Mobilfunk 31.03.2000, 17:24 Uhr

Handy-Welten aus Westfalen

Bekannte Technologien in innovative Produkte verwandeln – das ist der Job der Ingenieure beim Mobilfunkspezialisten THB. Gut versteckt entwerfen die Tüftler Handy-Zubehör und Freisprechanlagen.

Ein dezentes Schildchen mit den Buchstaben „THB“ und ein paar Überwachungskameras machen das strahlend weiß gestrichene Gebäude geheimnisvoll. Doch im Innern wird der Unternehmenszweck schnell klar: Es geht um Mobilfunk.
Wie ein Museumsstück wirkt der legendäre Motorola-Knochen, der in einer Vitrine die Vergangenheit von THB dokumentiert. Denn schon 1987 startete das Unternehmen in Löhne/Westfalen mit dem Handel von Zubehör für das analoge C-Netz. Das große, unförmige Motorola-Handy der ersten Generation funkte bereits digital und begründete den späteren Mobilfunkboom.
Die nächsten Generationen der mobilen Taschentelefone füllen einige Meter weiter einen Schrank. Etwa 100 populäre Handys aus den letzten vier bis fünf Jahren, vom 300 g schweren Siemens S3 bis zu den winzigen 80-g-Modellen von Motorola, sind der Kern des firmeneigenen Testzentrums. Vor dem Schrank stehen drei auf Säulen montierte Freisprecheinrichtungen. „Wir kennen praktisch alle Handys auf dem Markt in- und auswendig“, sagt Marketingleiter Markus Gersten stolz. „Wenn ein Kunde Probleme mit seiner Anlage hat, können wir die mit dem entsprechenden Handy nachvollziehen und eine Lösung finden.“
Oft ist das nicht notwendig, denn Nick Burrows, der Mann an der Hotline am anderen Ende des Raums, scheint neben den THB-Produkten auch das Innenleben der Handys bis ins Detail zu kennen. Bei ihm klingelt unablässig das Telefon, und für harte Einsätze liegt ein Kopfhörer mit Mikrofon bereit. Der Engländer bleibt auch dann noch höflich, wenn er dem Anrufer zum dritten Mal den selben Rat erteilt: „Sie müssen zuerst die Einheit auf der Grundplatte montieren“, sagt Burrows mit einer Engelsgeduld. Der Techniker einer Fachwerkstatt am anderen Ende der Telefonleitung braucht eine Weile, bis die Elektronikbox angebracht ist. Freude kommt auf: „Jetzt funktioniert“s“, wiederholt Burrows, verabschiedet sich freundlich und legt auf. Dann schlägt er die Hände vors Gesicht und fällt neben seinem Stuhl auf die Knie. „Wenn manche bloß die Montageanleitung lesen würden!“, bricht es aus Burrows heraus, und mit hilflosem Lächeln fügt er hinzu: „Das ist bestimmt nicht die erste Anlage, die der montiert hat.“ Fachhändler, Kunden und Monteure wählen die Hotline des Mittelständlers, um Rat zu suchen, so Burrows. Da klingelt schon wieder das Telefon. Problem: die Empfindlichkeit des Mikrofons in den Handys eines Münchener Herstellers. Das wurde von den Skandinaviern offenbar besser schon gelöst, die Nokias und Ericssons passen die Geräuschempfindlichkeit an die Umgebungslautstärke an. „Wir haben schon mit Siemens gesprochen, die arbeiten daran“, erfährt der Anrufer. Nicht gelesene Bedienungsanleitungen, Probleme beim Anschluss von Kabeln und Antennen, unausgereifte Handys ohne Antennenanschluss und Abstimmungsprobleme sind die Themen für die Hotline, bei der das Telefon nie still steht. „Die Kunden des Marktführers sollen zufrieden sein“, beschreibt Marketing-Mann Gersten das Ziel. Taucht bei der Hotline fünf Mal dasselbe Problem auf, gibt der PC, in den alle Fragen eingegeben werden, eine Alarmmeldung aus. So entdecken die THB-Leute auch Softwarefehler und Änderungen bei Handys, über die die Hersteller gewöhnlich kein Wort verlieren. Das Unternehmen sieht sich als Primus im Freisprechmarkt vor dem aufstrebenden Funkwerk Dabendorf und Peiker.
THB Germany, so der Markenname der Dipl.-Ing. Henryk Bury GmbH & Co. KG auf Visitenkarten und Prospekten, beschäftigt sich noch nicht lange mit dem Zubehör, das auch in Deutschland zur Pflichtausrüstung für telefonierende Autofahrer werden soll. „1995 zeigten wir auf der CeBIT die erste Freisprecheinrichtung“, erzählt Gersten aus der Firmengeschichte. 1998 waren bereits eine halbe Million dieser Anlagen, die aus Elektronik, Mikrofon und Lautsprecher bestehen, ausgeliefert.
1999 setzte THB nach eigenen Angaben 75 Mio. DM um. Von den 800 Mitarbeitern europaweit arbeiten knapp 80 in dem ehemaligen Eiskeller in Löhne, der so gut abgeschirmt ist, dass Füllsender im Haus die Mobilfunknetze verstärken müssen. Im Dachgeschoss tüfteln fast 30 Techniker an neuen Produkten. PCs, Lötkolben, Kabel, Handys, Elektronikplatinen, Plastikgehäuse und auch mal ein Autoradio bestimmen das Bild. Woran und für wen gearbeitet wird, ist nicht zu erkennen, und auch Holger Schindler, Key Account Manager OEM, lässt sich nicht viel entlocken. Die Namen von Autoherstellern und Zubehöranbietern sind bei dem Original Equipment Manufacturer – so das Kürzel OEM – für Außenstehende tabu. „Natürlich müssen wir auf alle Hardware-Änderungen bei Handys reagieren“, erklärt Markus Gersten. Doch für die Techniker sind das Routinearbeiten, die immer weniger den Arbeitstag bestimmen.
Ein wenig lässt sich Schindler in die Karten schauen: „Es wird immer mehr Add-ons zu Freisprecheinrichtungen geben, etwa eine Routenbeschreibung, die als Sprache gespeichert wird.“ Dann ruft man die Verkehrsinfodienste Passo oder Tegaron an, nennt sein Ziel und bekommt per Sprachausgabe eine Wegbeschreibung, die auch Staus und Baustellen so gut wie möglich umgeht. Die Freisprecheinrichtung speichert den Text und macht ihn auf Knopfdruck abrufbar. „Eine sehr einfache Lösung“, gibt Schindler zu, „und dazu auch eine sehr preiswerte.“ Wenn mehr Technik ins Spiel kommt und Schnittstellen berücksichtigt werden sollen, die mehr Komfort bringen, sei das immer eine Preisfrage.
Beim genaueren Blick durch die Laborscheiben wird aber doch noch ein offenes Geheimnis sichtbar. Autoradios, kleine CD-Rom-Laufwerke und Displays auf dem Labortisch signalisieren, dass hier an einem Navigationssystem gearbeitet wird. Die Kamera darf zum Laborbesuch nicht mit, doch so heikel ist der Einblick in das Innenleben der Firma auch nicht. „Wir haben auf der CeBIT angekündigt, dass wir am Jahresende ein Navigationssystem vorstellen werden“, erklärt Gersten. Ein Me-Too-Produkt? Nein, sagt Manager Holger Schindler: „Unser Prinzip heißt Kiss – keep it stupid and simple.“
Erfolgsmodell von THB ist die Freisprecheinrichtung Voice Dial. „Die ist gut zu bedienen, und das ist im Auto wichtig“, sagt Schindler. Zahlen und Kommandos erfasst die Anlage sprecherunabhängig. Nur Namen müssen vom jeweiligen Telefonbenutzer individuell aufgesprochen werden. Das Sprachmuster wird dann analysiert und abgespeichert. „Nur so kommt auch ein kleiner Rechner damit klar“, erklärt Schindler.
THB betreibt keine Grundlagenforschung. „Wir setzen nur bekannte Technologien innovativ in Produkte um“, sagt der Ingenieur bescheiden. Dazu gehört auch eine Anlage, die im VW-Bus die Verständigung während der Fahrt erleichtert. Die Stimme des Fahrers ist dann, von Nebengeräuschen per Software befreit, klar in den Lautsprechern des Fahrzeugs zu hören. Bald soll die Caravelle damit ausgerüstet werden, kündigt VW an. „Die Zukunft gehört der Telematik“, erwartet Schindler. In zwei bis drei Jahren werden Navigationssysteme und andere Hilfsmittel für den Autofahrer das Geschäft bestimmen.
Doch was wird passieren, wenn Freisprecheinrichtungen, wie vom Verkehrsminister angekündigt, in Deutschland vorgeschrieben werden? Edgar Venhofen bleibt gelassen: „Gar nichts“, erklärt der Verkaufsleiter dem verdutzten Besucher. „Erst mal werden die kaufen, die schon lange eine Freisprecheinrichtung haben wollten, aber das Geld dafür noch nicht investiert haben“, so Venhofen. In Österreich sei die Vorschrift schon wieder aufgehoben worden, weil sie nicht dem EU-Recht entsprach, weiß der lebhafte Chef-Verkäufer, deshalb werde die Bundesregierung sehr vorsichtig sein. Ob nun der Endkunde oder der Fachhandel einen Boom entfachen würde? Venhofen will sich da nicht festlegen: „In Italien ist eine Freisprecheinrichtung schon seit Jahren vorgeschrieben, aber nur ein Promille der Autofahrer hat eine.“ Auch in Deutschland gäbe es bisher keine erhöhte Nachfrage. Etwa 3000 Einrichtungen laufen bei THB täglich vom Band, doch auch 5000 pro Tag ließen sich spielend fertigen. Um das Geschäft braucht sich THB kaum Sorgen zu machen, denn die Telematik verspricht Wachstumsmärkte, die in ein paar Jahren boomen. 30 % des Umsatzes gehen schon jetzt in den Export. Ganz Europa, USA, Ozeanien und Südafrika, zählt Sales Director Venhofen auf. Besonders gut laufe das Geschäft in Norwegen, wo seit Mitte März Freisprecheinrichtungen vorgeschrieben seien. Die hohe Mobilfunkpenetration und eine andere Mentalität als in Italien treiben dort das Nachrüstungsgeschäft an. „Da knallt es richtig“, freut sich Venhofen. FRIEDHELM WEIDELICH
Freisprechen im Auto: Das Angebot des Marktführers für Handy-Zubehör, der westfälischen THB, reicht vom einfachen Ohrklipp bis hin zu …
… fest im Auto integrierten Anlagen. Bei kommendem Handy-Verbot will das Verkehrsministerium große Freiheit für technische Lösungen lassen.
Ein Schrank voller Handys gehört zum Imperium von Nick Burrows, der für Kundenanfragen zuständig ist.
Neue Automodelle? OEM-Manager Holger Schindler kennt viele von ihnen, denn die Freisprechanlagen werden oft auf dem Werkgelände montiert. Die erste stellte THB schon 1995 vor, weiß Marketingleiter Markus Gersten.

Handy-Verbot

Minister für technische Freiheit

VDI nachrichten, 31. 3. 00 – Eine Verordnung, die das Handy-Telefonieren am Steuer verbietet, soll noch in diesem Jahr kommen. Das erklärte Verkehrsminister Reinhard Klimmt gegenüber den VDI nachrichten. Was zunächst für Anfang des Jahres geplant, dann gen Sommer verschoben wurde, scheint zumindest noch 2000 auf Autofahrer zuzukommen. Dann darf nur noch mit einer Freisprechanlage im Auto telefoniert werden. Die Anlagen allerdings können grundverschieden aussehen sie reichen vom einfachen Knopf am Ohr bis hin zu Hightech-Varianten mit Sprachein- und -ausgabe. Dazu Klimmt: „Ich möchte eine möglichst große Freiheit für technische Lösungen bieten.“ Die Verkehrssicherheit müsse gewährleistet sein, so der Minister, und: „Am besten ist es natürlich, nicht zu telefonieren, wenn man selber fährt. Wer sich beobachtet, weiß doch, dass die Reaktionsmöglichkeiten durch das Telefon beeinträchtigt werden.“ rb

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