzraum projiziert wird, fehlt der Maßstab für das Produktionsvolumen. „Darüber geben wir keine Auskunft“, wehrt der Betriebsleiter Nachfragen ab. Zweistellige Millionenstückzahlen sind für 2000 das Ziel, verrät die Pressemitteilung immerhin. „Von 1999 bis 2000 wollen wir die Produktion um 45 % steigern“, postuliert Andersen.
Die Produktionslinien sind in den Motorola-Werken weitgehend gleich. „Wir haben keine Wundermaschinen in Flensburg“, erklärt Andersen. Es käme darauf an, wie man die komplizierten Maschinen bediene. „Wenn ich das ordentlich mache, bekomme ich mehr heraus“, beschreibt der Werksleiter. „Wir müssen den Nachteil des deutschen Lohnniveaus ausgleichen, und das geht nur über Produktivität“, sagt Andersen. In der Produktionshalle erfährt der erstaunte Besucher aus dem selben Mund, dass der Lohnanteil nur einen sehr geringen Teil der Produktionskosten ausmache.
Mit dem steigenden Volumen soll die Fehlerrate sinken. Zur Zeit sind 7 % der Handys vor der Auslieferung noch fehlerhaft und müssen repariert und erneut getestet werden. „Das sind Kosten, die wir mit Hilfe unserer Qualitätssicherung reduzieren wollen“, sagt Andersen und zählt eine ganze Reihe von Systemen auf. 1991 erwarb das Werk, das damals an einem anderen Standort in Flensburg gerade 387 Mitarbeiter hatte, die ISO-9002-Zertifizierung. Seit 1997 wird die ISO 9000 über die konzerneigene Quality System Review gesichert, die alle zwei Jahre stattfindet. Auch die Ford-Q1-Qualitätsauszeichnung haben sich die Flensburger erarbeitet.
Eine „Six Sigma Qualitätssicherung“ soll die Mitarbeiter anspornen und führen. „Sigma kennzeichnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers ist. Je höher, um so besser“, doziert Andersen. Das Flensburger Werk bewegt sich zur Zeit bei 5,7 Sigma. „Das ist etwas besser als der Motorola-Durchschnitt“, weiß der Werksleiter.
Zuvor will Andersen aber noch eine Bemerkung zu den Warnungen der Fachpresse vor unterkühlten Handys im Winter loswerden. „Unsere Handys haben solche Probleme nicht“, behauptet Andersen. Zwischen -10 °C und +55 °C würde jedes Motorola-Telefon funktionieren. 48 Stunden lang müssen die Handys große Temperaturschocks aushalten: Alle zwei Stunden werden sie von +70 °C auf -40 °C heruntergekühlt. Auch Staub und Feuchtigkeit darf ihnen nichts anhaben.
In der viertgrößten Produktionsstätte von Motorola rollt neben dem knubbeligen Dual-Band-Modell cd 930 in Schwarz, Silber und Metallicblau auch der ganze Stolz von Motorola vom Band. Das v.3688 ist zwar nicht mehr das leichteste Handy der Welt – das neue Ericsson T28s ist leichter und stabiler -, das Klapphandy hat aber Anfang 1999 so viel Aufmerksamkeit gewonnen, dass es zu den Rennern der Fabrik gehört und nun auch silberfarbig und in Blaumetallic zu haben ist. Top-Model Jodie Kidd wirbt gerade für das Mini-Handy mit der sperrigen Produktbezeichnung, die als englisch „Vee-dot“ die Motorola-Modelle zum Aufklappen bezeichnen soll.
In den beiden Produktionsetagen wird auch das Timeport L-7089 gefertigt, das als einziges auf dem Weltmarkt in den drei Frequenzbändern 900 MHz, 1800 MHz und 1900 MHz funkt. Die letzte Frequenz ist vor allem in den USA verbreitet. Von der WAP-Version ist noch nichts zu sehen. „Warten auf Produkte“ also auch hier. Erst im Dezember wird die Produktion der so genannten Internet-Handys, die keine sind, anlaufen.
Die Produktionslinien im Werk am Sophienhof beeindrucken wenig. Nachdem jeweils vier Platinen, denen man die ovale Form der cd930-Modelle schon ansieht, per Siebdruck mit einer Lötpaste versehen wurden, setzen Bestückungsautomaten blitzschnell winzige Bauelemente, vom Widerstand bis zum Abschirmblech, auf die Platinen. 20 000 Teile kann die Fuji-Maschine pro Stunde plazieren. 56,13 Sekunden dauert der Zyklus am Anfang der Produktionsstraße. Dazwischen wird automatisch geprüft, noch einmal bestückt. Dann laufen die Platinen vereint durch das Lötbad, um anschließend erneut geprüft und aus der Trägerplatte gesägt zu werden.
96 % der 465 Handys sind okay, zeigt eine Tafel über den Köpfen der Mitarbeiter an, die hier ihre Produktionszahlen pro Schicht, Zielmenge und Fehlerquote erfahren. Immer wieder wird von Hand eingegriffen, wenn ein Greifer die beidseitig bestückte Platine falsch herum auf die schmalen Gummibänder der Produktionslinie gelegt haben.
Bevor die Telefone ihr Kunststoffgehäuse bekommen, wird die Software in die Chips übertragen. Sind die Handys von den Kontrolleuren am Ende des Bandes auf Herz und Nieren geprüft, wandern sie in Plastikbeuteln in Kisten, die dann zu den Kollegen in der Versandabteilung transportiert werden. Nach dem Verpacken werden sie an Fachhändler und Mobilfunknetzbetreiber in ganz Europa, Russland, Indien, Korea, Neuseeland und Südafrika versandt.
Abseits der lauten Produktionshallen mit ihren lärmenden Bestückungsmaschinen ist es ruhig. In dem freundlichen Neubau mit den modisch-blauen Schränken für die weißen Kittel der Mitarbeiter ist der Werkskindergarten am frühen Nachmittag für Besucher tabu – die Kinder schlafen gerade. Während sich einige hundert Mitarbeiter in der weitläufigen Cafeteria über das Mittagessen hermachen, hat ein Motorola-Mitarbeiter im Fitnesscenter die Trainerin ganz für sich. Nina Sönnichsen ist eine von fünf Physiotherapeuten, die in den Diensten eines Subunternehmers stehen, der das Fitnesscenter betreibt. Hier tobt auch mal die Kindergruppe. Aerobic und Rückenschule bekommen die 230 Mitglieder für den monatlichen Clubbeitrag von 30 DM. „Für den Betrieb ist die neue Schichtregelung gut“, sagt Frau Sönnichsen diplomatisch. Nach der langen Schicht ist der Wunsch nach Sport aber nicht mehr so groß. Und nur wenige wollen in der Freizeit in die Firma kommen – auch nicht zum Fitnesstraining. FRIEDHELM WEIDELICH
Arbeitsplätze in der Region: Im Werk, bei Partnern und Lieferanten sind rund 3700 Mitarbeiter beschäftigt. Winzige Handys aus Flensburg: Auch das v.3688, der Stolz von Motorola, läuft hier vom Band.
Genau hingeschaut: Nicht Wundermaschinen, sondern Qualitätssicherung reduziert Kosten. Fitnesscenter mit wenig Zulauf: Nach der langen Schicht ist die Lust auf Sport nicht mehr so groß. Produktivität zählt: Davon ist Betriebsleiter Bent Andersen (r) überzeugt. „Wir müssen den Nachteil des deutschen Lohnniveaus ausgleichen.“
Drei Arbeitstage, drei Ruhetage: „Man gewöhnt sich dran“, berichtet Mitarbeiterin Jessica Conrad.

Von Friedhelm Weidelich
Von Friedhelm Weidelich

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