UMTS macht''s möglich 05.10.2001, 17:31 Uhr

Handy für Gehörlose

Wenn einmal die Übertragung von Gebärden durch moderne Bildverar­bei­tung funktioniert, werden Gehörlose endlich auch mobil telefonieren können.

Wie telefonieren Gehörlose? Mit einem Handy, das Sprache in Form von Gebärden transportiert. An diesem Projekt mit dem Namen „WISDOM“ arbeitet neben der RWTH Aachen und der Universität Bristol insgesamt zehn Partner, unter anderem das britische Telekommunikationsunternehmen Vodafone und die spanische Ericsson-Tochter. Die Europäische Gemeinschaft stellte dafür 6 Mio. Euro bereit.

Der Gehörlose erhält ein Terminal mit kleinem Bildschirm, integrierter Kamera und Bluetooth-Schnittstelle. Die Verbindung zum Mobilfunknetz wird über ein Standard-UMTS-Handy aufgebaut. Die neue Mobilfunktechnik vermag die Datenmengen eines Videogesprächs zu bewältigen, damit eine mobile Kommunikation zwischen Gehörlosen in Gebärdensprache möglich ist. Geplant ist zudem ein Dolmetscherservice, der eine Nachricht in gesprochener Sprache an einen Empfänger weiterleitet oder den Gehörlosen bei Arzt- oder Behördenbesuchen online unterstützt. Dafür verfügt das Wisdom-Terminal auch über eingebaute Lautsprecher und ein Mikrofon.

In Deutschland ist die Gebärdensprache nicht offiziell als Sprache anerkannt. Auch gibt es, vergleichbar mit Dialekten, regionale Unterschiede. Für die Aachener Informatiker heißt dies Grundlagenforschung im Bereich Merkmalerkennung. Denn sie können nicht wie bei der Spracherkennung auf bestehende statistische Sprachmodelle oder Phonem-Abfolgen zurückgreifen.

„Über das Stadium der farbigen Handschuhe sind wir längst hinaus“, so Dipl.-Inform. Britta Bauer, vom Lehrstuhl für Technische Informatik der RWTH Aachen. Sie unterstützen das System anfangs, um einzelne Fingerstellungen zu identifizieren.

So geht bei der Gebärde für das Verb „trinken“ die rechte Hand zum Mund, „Bier trinken“ ist die selbe Geste – jedoch mit abgespreiztem kleinen Finger. Mittlerweile reagiert das System sehr differenziert auf hautfarbene Bereiche. Wichtig sei die Verknüpfung mit der Bewegung, damit das System nicht an einer rosa Tapete oder einem Porträtbild hängen bleibe.

Zur Initialisierung des Testsystems stellt sich der Nutzer frontal zur Kamera und hält beide Handflächen in Schulterhöhe. Dadurch richtet das System die Hände auch dann richtig zu, wenn sie sich im Bild überschneiden oder die rechte Hand in die linke Bildseite reicht. Zudem wird aus dem Verhältnis von Gesicht, Schulter und Handposition ein Merkmalsvektor bestimmt, der die eingegebene Gebärdenfolge mit trainierten Modellen vergleicht und das ähnlichste anbietet.

„Das System soll möglichst resistent gegenüber Störquellen werden“, berichtet Bauer über aktuelle Entwicklungsarbeiten. Mit Hilfe eines „Tracking-Systems“ werden Hände und Gesicht des Gebärdenden im Video verfolgt.

Ende 2003 soll der erste Prototyp vorgestellt werden. Eine Entwicklung, auf die sich sicherlich nicht nur Gehörlose freuen. CHRISTIANE RADWAN/ber

Von Christiane Radwan/Bettina Reckter
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