Web 2.0 22.05.2009, 19:41 Uhr

„Gezwitscher“ hinterm Werkstor schafft gläserne Unternehmen  

Mike Massimo, der Astronaut im Space Shuttle, tut es, Schaupieler Ashton Kutcher tut es, Firmen tun es, Privatpersonen tun es: Sie twittern und lassen andere an ihrem mehr oder minder aufregenden Alltagsleben teilhaben. In Netzwerken oder auf Websites wird über den Arbeitgeber gelästert oder es dringen Interna nach draußen. Das kann gefährlich werden. VDI nachrichten, Bonn, 22. 5. 09, cha

„Coolstes Praktikum aller Zeiten! FBI durchsucht gerade die Büros von Siemens Medical Solutions.“ Diese Zeilen waren am Nachmittag des 22. April 2009 im Internet zu lesen. Verfasst hatte sie eine junge Frau auf ihrer persönlichen Seite bei Twitter. Gut eine halbe Stunde später bestätigten die ersten US-Nachrichtenagenturen die Story von der Durchsuchung: Der Medizingerätehersteller stehe in Verdacht, bei der Bewerbung um einen großen öffentlichen Auftrag getrickst zu haben, hieß es. Bis zu einer offiziellen Stellungnahme von Siemens verging fast ein Tag.

Fälle wie dieser häufen sich: Unternehmensnachrichten nehmen nicht mehr den offiziellen Weg über Pressestellen und PR-Agenturen, sondern sickern direkt aus der Belegschaft nach außen – über Twitter (s. Kasten) oder andere Online-Kanäle. Längst sitzen in jedem großen Unternehmen Angestellte, die twittern, bloggen oder sich in soziale Netzwerke wie Facebook einklinken. Sie nutzen diese Medien, um aus ihrem Alltag zu berichten – und ganz nebenher auch über ihre Firmen. „So etwas wie ¿verschlossene Türen¿ gibt es nicht mehr“, resümiert Torsten Schwarz, ein Experte für Online-Vermarktung. Seine Prognose: Künftig wird jedes Unternehmen durchsichtig. Was immer es tut, gelangt über das Mitmach-Netz binnen Minuten an die Öffentlichkeit.

Wie durchlässig die Mauern der Unternehmen sind, zeigt Twitter. Wer in die Suchmaschine des Dienstes einen Firmennamen eingibt, wird schnell fündig. Zwischen lockerem Gezwitscher wie „Chef nicht da, habe mir seinen Parkplatz geschnappt“ finden sich auch Interna und Gerüchte. Dass es die Angestellten mit der Vertraulichkeit nicht so genau nehmen, liegt an der Anonymität des Dienstes. Derzeit kann sich jeder mit einer E-Mail-Adresse bei Twitter anmelden – auch unter Pseudonym. Die Folge ist ein mitunter bizarres Versteckspiel: So verfolgten Tausende von Twitterern den Nachrichtenstrom des Nutzers „CNN“ – nicht wissend, dass sich dahinter keineswegs der Fernsehkanal verbarg, sondern eine unbekannte Privatperson.

Kurzum: Auf Twitter herrscht Anarchie, und nicht wenige Angestellte nutzen das, um Dampf abzulassen. Da wird über den Chef gemeckert oder über eigene Produkte gelästert. Die meisten Wortmeldungen sind harmlos. Doch was passiert z. B., wenn über Twitter verbreitet wird, eine angeschlagene Firma habe einen Großkunden verloren? „So etwas kann im Konkurs enden“, warnt Anselm Withöft, ein auf Online-Recht spezialisierter Düsseldorfer Anwalt.

Genauso gefährlich wie Fehlinformationen könnten für die Firmen sorglose Twitterer in den eigenen Reihen werden. Das typische Szenario: Der Mitarbeiter steht auf einer Messe und hackt in sein Handy „gerade mit ¿ geredet“ – und schon weiß alle Welt, wie der Kunde heißt. Experte Schwarz erwartet, dass Firmen deshalb demnächst Web-2.0-Regeln einführen. „Angestellte werden unterschreiben müssen, dass sie nicht aus Sitzungen heraus twittern.“ Dass im Web die Gerüchteküche brodelt, ist natürlich nicht neu. Neu dagegen ist, dass Firmen gegen die Falschmeldungen oder Verleumdungen juristisch kaum etwas ausrichten können – anders als bei Weblogs oder Foren. Die erste Hürde: „Man kommt nicht an den Betreiber heran“, erklärt Anwalt Withöft. Die Server von Twitter stünden in den USA – und damit außerhalb der Reichweite deutscher Gerichte. Die zweite Hürde liege in der Natur des Mediums: Tweets verschwinden meist wieder so schnell, dass keine Beweise zurückbleiben, so Withöft. „Dann ist der Schaden aber schon angerichtet.“ Dass der Wildwuchs im so genannten Micro-Blogging bald aufhört, erwarten Experten nicht. „Solange keine Urheberrechte verletzt werden, gibt es keine Lobbygruppe, die Twitter in die Knie zwingen könnte“, erwartet Schwarz.

Wer den unzensierten Einblick in Unternehmen sucht, findet im Web dafür natürlich noch weitere Quellen – Kununu z. B.: Auf dieser Plattform bewerten Mitarbeiter ihren eigenen Arbeitgeber. Überraschend: Viele der hier bewerteten Firmen kooperieren sogar mit Kununu. „Die Marke eines Unternehmens wird künftig auch auf solchen Bewertungsplattformen gemacht“, ist Hans-Christoph Kürn, Leiter E-Recruiting bei Siemens, überzeugt.

Auch Twitter nehmen viele Unternehmen nicht nur als Gefahrenquelle, sondern als Chance wahr. In Großbritannien etwa sind schon über 6000 Firmen auf der Plattform aktiv. Klaus Eck, PR-Berater und bekennender Fan des Kurznachrichten-Dienstes, fordert deutsche Betriebe auf, nachzuziehen. „So kann man mit den Kunden ins Gespräch kommen.“ Darüber hinaus könnten Unternehmen über Twitter in Echtzeit erfahren, was Ihre Kunden über sie denken, lobt Eck.

CONSTANTIN GILLIES

Von Constantin Gillies
Von Constantin Gillies

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